24012018.

Den Gutachter, der mir erzählte, dass meine Haustüre wirklich (!) einen ganzen Zentimeter (!) zu schmal (!) für den Türrahmen ist (ach, echt?!) und dass ein Austausch weitere sechs Wochen (!) auf sich warten lässt, obwohl wir bereits acht Wochen (!) auf Reklamationsbearbeitung warten, konnte ich noch freundlich lachend an mir abperlen lassen.

Die Info, dass meine Eltern meinem Bruder ein Grundstück in der Heimat schenken wollen statt dieses im Erbe zu belassen, regt mich allerdings wieder so auf, dass ich innerlich schäumend verbal vor mich hin eskaliere. Wenn mein Bruder derart hinter etwas her ist, dann sieht er einen größeren Nutzen darin. Und die Familiengeschichte zeigt, dass meine Eltern ihn, den einen wahren Herrn einzigen Sohn, gerne bevorteilen, ohne dass es ihm und ihnen bewusst ist. Meine Schwester, das Schaf, hat bereits ihr blindes Okay gegeben. (hier massives Augenrollen einfügen über Rollen in Familien, Erwartungshaltungen sowie deren Erfüllung)

Die Bräsigkeit der Heimatstadt-Beamtinnen, die mich von A nach B nach C und wieder zurück nach A durchstellen, weil ich eben Informationen zu diesem Grundstück haben will, die schlägt dem Fass den Boden aus. Wie, um Himmels Willen, kann man nur so desinteressiert und unhilfsbereit sein? (Ich gehe übrigens mittlerweile davon aus, dass die Damen allesamt im selben Zimmer saßen.)

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Jetzt selbst arbeiten und sich die Damen als So-Nicht-Beispiel vor Augen führen.

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Nachklapp: Ich kann nicht hundertprozentig sagen, was mich derart in Rage versetzt. Ist es das Thema Endlichkeit und das näher kommende Sterben meiner Eltern? Ist es meine Rolle in der Familie und dass ich diese kaum ändern kann, weil die Rezeption der anderen Beteiligten es nicht zulässt? Vielleicht triggert mich auch „nur“ die Art und Weise wie mein Vater das Thema kommuniziert hat? Es wird, wie so oft, etwas von allem sein.

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21012018.

Mir träumte von Menschen und Gestaltwandlern, von Wölfen und deren Kindern, von Menschenkindern und Mord, Blut und Gewalt. Ich hatte Magie und Macht und konnte doch keinen retten.

Absurd wie mein Unterbewusstsein Familie mit Freunden und Bekannten vermischte, mit Sportlerinnen und Filmstars, wie ganze Handlungsstränge entstehen und Sinn erzeugen, oder auch nicht. Wie nur ein Abbild bleibt, das einen den ganzen Tag verfolgen kann, wenn man es nicht loslässt.

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Vor einigen Jahren veröffentlichte ich – noch anonymer als jetzt – eine wahre Geschichte über meinen Vater, meine Mutter, seinen Alkoholismus und mich und Weihnachten. Sie hat sich nicht verändert, wohl aber meine Wahrnehmung und meine Rezeption.

Die Kinder, die Töchter und Söhne, ich, wir haben nicht die Aufgabe unsere Eltern zu retten. Es ist nicht die Aufgabe derjenigen, die älter sind und mehr Lebenserfahrung haben, sich vor uns, vor mir, für ihren Weg und ihre Entscheidungen zu rechtfertigen. Nur sie kennen die genauen Umstände, die dazu geführt haben, sie haben darin gelebt und gefühlt, ich war nicht dabei.

Es hätte in dieser Familie alles ganz anders gewesen sein können. War es nicht, ist es nicht und das haben meine Eltern sehr gut gemacht.

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Wahrnehmung, ich nehme wahr, ich sehe meine Wahrheit, ich nehme Wahres an. (Das gilt dann halt auch für Vorhänge und die Frage, ob objektiv gerade hängend oder subjektiv.)

16012018.

Ich mäandere so durch das Leben. Vormittags zuhause mit Hund, Haushalt und angenehmen Dingen, nachmittags die Arbeit im Spielwarenladen. In der letzten von zwei Urlaubswochen stellte ich wieder fest, dass nur Zuhausesein mich über einen längeren Zeitraum hinweg unleidig und aggressiv macht. Keine Auslastung, kein externer Input, keine Kommunikation, zuviel Abhängigkeit von diesem Internet.

