17072019.

tl;dr – MuttiContent, Stillen.

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Benötigen das Internet und die Welt noch mehr MuttiContent? Nein. Interessiert es irgendwen? Sicherlich nicht. Schreib ich trotzdem darüber? Natürlich. Weil ist ja mein Tanzbereich hier.

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Heute gelesen, dass Stillen eine „heilige Verbindung“ zwischen Mutter und Kind sei, eine „Verbindung, die alles sei“, in der die Mutter „zu sich finden kann“, so „natürlich“ und dabei „dem Mutterinstinkt zu folgen“ – „immer und überall mit dem Kind verbunden“.

Sagt mal, geht’s noch?! Was eine geschwurbelte K*ckschei*e.

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Ich bin sehr froh darüber, dass mir der Kinderarzt heute nochmal sehr deutlich sagte, dass nicht Vollstillen zu können und nicht genügend Milch zu haben, nicht meine Schuld und ein durchaus natürlicher Vorgang ist. Kommt vor, ja mei.

Wusste ich schon vorher, aber das dauert bis es von Kopf und Verstand hin zu Herz und Gefühl gewandert ist.

Und eine derartige Überhöhung eines biologischen Vorgangs ist dabei nicht hilfreich. Im Gegenteil.

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Ständige Verbundenheit? – Ich denke unaufhörlich an dem Babybjoy herum, und über ihn nach. Ach, und so diffus im Hintergrund simmernde Sorgen habe ich auch ständig. Sind die gurgelnden Geräusche, die da aus dem Beistellbett kommen, normal oder erstickt er gerade an sich selbst? Oh, er ist müde, ah, er schläft nur auf mir ein, äh, wie komme ich denn jetzt zur Toilette? Geht mir weg mit Verbundenheit!

Natürlicher Mutterinstinkt? – Blablubb laberrhabarber, ist ein Mythos. Ja, frei erfunden. Blödsinn. Bullsh*t. Hier ein Artikel zum Stand der Forschung, hier ein weiterer. Stichwort: soziales Konstrukt. Wir Frauen kommen nicht als gute Mütter mit ominösem Geheimwissen zur Welt. Es wird uns antrainiert – wer bekommt als Kind denn die Puppen in die Hand? Und nach der Geburt trainieren wir weiter, weil die Männer bei der Arbeit sind. Training, alles Training.

Stillen als Selbstfindung? – Seriously?! Yoga und Co sind out, oder wie darf ich das verstehen? Stillen als neuer it-Faktor – wer es nicht kann, ist raus? Stillen als Distinktionsmerkmal. Wie wahrscheinlich ist es, dass Frauen aus prekären Verhältnissen, die schnell wieder in Lohn und Brot stehen müssen, um Geld zu verdienen, länger als unbedingt nötig stillen? Nix da mit „dem Kind jederzeit schenken, was es braucht“ oder Langzeitstillen.

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Für uns hat das Stillen wahrscheinlich bald ein Ende. In den Momenten, in denen es funktioniert hat, war es super. Babyboy selig = Mama selig = Papa und Hund selig = happy family. Aaawww! (scnr)

Aber das hatte jedes Mal seinen Preis: unfassbare Schmerzen wegen Milcheinschuss, entzündeten Brustwarzen, beißendem und kratzendem Baby oder dem berühmten Sack Reis. Nahrungsumstellung hin zu Sachen, die die Milchbildung fördern sollten, von denen mir jedoch kotzübel wurde, weil ich sie einfach nicht mag. Ein hysterisch die Brust anbrüllendes unberuhigbares Baby, wenn es feststellen musste, dass diesmal wieder nicht genug Milch vorhanden ist.

Immer wieder Zufüttern, immer wieder die „Angst vor der Waage“, immer wieder neue Versuche. (Ja, erfahrene Hebamme vorhanden. Ja, Kinderarzt ebenfalls konsultiert. Alle Möglichkeiten ausgelotet.)

