16062017.

In unserem Mietshaus lebt auch das Hausmeisterehepaar. Seit mehr als 29 Jahren. Sie kennen die Menschen, die Wohnungen, den Eigentümer, das Viertel. Alles.

An jeder Türe des Hauses sind Zettel befestigt. In Klarsichthüllen. „Bitte aus Sicherheitsgründen IMMER geschlossen halten!“ – „Dies ist ein Fluchtweg!!!“ – „Wem gehört das weiße Regal im Heizungskeller? Bitte UMGEHEND entfernen oder es wird binnen 14 Tagen entsorgt!!! Eine Abstellung ist  NICHT gestattet.“

Um 21:45 erfolgt der tägliche Gang durch das Haus, über den Hof und durch den Keller. Jede Außentüre wird doppelt abgeschlossen, Unbefugten ist der Zutritt verboten. Morgens früh wird aufgeschlossen und der Gehweg vor dem Haus von allen Blättern, Blüten und Vogelschiss gereinigt.

Die Wohnungstüren gehen raus auf eine Balustrade, die in den Innenhof ausgerichtet ist. Wenn man es positiv betrachtet, ist es ein einziger großer Balkon, der durchgängig mit Geranien begrünt, umwerfend wirken würde. Neben unserer Tür stehen Pflanzen auf alten Obstkisten. Selten stehen hier und da die Wäscheständer draußen, wenn es warm ist. Noch seltener setzen sich die Nachbarn mit den Stühlen vor die Tür und trinken Kaffee.

Denn, wenn es klingelt, ist es der Hausmeister. „Dies ist nicht gestattet. Zum Wäschetrocknen nutzen Sie bitte den geschlossenen Dachboden, da kann auch nichts wieder nass werden. Sie dürfen auch maximal einen kleinen Topf neben Ihre Tür stellen, sonst ist hier kein Platz, das wuchert ja alles zu. Die Stühle dürfen hier nicht stehenbleiben, da kann ja jemand drüber stolpern. Das ist gefährlich! Es ist nicht gestattet. Was soll denn der Hausherr da sagen, wenn er das sieht?“

Worauf der Hausmeister keinen Einfluss hat, sind die Schwalben, die weiterhin unter dem Dach nisten, im Innenhof ihre Kamikazeflüge absolvieren und die Balkonbrüstung vollkacken.

15062017.

Zu Beginn des Jahres, als ich körperlich und seelisch ziemlich kaputt gespielt gearbeitet war, nahm ich mir vor, dass sich etwas ändern muss. Nicht unbedingt konkrete Umstände, aber meine Einstellung zu den Umständen und dem, was mir so passierte. Ich überlegte mir, dass…nein, ich hatte die Sehnsucht nach mehr Abenteuer in meinem Leben, überhaupt nach mehr „Leben“ im Leben.

Mein Jahresmotto, legte ich fest, sollte also sein „mehr Abenteuer wagen“. Beschwingt setzte ich mich an meinen Arbeitstisch, malte ein Bild, ein sinniger Spruch „and so the adventure begins“ im Mittelpunkt, illustriert mit Motiven aus Alice im Wunderland und anderen Illustrationen. An die Wand genagelt und gut. Da hängt es seither und es hängt da gut, denn der Nagel ist sehr stabil.

Und ich fragte mich, wo bleibt denn jetzt mein Abenteuer? Ich wollte mich doch wieder wie Anfang 20 fühlen, unbesiegbar sein in einer Nacht voller Sterne, wenn über der Stadt diese schon wieder verblassen, die Sonne noch nicht sichtbar den Himmel färbt und man beseelt von Tanz, Alkohol und diesem Flirren im Bauch nach Hause hüpft. Wissend, hinter der nächsten Ecke wartet ein hübscher Junge, die beste Freundin, die nächste Aufregung oder alles zusammen.

Es wird sich nicht mehr anfühlen wie Anfang 20. Ich bin zehn Jahre älter und mein Mut, mich hineinzustürzen, ist durch Erfahrung gedämpft worden.