Ich brauche den Kontakt mit Menschen, erst recht mit den netten sozial Kompetenten, aber auch mit den vermeintlichen oder tatsächlichen Idioten (nennt sich dann halt „Abgrenzung“). Hilft also alles nichts. Das Verständnis für die Kollegin, die mit über siebzig noch täglich im Laden wurschtelt, ist dabei durchaus zwiegespalten. Nota bene: rechtzeitig vor Renteneintritt umfassende Hobbies sowie einen großen Freundeskreis finden. Stichwort: irgendwas mit Gebrauchtwerden.

Wasmirfehlt: eine Vorort-Freundin. Die Damen aus Studienzeiten sind mindestens eine Stunde Fahrt entfernt und mal eben so auf einen Kaffee geht leider nicht. Und manchmal fühlt sich das sehr einsam an. Und nein, anrufen ist nicht dasselbe.

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Die Buchsache ist noch nicht geklärt, weil die Geldsache noch nicht geklärt ist, weil anscheinend meine Karte (3 Wochen alt!) hinüber ist. Ganz ehrlich: ich habe keinen Bock da anzurufen, aus der Befürchtung heraus, dass etwas Gravierenderes dahinter steckt. Wofür es allerdings keine Anzeichen gibt, was jedoch die innere Anspannung trotzdem nicht abklingen lässt. Erfahrung erzeugt nicht nur Sicherheit, sondern auch Angst. (Bescheuert, dass mensch lieber sowas aushält als es zu lösen.)

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Anderes aus der Kategorie „Angst“: Autofahren. Vor fünfzehn Jahren habe ich in der ländlich geprägten Heimat den Führerschein gemacht, ein minifuzzikleines Unfällchen bei der ersten Fahrt nach Bestehen gemacht, bin dann in die Großstadt gezogen – und seither nicht mehr gefahren. Es hat mich damals schon gestresst, die mangelnde Übersicht durch diesen niederen Blickwinkel, zu viele Einflüsse, die verarbeitet werden müssen, die Arschlochigkeit der anderen, der Druck der äußeren Erwartungen („jeder und alles fährt, so einfach, aber das ist doch normal, wie machst du das denn und oh mein gott, das könnte ich nicht, so ohne auto“). Legt’s euch gehackt.

Der Plan, vielmehr die Idee ist es, das dieses Jahr wieder anzugehen. Die Angst abzubauen, vielleichtwahrscheinlich auch therapeutisch, und den Führerschein wieder zu aktivieren. (Die Karte habe ich nur als Ausweis genutzt, hauptsächlich zum Feiern, und irgendwann mal Anfang 20 besoffen beim Radfahren verloren, ziemlich sicher liegt sie noch immer im Straßengraben in Hannover am Waterloo.)

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Der Hund schläft gerade auf meinen Füßen und schnarcht. <3

14012018. 

Heute viel getan. Ein Drittel des Wohnzimmers ist jetzt fertig. Wir haben nun Türen, zumindest unten. Langsam wird das hier was.

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Die langen Spaziergänge in kaltem Wetter sind mein derzeitiges Highlight. Der neugierige Hund traut sich auch langsam den Pferden der weiteren Nachbarschaft „Hallo“ zu sagen. 

Die Diskrepanz zwischen dem vorherigen Wohnviertel in der Innenstadt und dieser ans Ländliche grenzenden Ecke ist eklatant. Lautstärke, Sauberkeit und hm,… Sozialisation machen viel aus. Besonders bewusst wurde mir das nach zwei Wochen Urlaub und meiner daraus resultierenden Abwesenheit von der Stadt.

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Dankeskarten schreiben, in Umschläge stecken, frankieren, absenden. Die Hochzeit ist damit abgeschlossen, das vergangene Jahr, das mich so reich beschenkt hat auch, und doch werden die Auswirkungen lange nachhallen.

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Viele Gedanken in mir, die meisten unausgegoren. Über PolitikerInnen, die sich keine Gedanken geschweige denn Sorgen über Bildungsmöglichkeiten, über Pflegekosten oder anderweitige Teilhabe am sozialen Gefüge machen müssen, da es für sie nicht relevant ist, weil ihre Gehälter so verf*ckt hoch sind, dass sie einfach den privaten Sektor bemühen können. Wundert es da noch, dass der oftmals bemühte Wählerwille, gar Volkeswille, mit Füßen getreten wird? Es ist zum Heulen.

