06052018.

Diese Tage, die nach Flieder und Sonnencreme auf warmer Haut riechen, an denen man sich in unterhaltsamer Gesellschaft trifft, um zu tanzen und zu essen, Spaß zu haben, die Leichtigkeit und dieses besondere Flair zu erleben, das nur der Frühsommer bieten kann. Angefüllt mit Verheißung auf das, was kommen mag, so jung wie nie mehr in diesem Moment, in diesem Jahr, in diesem Leben.

Und jetzt liege ich hier und denke, dass mir die Zeit davon läuft und ich noch so viel machen will, und plötzlich habe ich es eilig, will, dass die Nacht vorüber ist, dass ich loslegen kann, dabei ist schon der Augenblick vorbei. Die Verlockung, die Jugend, die Leichtigkeit, so schön, so schnell, so flüchtig. Das erste Drittel liegt hinter mir, angefüllt mit allem was war und was sein wird.

Noch wird sie bei mir zu Besuch kommen, die Lockende, die Verheißungsvolle, die aussichtsreiche Zukunft. Wird mich besuchen, wenn der Flieder blüht und die Haut nach Sonne riecht. Gemeinsam werden wir altern, Versprechen einlösen oder auch nicht, sie wird sich seltener zeigen. Wird sich ändern, umbenennen, das Gewand der Erinnerung überwerfen.

Wenn dann, ganz am Ende, zwei weitere Drittel dieser Art stehen, will ich es zufrieden sein. (Möge ich mich an den schlechten Tagen daran erinnern.)

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30052017.

Am Wochenende besuche ich meine Familie. Mittlerweile sind wir alle wieder ungefähr auf einem ähnlichen Wissensstand, was die Belange der einzelnen Familienmitglieder angeht. Halleluja.

Was mir nicht erzählt wurde bzw. was ich verpasst habe, weil ich selbst ja auch nicht nachgefragt habe (und außerdem in so einem dunklen Loch steckte):
drei weitere Operationen, eine Reha, einen Hausumbau sowie einen Geschäftsumzug. In der Beziehung sind meine Geschwister und ich uns dann doch sehr nahe, wir erzählen die griffigen Themen, die ans Herz gehen könnten, erst hinterher. Was bei einer Mutter, die ihre Nase in jede noch so persönliche Angelegenheit reinsteckt, vermutlich eine logische Folge ist. Sei’s drum. Das Gute, wir sind nach so einer Zeit nicht mehr beleidigt miteinander. (Was auch ewig gedauert hat, so weit zu kommen.)

Jedenfalls habe ich mir einen telefonischen Vorabstatus geben lassen, und der Zustand meiner Familie ist einmal mehr mit einem gepflegten „alle irre“ nur unzureichend zu beschreiben. (Zumindest kommt es mir so vor.)

Mama hat Papa nach dem Schlaganfall Bier ans Krankenhausbett geschmuggelt. Weil sie Angst hatte, dass er Entzugserscheinungen bekommt, denn tatsächlich ist Papa schon seit lange vor meiner Geburt Alkoholiker. Allerdings ist er dies nicht offiziell (ja, ich schüttle auch den Kopf), denn er „trinkt nur aus Gewohnheit abends mal ein oder zwei Bier“, so Mama. Das ist nur schon lange nicht mehr so, und das wissen wir Geschwister auch, haben es alle gesehen. Allerdings wissen wir nichts offiziell. Laut Mama wissen die Ärzte nicht, was Papa hat – wie auch wenn die Zwei nichts über seinen Alkoholkonsum verlautbaren lassen? (Hier bitte Augenrollen einfügen.) Natürlich durften wir entsprechend nichts von der Schmuggelei erfahren. Wie kam es heraus? Papa war so stolz auf seine Frau, die sich so um ihn sorgt, dass er die Schmuggelstory meinem Bruder erzählt hat, weil Papa vergaß, dass er es nicht verraten sollte, weil seit dem Schlaganfall sein Kurzzeitgedächtnis nicht mehr richtig funktioniert. (Es gibt noch so ein paar Geschichten aus den letzten Wochen.)