Ich habe „nein“ gesagt zu meiner bisherigen Lebensgestaltung und „ja“ zu der Ungewissheit, die da auftauchte und ausgehalten werden will. Viel freie Zeit, die viele kleine Spontanitäten erlaubt. Und große Ereignisse in Gang brachte. Wir haben uns einen kleinen bald großen Hund gekauft. Der zeigte uns plötzlich sehr deutlich, was wir wollen und was nun genug ist. Also haben wir uns jetzt auch noch ein Haus gekauft. Mit riesengroßem Grundstück und viel Platz.

Das Gefühl dabei ist „wooooaaaaaah“, atemberaubend mit Flattern und Flirren im Bauch. Da steht plötzlich der Einsame Berg vor mir, und in ihm warten Smaug, der Arkenstein unnd abermillionen Schätze. Ich kann es also doch noch, das mit dem Mut und den Abenteuern.

Man muss sich nur die Abenteuer aussuchen, die zur eigenen Größe passen.

08062017.

Popcorn und Wein waren nicht nötig beim Besuch in der Heimat.

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Des Bruders Weinkeller ist hervorragend ausgestattet. Wir verköstigten diverse Weißweine aus der Gegend rund um den Neusiedler See. Seine Pizza ist ebenfalls äußerst lecker, allerdings weist sie noch Luft nach oben auf.

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Den besten Erdbeerkuchen backt meine Schwester. Seriously.

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Mama ist Mama. Was meine Geschwister in den 20 Jahren, die sie länger auf der Welt sind noch nicht gelernt haben:
1. Wenn du willst, dass Mama sich nach deinen Wünschen verhält, nehme eine Inception (*) vor – lass sie selbst denken. Das im Schwäbischen allseits beliebte „Ha, da musch des und des mache“ funktioniert bei ihr noch weniger als bei uns Geschwistern. (Woher das wohl…? Ach, lassen wir das.)
2. Man gebe ihr Contra – ich muss mir nicht mehr alles gefallen lassen. Und wenn Bruder und Schwester mir sagen, dass Mama sie mit etwas über 50 noch nicht ernst nehme, bitte, dann ist das deren Thema, nicht meines.

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Der Rosengarten hinterm Elternhaus ist der Schönste der Welt.

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Die zwei Leittiere der imaginären Kuhherde sind vom Eis. Papa wird nicht mehr Autofahren und das Haus wird altersgerecht umgebaut. (**) Es werden neue Kühe und Kälber nachgeboren werden, um mal im Bild zu bleiben, aber ich vermute, das Schlimmste haben wir hinter uns.

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Ich habe zudem der Nichte, die seit 2 Jahren den Kontakt zur Familie abgebrochen hat, zum Geburtstag gratuliert. Komische Sache.

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Jedes Mal wenn ich aus der Geburtsheimat wieder in die Wahlheimat zurückkehre, merke ich auf wie vielen unterschiedlichen Ebenen es mir hier im Norden besser geht: gesundheitlich, psychisch, seelisch. Als würde mich der Wind hier oben frei pusten, mich atmen lassen und mir dazu verhelfen, mich zu entfalten.

Es ist schon gut so, wie es ist.

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(*) Ihr kennt hoffentlich den Film mit DiCaprio und der Cotillard in den Hauptrollen?

(**) Hier bitte ein Öffnen der Himmelspforten sowie ein hymnisches „Hallelujah“ vorstellen.

31052017.

Der Mann und ich beschließen zwei Flaschen sehr guten Weines mit in die Heimat in das Haus meines Vaters, des Alkoholikers, zu nehmen. Für uns zum Genuss inmitten dieses Zirkusstücks, das meine Familie aufzuführen scheint.

Oh, diese Ironie.

30052017.

Am Wochenende besuche ich meine Familie. Mittlerweile sind wir alle wieder ungefähr auf einem ähnlichen Wissensstand, was die Belange der einzelnen Familienmitglieder angeht. Halleluja.