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Wenn frau in so einer Situation steckt, dann will sie nicht hören und lesen müssen, dass Vollstillen die alleinig geheiligte Lösung ist. Dann will sie Mitgefühl und Lösungsvorschläge. Das Kind muss schließlich satt werden und wachsen, und das nicht auf Kosten der Mutter.

Der Druck ist eh schon groß genug, will frau da lesen, dass sie implizit (oder gar explizit) Schuld ist, wenn keine Milch fließt? Schließlich muss sie es ja sein, denn ein natürlicher Prozess, eine geheiligte Verbindung kann doch nicht einfach so unterbrochen werden. Wo kämen wir denn dahin, wenn die Natur jeder Frau individuell reagieren würde? Hallo?!

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Schön ist der Satz, den ich gelesen habe, leider weiß ich nicht mehr wo, „es gibt so viele unterschiedliche Lösungen, wie es Familien gibt“. Es gibt kein Allheilmittel.

Und ja, ich beneide die Frauen, die einfach ihre Brüste auspacken können und zack, Baby satt. Es vereinfacht einen nicht unwesentlichen Aspekt des Zusammenlebens mit Kleinkind. Die Frauen haben dann aber andere Herausforderungen, auch das weiß ich.

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Hier geht die Ernährung des Quietschboy nun mit einer lustigen Mischung aus Abpumpen, Zufüttern und minimalStillen weiter.

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Es ist nur eine Phase.

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10072019.

Ich habe heute ein Foto eingerahmt und gehängt, das unscharf ist, eine Lichtspiegelung hat wo keine sein sollte und auf dem wir überhaupt recht unvorteilhaft aussehen. Aber…es ist zwei Stunden nach der Geburt entstanden und unser erstes Foto als Familie. Auch wenn man den Quietschboy darauf fast nicht sieht.

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Wir haben Unmengen an Mulltüchern, ständig liegen irgendwelche irgendwo im Weg herum, aber nie ist eines zur Hand, wenn man es braucht. Ich nenne es „das Mulltuch-Paradox“.

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Vermutlich hat der eine, von unserer Vorbesitzerin übernommene, Buchsbaum sich den Zünsler eingefangen. Ich hoffe, dass der Befall stark genug ist, um dem Ding den Garaus zu machen. Der Mann hofft das Gegenteil.

Leider zeigt die Erfahrung, dass Dinge, an die der Mann sein Herz verschenkt hat und die ich gerne loswerden würde, sehr lange brauchen, um kaputt zu gehen.

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Am Wochenende kommt die Schwägerin zu Besuch und – ich freu mich drauf. Sie kommt mit nur einem Sohn, das macht das Ganze entspannt, und wir werden einfach Eis essen. Irgendwie ist im Verlauf des letzten Jahres sowohl bei ihr als auch bei mir ein Schalter umgelegt worden, der es uns beiden leichter macht.

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Wir leben recht zeitlos. Auch so ein Paradox: einerseits ist es bereits knapp zwei Monate her seit wir alle zuhause sind und ich frage mich, wie ging das jetzt so schnell? Andererseits kommt es mir vor als dauere der Sommer ewig und alles stünde still.

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Tausend Jahre sind ein Tag.

25062019.

Wie erwartet, habe ich anlässlich Papas Geburtstag ungefähr fünf Sätze mit ihm und anschließend die doppelte Menge davon mit Mama gewechselt. Entgegen meines Hinweises, dass es nichts zu erzählen gibt, ich seinetwegen anrufe und es allen gut geht. – Auffallend ist ihr veränderter Tonfall seit ich Mutter geworden bin, süßlich-vertraulich.

Wir haben uns trotz des insgesamt recht kurzen Telefonats in die Wolle bekommen – sie wirft mir vor mit Fotos des Sohnes zu geizen, er sei schließlich ihr Enkel. Das war dann wieder die bekannte Tonart. Ich halte dagegen, dass er halt aussieht wie ein Baby und wir grundsätzlich wenig bis gar keine Bilder machen. (Der Mann und ich lassen uns beide nicht gerne fotografieren und haben eine Abneigung gegen die Herumreichung von Enkelbildern im Freundeskreis unserer Eltern. Das wirkt sich aus.)