Ich habe keine Ahnung, ob ich lachen oder weinen soll. Am Telefon vorhin lachte ich noch, weil es einfach so absurd und doch wieder so passend ist. Mama und Papa sind…einmalig. Unfassbar, wie die beiden sich immer absolut loyal gegenseitig den Rücken frei hielten und immer noch halten. Wie sie sich lieben, wie sie einfach alles für den Anderen bzw. die Andere tun würden. Und gleichzeitig bricht es mir das Herz, weil Mama mit ihrem alles beherrschenden Willen diesmal nur scheitern kann, ja, scheitern muss.

Papa wird nicht wieder Autofahren können, egal, wie sehr Mama es sich wünscht. Sie kann den Haushalt und alle Besorgungen nicht mehr alleine stemmen, egal, wie sehr sie es will. Die Lebenssituation wird nicht so bestehen bleiben können, wie sie bislang war, egal, wie sehr sie das möchte. Ihre Selbstständigkeit wird kleiner werden, weil es körperlich und logistisch nicht mehr anders möglich sein wird. Das Haus ist nicht altersgerecht umgebaut, momentan verweigern sie jedoch hier tätig zu werden. Es wird Pflege- oder zumindest Haushaltshilfe notwendig sein, spätestens nach der Reha, die beantragt werden muss. Die Kraft, die meine Mutter investiert, um dieses ganze Gebilde rund um Papa, den Alkoholismus und das anständige Leben aufrecht zu erhalten, ist enorm. Einfacher wäre uns ins Boot zu holen, so lavieren wir halt weiterhin drum herum. (Das Thema ansprechen? Been there, done that, mache ich nie wieder.)

Und dass kein falscher Eindruck entsteht: es ist die freie Entscheidung meiner Eltern gewesen, ihre Beziehung und ihr Leben so zu gestalten wie sie es tun. Es war und ist ein gutes Leben – meine Mutter hat die im Nachkriegsdeutschland durchaus übliche gewalttätige Spirale, der sie und mein Vater in ihren Elternhäusern ausgesetzt waren, durchbrochen. Die beiden haben es geschafft, uns Kindern zu zeigen, dass Liebe so viele Gesichter haben kann, und dass Beziehung auch Arbeit ist und dass sich das verdammtnochmal lohnt.

Nur, wir sehen, ich beobachte, wie es sich ändert, wie den Eltern der Einfluss auf die Lebensgestaltung entgleitet. Meine Schwester scheut derzeit eine Auseinandersetzung, mein Bruder besteht fast nur noch aus Auseinandersetzung und alle verhalten sich wie die aufgescheuchten Hühner. Was notwendig ist, ist ein Gespräch darüber, wie meine Eltern ihren Lebensabend gestalten wollen, jenseits von „Wir wollen nur beieinander sein und unsere Ruhe haben“.

Meine Mutter muss lernen, um Hilfe zu bitten und Verantwortung abzugeben, um mit Papa zusammen wieder freier und selbstbestimmter leben zu können. So paradox sich das auch anhören mag. Und wir brauchen eine pragmatische Lösung jenseits von gefühls- und angstgeführten Vorwürfen, wie sie in (unseren) familiären Diskussionen so oft auftauchen und die man ja auch nicht ausschalten kann. (Und das hört sich gerade sehr nach Parteipolitik an, aber innerlich wappne ich mich schon für das Gespräch, das ich mit dem mir ewigwährenden immanenten Schutz des Nesthäkchenstatus angehen werde.)

Das Altern der Eltern ist nichts für Weicheier, Kinder.

alt.