Was mir nicht erzählt wurde bzw. was ich verpasst habe, weil ich selbst ja auch nicht nachgefragt habe (und außerdem in so einem dunklen Loch steckte):
drei weitere Operationen, eine Reha, einen Hausumbau sowie einen Geschäftsumzug. In der Beziehung sind meine Geschwister und ich uns dann doch sehr nahe, wir erzählen die griffigen Themen, die ans Herz gehen könnten, erst hinterher. Was bei einer Mutter, die ihre Nase in jede noch so persönliche Angelegenheit reinsteckt, vermutlich eine logische Folge ist. Sei’s drum. Das Gute, wir sind nach so einer Zeit nicht mehr beleidigt miteinander. (Was auch ewig gedauert hat, so weit zu kommen.)

Jedenfalls habe ich mir einen telefonischen Vorabstatus geben lassen, und der Zustand meiner Familie ist einmal mehr mit einem gepflegten „alle irre“ nur unzureichend zu beschreiben. (Zumindest kommt es mir so vor.)

Mama hat Papa nach dem Schlaganfall Bier ans Krankenhausbett geschmuggelt. Weil sie Angst hatte, dass er Entzugserscheinungen bekommt, denn tatsächlich ist Papa schon seit lange vor meiner Geburt Alkoholiker. Allerdings ist er dies nicht offiziell (ja, ich schüttle auch den Kopf), denn er „trinkt nur aus Gewohnheit abends mal ein oder zwei Bier“, so Mama. Das ist nur schon lange nicht mehr so, und das wissen wir Geschwister auch, haben es alle gesehen. Allerdings wissen wir nichts offiziell. Laut Mama wissen die Ärzte nicht, was Papa hat – wie auch wenn die Zwei nichts über seinen Alkoholkonsum verlautbaren lassen? (Hier bitte Augenrollen einfügen.) Natürlich durften wir entsprechend nichts von der Schmuggelei erfahren. Wie kam es heraus? Papa war so stolz auf seine Frau, die sich so um ihn sorgt, dass er die Schmuggelstory meinem Bruder erzählt hat, weil Papa vergaß, dass er es nicht verraten sollte, weil seit dem Schlaganfall sein Kurzzeitgedächtnis nicht mehr richtig funktioniert. (Es gibt noch so ein paar Geschichten aus den letzten Wochen.)

Ich habe keine Ahnung, ob ich lachen oder weinen soll. Am Telefon vorhin lachte ich noch, weil es einfach so absurd und doch wieder so passend ist. Mama und Papa sind…einmalig. Unfassbar, wie die beiden sich immer absolut loyal gegenseitig den Rücken frei hielten und immer noch halten. Wie sie sich lieben, wie sie einfach alles für den Anderen bzw. die Andere tun würden. Und gleichzeitig bricht es mir das Herz, weil Mama mit ihrem alles beherrschenden Willen diesmal nur scheitern kann, ja, scheitern muss.

Papa wird nicht wieder Autofahren können, egal, wie sehr Mama es sich wünscht. Sie kann den Haushalt und alle Besorgungen nicht mehr alleine stemmen, egal, wie sehr sie es will. Die Lebenssituation wird nicht so bestehen bleiben können, wie sie bislang war, egal, wie sehr sie das möchte. Ihre Selbstständigkeit wird kleiner werden, weil es körperlich und logistisch nicht mehr anders möglich sein wird. Das Haus ist nicht altersgerecht umgebaut, momentan verweigern sie jedoch hier tätig zu werden. Es wird Pflege- oder zumindest Haushaltshilfe notwendig sein, spätestens nach der Reha, die beantragt werden muss. Die Kraft, die meine Mutter investiert, um dieses ganze Gebilde rund um Papa, den Alkoholismus und das anständige Leben aufrecht zu erhalten, ist enorm. Einfacher wäre uns ins Boot zu holen, so lavieren wir halt weiterhin drum herum. (Das Thema ansprechen? Been there, done that, mache ich nie wieder.)

Und dass kein falscher Eindruck entsteht: es ist die freie Entscheidung meiner Eltern gewesen, ihre Beziehung und ihr Leben so zu gestalten wie sie es tun. Es war und ist ein gutes Leben – meine Mutter hat die im Nachkriegsdeutschland durchaus übliche gewalttätige Spirale, der sie und mein Vater in ihren Elternhäusern ausgesetzt waren, durchbrochen. Die beiden haben es geschafft, uns Kindern zu zeigen, dass Liebe so viele Gesichter haben kann, und dass Beziehung auch Arbeit ist und dass sich das verdammtnochmal lohnt.

