16052018.

Bei meinen Kolleginnen macht das Buch „Das Café am Rande der Welt“ die Runde. (Ich habe es auch gelesen und mir jeglichen Kommentar, dass das ja eine ganz miese Kopie vom „Restaurant am Ende des Universums“ sei, verkniffen.) Die Gespräche hinter dem Tresen des Spielwarenladens drehen sich entsprechend derzeit um Spirituelles, um „Warum bin ich hier?“, um Leben und Tod und das ganze Drumrum.

Dabei kam folgendes zu Tage: (Mindestens) Eine der Kolleginnen bereut die Entscheidungen ihres Lebens sehr, eine ist, Zitat, „bislang ganz im Reinen“ mit sich, eine sagt „Fehler kommen vor, abgerechnet wird am Ende“. Eine der Damen ordnet sich selbst der Esoterik zu. Eine glaubt an das Universum, mindestens eine hat panische Angst vor dem Tod. Der Gedanke an Wiedergeburt stößt sowohl auf skeptische Ablehnung als auch auf heftige Anzweiflung wie auch auf vorsichtige Akzeptanz. Keine der Damen glaubt an den christlichen Gott und die damit verbundene Vorstellung von Himmel, Hölle, Wiederauferstehung der Toten. Die Idee des Werkes nach dem Lustprinzip bzw dem Erfülltheitsprinzip zu leben wird einerseits als realitätsfern eingestuft, andererseits auf einer höheren Ebene als eine Art „Roter Faden“ anerkannt. Bei der Angst vor dem Tod helfe auch nicht der Gedanke an ein erfülltes oder gefülltes Leben, so eine Kollegin. Die Frage wird gestellt, wie man das macht zu glauben, wenn keine Beweise vorhanden sind?

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„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“

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15052018.

Ich weiß gar nicht, woher diese bleierne Müdigkeit kommt. Eigentlich dachte ich, dass ich mittlerweile auf meinem Weg sei, allerdings hilft einfach Schlafen nur selten gegen die Schwere in mir.

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Die Wandlung beginnt. Ich werde ein jüngeres modernisiertes Abbild meiner Mutter. Es fängt damit an, dass Kleidung nicht mehr nur hübsch zu sein hat, sondern auch bequem sein sollte. Leicht schlabberig, gerne in kräftigen Farben, allerdings keine Muster. Ich plane jetzt, sie zu überholen und im Alter als Hippie-Primadonna in wallenden Gewändern umher zu geistern.

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Neue Bewerbungen sind geschrieben.

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Die Frauen, die mich in kürzester Zeit nachhaltig geprägt haben, sind ehemalige Chefinnen. Alle sehr eigen, alle mit einem wohlwollend wertschätzenden, aber auch scharfen Blick. Die Männer hingegen waren ein rückgratloser aufgeblasener Reinfall.

Der Unterschied liegt irgendwo auf dem Grat von „ich bin schon so weit gekommen, jetzt kann ich das erst recht so ausfüllen wie ich es für richtig halte“ und „ich bin so weit gekommen, weil ich Erwartungen erfüllt habe und weiter erfüllen muss“.

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Ich bin unruhig, es wird sich wieder etwas ändern.

07052018.

Endlich warm, endlich Sonne, was passiert? Nix, weil der Kreislauf nicht mitmacht. –

Was ich meinem Körper wirklich übel nehme, sind seine Wehwehchen und Fisimatenten. Nie ist es, toitoitoi, „etwas Ernstes“. Es sind schwarze Flecken vor den Augen, die den Blick trüben. Es ist Schwindel, der mich schwanken lässt, selbst wenn ich auf dem Boden stehe. Es ist latente Übelkeit durch zu schnelle Bewegung. Es ist Kopfschmerz durch zu viel Lautstärke und zu viele Menschen. Es wird Migräne und Defokussierung, wenn ich diese Zeichen ignoriere. Es ist nichts nachweisbar, nichts oberflächlich Sichtbares. Aber es führt dazu, dass ich heute lieber die Öffis nutze trotz Sonne und Wärme, weil ich mich nicht auf den Straßenverkehr konzentrieren kann, weil ich schauen muss, dass ich nicht vielleicht doch vom Rad plumpse.