Für Mama gibt und gab es die Kategorie „älter werden“ nicht. Manchmal glaube ich, sie denkt nur in absoluten Kategorien: entweder wird man alt oder man ist es bereits. Sie sprach und spricht nie von „älter“ – es hieß immer „alt“, uneingeschränkt und unumstößlich. Als akzeptable Alternative gilt nur noch jung, und das sind tatsächlich alle die jünger sind als sie – selbstverständlich auch meine Geschwister, die beide Anfang 50 sind. (Ich selbst bin ein Hüpfer von gerade mal 32 Jahren und damit in den Augen meiner Familie immer noch grün hinter den Ohren.) Von meinen Geschwistern höre ich hingegen schon jetzt „Ach, man wird halt älter. Es zwickt einen hier und da, und es geht halt nemme so wie früher.“ Als Mama irgendwas Anfang 50 war, hatte sie eine vorpubertäre Tochter, die sie durchs Gymnasium bringen musste und deren Erwachsenwerden sie noch erleben wollte. Bereits damals, zu meinen Pubertätszeiten, erzählte sie mir, dass sie immer Angst davor habe nicht zu sehen, wie ich aufwachse oder wie ich als erwachsene Frau sein werde. Sie hatte jedoch nie Angst vor dem Altwerden. „Das passiert halt, und irgendwann ist man es.“ Punkt. Sie ist im Schwarzwald auf einem Bauernhof aufgewachsen, ein kleines Nest, in dem es zeitweise mehr Alte als Junge gab, kriegsbedingt. Die Alten lebten mit auf den Höfen, kümmerten sich um die Kinder, während die junge Generation auf dem Feld war. Sichtbar waren sie, die Alten, sorgten für Schrecken, aber auch für liebevolle Erinnerungen. Sie waren einfach da. Vielleicht ist das mit ein Grund, dass das Altwerden für Mama kein sukzessiver Prozess zu sein scheint, also heute ein bisschen und dann morgen wieder etwas mehr. Nein, man macht und schafft solange man kann und wenn man nicht mehr kann, dann – und erst dann – ist man alt. Tatsächlich habe ich sie nie als ältere Frau wahr genommen, auch nicht während meiner Jugend. Sie strahlte immer energische Umtriebigkeit aus und hatte die Familie fest im Griff. Mamas Wort war Gesetz und so gesehen bin ich in einem Matriarchat aufgewachsen, in dem Papa die Rolle hatte (und immer noch hat), sie zu vergöttern. Während meiner Teenagerzeit, fragte ich sie, wie sich ihr Alter anfühle. Sie sagte, sie wisse es nicht. Sie fühle sich wie vor 20 oder 30 Jahren, und ganz ehrlich, sie habe keine Zeit und keine Lust auf das Gejammer ihrer Altersgenoss*innen, die mit ihren Wehwehchen angaben und vom Älterwerden klagten. „Alt bin ich noch früh genug.“ Danach ging es auch direkt weiter, es musste irgendwas gekocht oder im Garten gemacht oder ein Bild fertig gemalt werden. Ich zog aus, machte eine Ausbildung, studierte vor mich hin, liebte und lebte, wie man das als Zwanziger so macht, selbstvergessen in den Tag hinein. Und ich weiß nicht, wann es geschah oder wie, aber ich habe im Ohr noch den leicht bedauernden Tonfall als Mama sagte „Jetzt bin ich alt.“ Sie hatte die Kategorie gewechselt, vom Altwerden ins Altsein. Von heute auf morgen, ganz plötzlich war es da. Das Eingeständnis von Alter. Kein Verstecken hinter Worthülsen, heute ein bisschen und morgen noch etwas mehr, kein Älterwerden, sondern eine absolute Kategorie: alt.

***

Zu diesem Text hat mich die Blogaktion #älterwerden von quadratmeter inspiriert.

mäandern.