Nur, wir sehen, ich beobachte, wie es sich ändert, wie den Eltern der Einfluss auf die Lebensgestaltung entgleitet. Meine Schwester scheut derzeit eine Auseinandersetzung, mein Bruder besteht fast nur noch aus Auseinandersetzung und alle verhalten sich wie die aufgescheuchten Hühner. Was notwendig ist, ist ein Gespräch darüber, wie meine Eltern ihren Lebensabend gestalten wollen, jenseits von „Wir wollen nur beieinander sein und unsere Ruhe haben“.

Meine Mutter muss lernen, um Hilfe zu bitten und Verantwortung abzugeben, um mit Papa zusammen wieder freier und selbstbestimmter leben zu können. So paradox sich das auch anhören mag. Und wir brauchen eine pragmatische Lösung jenseits von gefühls- und angstgeführten Vorwürfen, wie sie in (unseren) familiären Diskussionen so oft auftauchen und die man ja auch nicht ausschalten kann. (Und das hört sich gerade sehr nach Parteipolitik an, aber innerlich wappne ich mich schon für das Gespräch, das ich mit dem mir ewigwährenden immanenten Schutz des Nesthäkchenstatus angehen werde.)

Das Altern der Eltern ist nichts für Weicheier, Kinder.

19052017.

In der christlich-evangelischen Lehre erzogen worden, bin ich vor einiger Zeit aus der Kirche ausgetreten. Mein Glaube an einen, „den“, christlichen Gott ist nicht mehr vorhanden. Zumindest nicht so wie die Bibel und das zugehörige kirchlich-verantwortliche Personal es mich ursprünglich lehrten.

Ich glaube nicht an eine Hölle, die Verdammnis oder an eine Rechtsprechung durch einen ewigen Gott Richter. Dementsprechend kann ich  für Sünden nicht bestraft werden, es gibt ergo auch keine Sünden mehr, wenn ich das ganze zugrunde liegende System infrage stelle.

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Es ist nun allerdings so, dass wir, unsere Eltern und Großeltern, aber auch unsere Kinder und wahrscheinlich noch Kindeskinder, mit diesen biblischen Glaubenssätzen aufgewachsen sind und noch einige Zeit weiter aufwachsen werden.¹

Daher ist es für mich durchaus logisch nachvollziehbar, wenn eine Reaktion auf Überlegungen (oder nennen wir es: innere Erfahrungen) wie jene von gestern, lautet „Aber das darf man doch nicht. Wie kannst du nur überhaupt über so etwas nachdenken? Das Leben ist doch heilig.“

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Jedoch. Unter der vorangegangenen Prämisse verstehe ich Suizid nicht als Sünde. Er ist nicht bestrafbar, es wartet keine Verdammnis, kein allmächtiger Richter. Für mich persönlich ist er eine mögliche Variante des Todes, der wiederum eine Kehrseite des Lebens ist. Beides gehört zusammen. Ist das Leben heilig, ist es der Tod ebenso und sollte mit eben solcher Ehrfurcht begangen werden.²

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Eine weitere Überlegung, die sich hieran anschließt: Ich bin überzeugt davon, dass wir Menschen, die krank sind, zugestehen müssen, ihre eigene Entscheidung zu treffen, wie sie unter den ihnen vorliegenden Umständen sterben wollen oder nicht. Ob sie ihr Leiden beenden wollen. Wer maßen wir uns an zu sein, ein Urteil darüber zu fällen, wessen Leiden aushaltbar ist? Wer entscheidet darüber, dass eine Depression aushaltbarer als ein Krebsleiden ist? (Wer an selbstbestimmte Geburten denkt, muss m.E.n. auch an selbstbestimmtes Sterben denken.)

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Die Überlegung, die sich hinter all meinen Gedankenfragmenten verbirgt verbergen mag, ist nicht, dass die Abwesenheit jeglichen Denkens an den Freitod mich zum Leben treibt, sondern dessen Anwesenheit. Das Bewusstsein, dass ich mich jeden Tag neu entscheiden kann, für mich, für mein Leben.