Zudem bin ich der Meinung, dass sie kein Anrecht auf Teilhabe hat, nur aufgrund von Blutsverwandschaft – nicht bei mir, erst recht nicht beim Kind. Das ist allerdings ein argumentatives Fass, das ich in der Herkunftsfamilie nicht zu öffnen gedenke. (Blutsverwandschaft ist Zufall. Ich habe durchaus die Pflicht für mein Kind Sorge zu tragen und es hat ein Recht auf diese Versorgung, schließlich ist es nicht freiwillig, sondern aufgrund meiner Entscheidungen auf dieser Welt. Entsprechend sind die Schuldigkeiten m.M.n. verteilt. – Seien Sie doch so nett und erinnern mich zu gegebenem Zeitpunkt daran. Ja, es ist nicht leicht mit mir.)

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Anlässlich von Geburt, Tod und Hochzeit über die Kulturtechnik des Kartenschreibens sinniert und wie schwierig es ist, Worte zu finden, die über die üblichen Plattitüden hinaus gehen, dabei nicht schwülstig oder anbiedernd wirken und zudem sowohl der Schreibenden als auch der Lesenden gerecht werden. Gar nicht zu sprechen von der Auswahl der Karte und ihrer Gestaltung.

Es ist nicht nur eine Technik, sondern auch eine Kunst und zwar eine aussterbende.

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Was bleibt?

23062019.

Morgen hat Papa Geburtstag. Ich habe keine Lust anzurufen – letztlich wird es doch nur wieder ein belangloses Gespräch, das am Ende hauptsächlich Mama geführt haben wird.

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Grundgefühl derzeit ist eine Mischung aus Ängstlichkeit, Genervtheit und Anspannung.

Das auserkorene Jahresmotto umzusetzen ist…schwierig. Wie gewohnt, ich lege mir selbst dabei die dicksten Brocken in den Weg.

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Zudem, mein Teil des Internets ist derzeit…wenig hilfreich. Jede*r ist in der eigenen Rolle und füllt diese hervorragend aus, dennoch bzw eben deswegen komme ich nicht aus dem Augenrollen heraus.

Auch hier, es liegt mehr an mir als an allen anderen.

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Ich kämpfe mit mir gegen mich. Gegen meinen körperlichen Zustand, gegen meine Entscheidungen, gegen meinen Seelenfrieden.

Ich fühle mich unwohl mit mir selbst, hasse mich und meine Zustände geradezu und alles was ich mache, sage oder eben nicht, ist nur oberflächliche Kosmetik.

Ich ruiniere damit erfolgreich die guten Tage.

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Es wird wieder anders werden, die Befindlichkeiten werden wieder vergehen, jedoch sehe ich zurzeit noch nicht, wann und wie.

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Alles ist gut.

07062019.

Seit Tagen versuche ich hier zu schreiben und finde doch keine Worte.

Wenn ich hier nun also die heutige Kastration des kleinen Hundes erwähne und dass wir uns trotz Beruhigung durch den Tierarzt natürlich Sorgen machten (es verlief alles gut), dann ist es nur die Spitze des Eisbergs der Gedankenmacherei der letzten Tage.

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Wir haben das erste Mal eine Ahnung davon bekommen, was es heißt, sich Sorgen um das eigene Kind zu machen, um die Zukunft und wie diese im Fall der Fälle zu gestalten sein würde. Ich weiß nicht, welchen höheren Mächten wir es zu verdanken haben, dass nichts davon eingetreten ist, und es ist wohl auch irrelevant, denn es ändert nichts an der Erleichterung und Dankbarkeit über ein unspektakuläres Endergebnis.

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Demut lernen.