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13012018.

In der Lieblingsbuchhandlung möchte ich heute einen Gutschein einlösen, für das Buch muss ich selbst noch etwas dazulegen (ein Bildband namens „Flora“, der KunstDarstellungen von Blumen und anderen Pflanzen aus den letzten 3000 Jahren beinhaltet). Mal wieder habe ich keinen Überblick über meine Finanzen, die Karte weigert sich, ich blamiere mich – gefühlt – mit meiner Reaktion. Noch immer ist so eine Situation für mich hochnotpeinlich, vor 10 Jahren hätte ich nun für den Rest des Monats von Nudeln mit Tomatensauce aus dem Tetrapack gelebt. Diesmal weiß ich zumindest, dass es sich nur um eine Buchungsverspätung handelt, selbst verschuldet. In diesem Moment mache ich mir Vorwürfe, der Nachhall des unangenehmen Gefühls, der verkrampfte Magen, sie merke ich noch einige Stunden später. Das Buch kann ich nun erst Montag holen, die Freude ist spürbar gedämpft.

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Wir setzen die Renovierungsarbeiten im Haus fort. Erst jetzt wird mir klar, wie sehr wir uns unter Druck gesetzt und kaputt gearbeitet hatten. Plötzlich fühlt sich das Heimwerkeln wieder wie ein Wochenendvergnügen an, was man eben so an einem Samstag oder Sonntag macht.

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Ich trage in mir eine ungekannte Wut ob der – nun, so scheint es, endgültigen – politischen Entwicklungen. Bullsh*t. Ich bin dermaßen angep*sst von diesen macht- und postengeilen Sackratten, die sich Politiker schimpfen, dass ich es kaum in Worte fassen kann. Was rege ich mich hier auf, selten hab ich morgens beim Hören der Nachrichten derart gepöbelt. Wer mich im privaten kennt, weiß, dass ich oft aus einer emotionalen Einschätzung der Lage heraus reagiere und in solchen Momenten ganz die Tochter des Arbeitervaters bin, der laut donnerte „Soll sie doch der Blitz beim Schei*en treffen!“ Himmelarschunddonnerwetter.

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Empört euch!

05012018.

Hadern, Kopf schütteln, wüten, Verständnis zeigen sollen, aber keines dafür übrig haben, zweifeln, auf keinen Fall ignorieren. Oder doch?

Keine Ahnung, wie lange es jetzt bereits genau her ist, dass meine Nichte den Kontakt zu ihrer Mutter, meiner Schwester, abgebrochen hat. Schätzungsweise irgendwas um die zwei Jahre. Zu Beginn war darob die Aufregung ziemlich groß, mittlerweile wird meine Nichte nicht mehr erwähnt. Ich frage manchmal nach, am Telefon, je nachdem mit wem ich spreche, ob jemand etwas von ihr gehört hat. Ihr großer Bruder hat Kontakt zu ihr, mein Schwager wohl auch – vermutlich ohne das Wissen meiner Schwester.

Die Situation ist insofern perfide, dass sie an all unseren Familienereignissen über den Kanal ihres Bruders teil hat – Geburtstage, Weihnachten, Beerdigungen. Sie hat sich an unserem Hochzeitsgeschenk beteiligt, wir werden ihr entsprechend eine Dankeskarte zukommen lassen. Nicht direkt, sondern über „ihren Kontakt“.

Die Situation kotzt mich an. Einerseits weil sich scheinbar alle damit abgefunden haben. Der Mann riet mir neulich, nicht mehr nach ihr zu fragen, da ich damit „alte Wunden aufreiße“. Ich habe jedoch die Befürchtung, dass sie über kurz oder lang aus unserer Familiengeschichte als „schwarzes Schaf“ rausgeschwiegen wird. Andererseits beharren meine Schwester und auch meine Nichte darauf, dass „die andere“ sich zuerst bewegen und entschuldigen muss, weil „die andere“ sich ja so verhalten habe wie sie sich verhalten hat. Meine beiden hochgläubigen Vorzeigechristinnen.