Als ich heute früh noch im Bett lag und der Mann sich schon verabschiedet hatte, habe ich, fast schon aus Gewohnheit, den Kirchenglocken zugehört. Ich mag diesen Klang, so voll und tönend, der sich wie eine Decke ausbreitet und über das Land legt. Für mich hat dieses Klingen und Tönen etwas unglaublich Tröstendes und ein Gefühl von Zuhause, ohne dass ich nun von mir sagen könnte, dass ich besonders christlich sei. In meiner Heimat, dort wo ich aufgewachsen bin, wurde dieser Klang je nach Uhrzeit und Windrichtung vom Rattern der Eisenbahnschienen begleitet, wenn gerade ein Zug durchfuhr. In der Herzensheimat, wo ich 11 Jahre lang gelebt habe, hat man Samstags die Glocken zusammen mit dem Jubel und den Fangesängen aus dem Stadion gehört. (Zurzeit wird dort weniger gejubelt, aber das ist eine andere Geschichte.) Hier ist es tatsächlich einfach nur still, man hört nur die vollen Töne der Kirchen, weil es hier grundsätzlich so ruhig ist. Hape Kerkeling schrieb in seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ sinngemäß (ich bin gerade zu faul, das korrekte Zitat heraus zu suchen), dass er Deutschland, seine Heimat, mit dem Geläut von Kirchenglocken assoziiert, die sich wie ein Klangteppich über die Landschaft legen. Meine Gedanken mäandern zurück zur Heimat, zu meiner Mutter und ihrem Besuch hier gemeinsam mit meiner Schwester. Es ist augenscheinlich geworden, dass die Beiden – auch wenn sie anderes behaupten – in ihrer Beziehung noch Themen auszuarbeiten haben. Ganz leicht hatten sie es wohl noch nie miteinander, meine Schwester ist 20 Jahre älter als ich und hat ihre Kämpfe vor meiner Zeit ausgetragen. Es waren – sind – wohl auch andere Kämpfe. Ich selbst arbeite mich seit dem Besuch wieder an Mama ab. Was nach meinem Auszug vor 13 Jahren über die Zeit hinweg, zur Ruhe gekommen war, taucht wieder auf. Was sie nicht hören mag, kanzelt sie ab. Subjektive Erinnerungen anderer möchte sie nicht hören, und tut sie als hinfällig ab. Das macht es schwer mit ihr über Erlebtes zu sprechen, oder gar zu diskutieren. Von der Vergangenheit will sie nichts hören, das ist „alter Scheiß, das war so“ und reden darüber bringt ja doch nichts. Ich gebe ihr Recht, ändern wird sich nichts an der Vergangenheit, allerdings an unserer Einschätzung und an unserer Position zu ihr. Manchmal denke ich, dass sie Angst hat. Davor, dass wir ihr die Deutungshoheit über ihr Leben aus der Hand nehmen könnten. Nicht nur was die Vergangenheit angeht, sondern auch die Gegenwart und die Angst davor, dass sie und Papa nicht mehr selbstständig leben dürften, so lange es eben geht. Beide haben eine unsagbare Angst davor, ins Altenheim abgeschoben zu werden, obwohl sie ein eigenes Haus haben, obwohl wir noch nie etwas derartiges angedeutet haben, obwohl sie sagen, dass sie nicht von uns Kindern gepflegt werden wollen, und obwohl sie trotz mancher Alterswehwehchen noch sehr selbstständig und frei unterwegs sind. Was Mama angeht, hat sie das Sagen. Schon immer gehabt, ohne Rücksicht auf Verluste. Vielleicht ist das der Kern, den ich ihr vorwerfe, dass sie von mir verlangt hat zu funktionieren, mich „nicht so anzustellen“ und es allen – hauptsächlich ihr – Recht zu machen. Mein Bruder erzählte mal, dass er lieber bei seinen Schwiegereltern zu Besuch ist, weil er sich da auch mal eine halbe Stunde einfach hinlegen könnte, ohne nach dem „warum, weshalb, wieso“ gefragt und ohne zu irgendetwas aufgefordert zu werden. Ich konnte das damals schon gut verstehen, heute vielleicht noch mehr und noch aus einer anderen Perspektive.