Mich in meinen Elfenbeinturm einschließen ist übrigens keine Option, denn umso anfälliger werde ich. Die Kunst ist es, den Mittelweg zu finden und akzeptieren, was ich nicht ändern kann. (Zumindest nicht endgültig, beeinflussen geht ja immerhin.)

06052018.

Diese Tage, die nach Flieder und Sonnencreme auf warmer Haut riechen, an denen man sich in unterhaltsamer Gesellschaft trifft, um zu tanzen und zu essen, Spaß zu haben, die Leichtigkeit und dieses besondere Flair zu erleben, das nur der Frühsommer bieten kann. Angefüllt mit Verheißung auf das, was kommen mag, so jung wie nie mehr in diesem Moment, in diesem Jahr, in diesem Leben.

Und jetzt liege ich hier und denke, dass mir die Zeit davon läuft und ich noch so viel machen will, und plötzlich habe ich es eilig, will, dass die Nacht vorüber ist, dass ich loslegen kann, dabei ist schon der Augenblick vorbei. Die Verlockung, die Jugend, die Leichtigkeit, so schön, so schnell, so flüchtig. Das erste Drittel liegt hinter mir, angefüllt mit allem was war und was sein wird.

Noch wird sie bei mir zu Besuch kommen, die Lockende, die Verheißungsvolle, die aussichtsreiche Zukunft. Wird mich besuchen, wenn der Flieder blüht und die Haut nach Sonne riecht. Gemeinsam werden wir altern, Versprechen einlösen oder auch nicht, sie wird sich seltener zeigen. Wird sich ändern, umbenennen, das Gewand der Erinnerung überwerfen.

Wenn dann, ganz am Ende, zwei weitere Drittel dieser Art stehen, will ich es zufrieden sein. (Möge ich mich an den schlechten Tagen daran erinnern.)

04052018.

Wir renovieren weiter. Buddeln im Garten. Arbeiten. Ich schlafe schlecht. Fühle mich unendlich müde. Bin mit dem Arbeitsplatz immer unzufriedener. Bin vor allem mit mir selbst unzufrieden. Es ist ein Graus. Vergesslichkeit ist meine große Schwäche, vieles fällt hinten über. In dem Fall irgendwas mit Krankenkasse, Haustierregistrierung, Stundenabrechnung und Bewerbung.

Ich fühle wie mein Gehirn im Kopf hin und her schwappt, wie es gegen die Schädeldecke dotzt. Zuletzt oft Kopfschmerzen, Migräne, ich möchte nur liegen und zuhause bleiben.

Eine zersprungene Flasche roter Nagellack auf den Fliesen hinterlässt noch lange Spuren. Nichts ist schlecht, alles gut, nur eben die Mühen des Alltags.

14042018.

Während ich das hier schreibe, löschen sich im Hintergrund ungefähr 10 Jahre meines Lebens. Vielmehr ein kleines Zusatzprogramm für meinen Browser, das von einem findigen Menschen programmiert wurde, löscht alle Postings, Likes, Kommentare und Links, die ich in dieser Zeit auf fb hinterlassen habe.

Es geht mir nicht um Datenskandale, meine Daten sind längst in mehr oder weniger anonymisierter Form in Palo Alto verwurstet worden. Vielmehr reizt mich das Gefühl eines weißen Blattes, etwas auszulöschen und neu zu schreiben. Reinen Tisch zu machen. Ich werde mich sicherlich nicht mehr auf fb neu erfinden, und auch sonst nirgendwo. Ich werde einfach weitermachen.