Die Jüngere zog sich raus aus dem Leben der Älteren, um sich vor familiären Übergriffigkeiten zu schützen, verweigert sich allen und ist doch allerorten in ihrer Abwesenheit anwesend. Die Ältere versucht bereits ihr Leben lang etwas Ähnliches, nämlich sich aus dem Flügelschatten unserer alles kontrollierenden Mutter zu lösen. Diese wiederum sagt, sie habe noch nie jemanden kontrollieren wollen und versucht doch gleichzeitig jeden Lebensbereich zu beeinflussen. Keine der drei Beteiligten ist bereit sich diese Familienkonstellation, dieses System und die von ihnen eingenommenen Rollen anzusehen. In mir brodelt es. Ich möchte diese Frauen schütteln, sie anschreien und fragen „Seht ihr eigentlich, was ihr da macht? Dass euer ignorantes hochmütiges und selbstgerechtes Verhalten sich auf uns alle auswirkt?“

Ich frage mich jedoch, inwiefern ich ein Recht dazu habe, die Themen dieser drei Frauen zu lösen. Denn aus der Distanz betrachtet, tangieren sie mich nicht. Ich habe bereits vor 14 Jahren unser familiäres System gedehnt, um mich selbst rausziehen zu können, mich erreichen nur noch periphere Ausläufer der zentralen Eruptionen. Ist es an mir aktiv einzugreifen? Auf explizite Nachfrage meiner Schwester äußerte ich in der Vergangenheit meinen Standpunkt etwas ausführlicher, danach war Funkstille, anschließend wurde das Thema nie wieder aktiv von ihr angesprochen.

Ich ahne, dass es ausgesessen werden wird und dass wir die verlorene Zeit nie wieder einholen werden können.

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03012018.

Traditionell hält der Jahresübergang für mich ein Loch parat, ähnlich dem Wunderland’schen, in das ich hinein falle und falle und,…jedenfalls der Höhepunkt (oder in diesem Fall Tiefpunkt) liegt meistens um meinen Geburtstag herum. Ich möchte diesen Tag aus dem Kalender streichen, ich möchte diese Geburt aus dem Kalender streichen, ich hasse mich und meine ganze Existenz.

Das sogenannte Ereignis zelebrieren funktioniert nicht, ich habe es oft versucht, die Tragik des Katzenjammers verschiebt sich nur nach hinten und fällt im schlimmsten Fall mit fiesen Ausnüchterungen zusammen. Ignorieren funktioniert ebenfalls nicht, denn es gibt Menschen, meist Familie, die meinen, Rechte für sich in Anspruch zu nehmen, wie sich selbst einzuladen oder anderweitig meine Wünsche umgehen zu dürfen. Es ist für sie nicht verständlich, dass ich keine Freude daran hatte und habe, mir bei Kaffee und Kuchen den Wanst vollzuschlagen und auch noch Arbeit dabei zu haben.

Ich möchte aber auch nicht vergessen werden. Ich wünsche mir einen oder zwei Blumensträuße, liebe Glückwünsche und – Überraschung! – ein gutes Essen. Und das möchte ich nicht jedes Jahr neu diskutieren oder gar einfordern müssen. Es ist wie Weihnachten, es wiederholt sich jedes Jahr derselbe Wahnsinn und genau an diesem einen Tag will ich mich nicht kümmern müssen. Um nichts. Sollen das andere machen. Ich will genau dann vergessen, dass ich existiere.

Ich will vergessen, dass ich mich „alt“ fühle. Nicht an Geburtsjahren, das ist nur eine Zahl, sondern eher an…hm, Erfahrungsjahren? Es ist als hätte ich bereits ganze Leben (Mehrzahl) hinter mir und müsse halt jetzt noch dieses eine auch rumbringen. Ich will vergessen, dass ich noch so lange muss. Ich will die Mühen der Ebene ignorieren können und mich nicht mit Banalitäten belasten müssen. Ich will nicht daran denken müssen, welche Möglichkeiten mir nun endgültig verschlossen bleiben werden. Ich möchte in einem zeitleeren Raum leben, in dem ich mich verlieren kann. Ich möchte mich nicht mit Floskeln, Hülsen und Kinkerlitzchen aufhalten müssen. Es. Interessiert. Mich. Nicht.

Ich möchte…ja, was eigentlich? Ich habe keine Ahnung. Es ist mir jedenfalls nicht gleichgültig. Es liegt auch nicht an den Anderen. Es liegt ausschließlich an mir. Also übe ich Glückwünsche annehmen und Geburtstag feiern. Töröö.

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Mad Hatter: “Why is a raven like a writing-desk?”
“Have you guessed the riddle yet?” the Hatter said, turning to Alice again.
“No, I give it up,” Alice replied: “What’s the answer?”

“I haven’t the slightest idea,” said the Hatter