25052019.

Sich unzulänglich zu fühlen, bedeutet nicht Schuld zu haben. Es ist vielmehr das Gefühl, nicht zu genügen, vieles – gar alles – falsch zu machen und irgendwann so verunsichert zu sein, dass erst recht nur Blödsinn aus dem eigenen Handeln entsteht.

Glückwunsch, liebes Ich, wir sind jetzt Mutter.

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Viele Gedanken sowie einige Sorgen unbekannter, weil neuer Art sind hier eingezogen. Alles in allem, in einem noch erträglichen Rahmen.

Wozu mir jedoch die Energie fehlt: mich konsequent durchzusetzen und mich deutlich zu äußern. Lange wurde mein Körper nicht mehr so aus der Bahn geworfen, und ich bin immer noch schwach, liege mehr als dass ich sitzen oder stehen, geschweige denn gehen, kann. Und die körperliche Unversehrtheit fehlt mir, um mir und meinen Anforderungen Durchschlagkraft zu verleihen. Ich bin mit Heilung beschäftigt.

Das führt dazu, dass ich mich weniger auf mich verlassen kann und dass man eher versucht ist, mich einzulullen und auch hinzuhalten. Noch funktioniert es nicht, das viel beschworene „vertrau auf dein Gefühl, lass dir nichts einreden.“ – auch das ein Muskel, der trainiert werden muss.

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Die Realität hält Einzug.

17052019.

In der Nacht zu Dienstag kam das Herzenskind auf die Welt.

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Ich nenne den Zustand, der mich seither in Atem hält, „emotionale Überarbeitung“.

Denn es rumort heftigst in mir, und – so sieht es zumindest von außen aus – auch im Mann. Wer sind wir jetzt, wie „gut“ sind wir als Eltern, können wir „Team“ auch bei dieser Aufgabe?

Die Tage sind erholsam, die Nächte weniger. (Als würde ich Eltern da etwas neues erzählen, hüstel.) Der beste Plan, den wir dank GlückSchicksalUniversum umsetzen durften, war die ambulante Geburt. Vier Stunden nach dem ersten Schrei des Kindes waren wir bereits auf dem Weg nach Hause.

Die ersten beiden Tage waren somit geprägt von sehr viel Ruhe, freier Zeiteinteilung, der Freude über das eigene Bett und überhaupt von Familienzeit ganz ohne fremde Menschen oder Rücksichtnahme auf solche.

Das Hormon- und Schmerzmittelhoch ließ mich sogar die bei einer ambulanten Geburt notwendigen, und bereits vorbereiteten, Arzttermine noch am selben Tag endgültig festlegen, so dass wir uns jetzt auf dieses kleine Menschenkind konzentrieren können.

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Der kleine Hund ist sehr in Sorge um das Herzenskind und kontrolliert sehr schnell und streng, ob wir auch alles richtig machen. Sein Blick lässt keine Zweifel daran, dass wir seiner Meinung nach von Welpenaufzucht so gar keine Ahnung haben.

(Wie geduldig und sensibel der Hund doch ist, und ja, aktuell müssen wir aufpassen, dass er nicht zu kurz kommt, versuchen es allerdings durch zusätzliche Vergünstigungen wie Mittagsschläfchen im Bett mit uns anderen zu kompensieren.)

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Das Internet, insbesondere der blaue Kurznachrichtendienst, ist ein besonderer Ort – so viele liebe Nachrichten, Wünsche und Gedanken sowie wundervolle Geschenke, die uns erreicht haben – das ist auf vielen Ebenen so großartig schön, dass ich sehr dankbar dafür bin, das zu erleben. <3

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Noch überlege ich, ob und wie ich über die Geburt und die damit verbundenen Erfahrungen schreiben soll. Vielleicht erst einmal nur für mich, vielleicht auch gar nicht, vielleicht später.

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Passen Sie auf, was Sie sich wünschen – es könnte in Erfüllung gehen.