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„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“
(Psalm 90, 12) ³

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¹ Es erschließt sich mir nicht, wie eine ganze Gesellschaft ihre Kinder erziehen kann, in dem Glauben, dass Aspekte ihres Lebens sündhaft oder mit Schuld belastet seien und erst nach (!) dem Tod Vergebung zu erwarten sei von einer nicht wahrnehmbaren göttlichen Macht. (Da raste ich innerlich komplett aus.)

² Mir fehlt in unserem gesellschaftlichen Leben die gedankliche offene Auseinandersetzung mit Sterben, Tod und allem was damit zusammenhängt. Ich habe bspw. mehr Angst vor dem Sterbensprozess an sich als vor dem tatsächlichen Todesaugenblick.

³ Wer bis hierhin gelesen hat: Danke. Im realen Leben bin ich lebensfroher, lauter und lustiger. Und ja, es geht mir (wieder) gut. Auch hier Danke für die Nachfragen. Dafür noch zwei Filmempfehlungen zu dem Thema: „Harold and Maude“ sowie „Million Dollar Baby“.

18052017.

Ich bin 33. Mit 15 (oder 16, ich weiß es nicht mehr genau) dachte ich das erste Mal an Suizid. Einsam, unverstanden, überfordert mit der Welt sowie den Menschen und ihrem Verhalten.

Der Gedanke, der mich damals auch nur vom Versuch abhielt und auch in den Jahren danach, war der, für Eltern Geschwister Partner Freundinnen verantwortlich zu sein. Ihnen „das“ nicht anzutun. „Das“ ist schwammig definiert, mag es die Erfahrung, das Leid, das Warumausgerechnetwir sein.

Hauptsächlich wollte ich ihnen aber wohl das Leiden ersparen, und übernahm diese Verantwortlichkeit, indem ich mir den verqueren Gedanken einimpfte „Ich lebe FÜR euch weiter, dass IHR nicht leidet.“

(Nicht, dass ich das jemals so deutlich ausgesprochen hätte.)

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Vor einigen Tagen kam mein Vater mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus. Der ganze Vorfall (wie nennt man sowas?) ging glimpflich aus und er wird bald seinen 79. Geburtstag feiern, und so wie es aussieht auch nächstes Jahr seinen 80., und dann sehen wir weiter.

Während meine Mutter sehr schnell wieder sehr zuversichtlich war und, dank Notarzt und den behandelnden Ärzten, die Situation positiv einschätzen konnte, leidet meine Schwester in jedem Telefonat, das wir seither geführt haben, vor sich hin. Sie benutzt die gleichen Formulierungen und Worte wie unsere Mutter, und doch wiegen sie so schwer, dass ich glaubte, Papa liege im Sterben. Dabei trieb er bereits knapp 48 Stunden nach dem Anfall die Ärzte mit seiner Selbstständigkeit zur Weißglut.

Meine Schwester leidet. Meine Mutter nicht.

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Und mir ging auf, so plötzlich und so klar, dass die Menschen, die ich innerlich schützen wollte, ihr Leid selbst wählen. Ich habe keine Verantwortlichkeit dafür. Ich bin komplett frei zu wählen, ob ich leben oder sterben will. Und würde ich das Sterben wählen, so wäre es ein Freitod – ein Tod aus freier Entscheidung. Und wähle ich das Leben, so ist es eine Entscheidung für mich – und nicht für Andere.

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Diese Erkenntnis sackt langsam ein. Welche Hybris mich da geleitet hat, ich hätte die Verantwortung dafür, oder gar die Macht, Leiden zu ersparen?!

Ich. Bin. Frei. In. Meiner. Entscheidungsfähigkeit.

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Vermutlich wird es noch einige Zeit dauern, bis ich diesen weiterführenden Gedankengang so verinnerlicht habe, wie ich die letzten 17 oder 18 Jahre den alten Gedanken gedacht habe bzw. bis ich diesen aufgelöst habe.

Auch den Mut zu finden, die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis zu ziehen, wird noch dauern.