Dennoch ist das Gefühl da. Und es verschärft sich, wenn ich mir anschaue, wer sich dort drüben in meiner Kontaktliste tummelt. Da ist die streng gläubige Schulfreundin, die nun italienisch verheiratet ist und den Sermon von Il Papa ungefiltert teilt. Da sind die ehemaligen Feierkumpane, die nachwievor ihre Wochenende lieber an und unter einem Tresen in einer seligen Bierwolke verbringen. Sie geben sich ein Stelldichein mit den ehemaligen Kollegen und Kolleginnen, die die neuesten achso lustigen Bild-Artikel teilen. Außerdem sind da noch Kommilitoninnen, Mitauszubildende, irgendwelche Techtelmechtel und lose Bekanntschaften, die in diesem Konglomerat mit dranhängen wie Fäden an einem schlecht versäumten Kleidungsstück.

Zu keiner dieser Personen habe ich noch engeren oder tiefergehenden Kontakt. Für einen kurzen Zeitraum haben sich unsere Wege passenderweise gekreuzt, sind vielleicht parallel gelaufen, haben sich nochmals gekreuzt, um dann in andere Richtungen weiterzugehen. Geblieben ist ein halbleerer Datensatz, der hin und wieder an die Oberfläche taucht und ein ungutes Gefühl verursacht. Auf beiden Seiten, denn keine kann mit der anderen noch so richtig etwas anfangen, aber da war ja mal was und vor den Kopf stoßen will man auch nicht. Und so gratuliert man zu Hochzeit, Geburt, Scheidung, Todestag, immer mit diesem Gepäck auf dem Rücken, das eigentlich drückt und nervt, weil es so unförmig ist und nicht recht passen mag.

Zu sehr ist die Gemeinschaft, die sich da tummelt, auf falsch verstandener Nähe, der Misinterpretation von Freundschaft und dem Hang zu Distanzlosigkeit aufgebaut worden. Ja, klar, lass uns Freunde bleiben. Das klappt doch schon im realen Leben total gut. Ich möchte das nicht mehr, keine Anhängsel, keine Überreste, keinen Ballast.

Also lösche ich erst Datenverknüpfungen, schließlich mein Profil. Diejenigen, die wichtig sind, habe ich eh doppelt und dreifach gespeichert, wir laufen noch auf vielen Ebenen parallel. Bis auch diese Wege sich nochmals kreuzen und schließlich trennen werden.

13042018.

***Es folgt ein Rant. Nicht nett, ziemlich hochmütig und unreflektiert, einfach nur zum Auskotzen meiner Gemütsfassung. Wer es nicht lesen will, möge einfach wegklicken.***

Die große Schwester hat gestern aus gesundheitlichen Gründen den lange geplanten Wochenendbesuch absagen müssen. Die Stimmung ist daher etwas im Keller. Der Mann ist bereits mit der Vorbereitung einer Schulung verplant und steht für soziale Interaktion eher nicht zur Verfügung, was auch so geplant war und okay ist, aber jetzt natürlich trotzdem doof.

Mein zwischenmenschlicher Austausch beschränkt sich auf einen sehr kleinen Kreis an Mitmenschen, das ist einerseits schade, weil mir vor Ort freundschaftliche Kontakte über Arbeit und Familie hinaus fehlen, andererseits merke ich, wie sehr mich meine Mitmenschen ankotzen aus der Haut fahren lassen anstrengen.

Das beginnt bei der Arbeit im Spielwarenladen, wenn Eltern nicht in der Lage sind, ihre Sprösslinge davon abzuhalten, unsere Regale leer zu räumen. Damit meine ich nicht, das „mal was rausnehmen, irgendwo hinstellen, vergessen“, sondern „zack, Arm rein und mit der gesamten Armlänge runterwischen“ (ja, tatsächlich so geschehen, mehrfach, mit unterschiedlichen Familien) oder auch das „alles anfassen, auf den Boden schmeißen, liegen lassen, weil doch scheiße“ (ja, auch das mehrfach erlebt, in wiederkehrender Regelmäßigkeit). Dabei höflich zu bleiben, versuchen das schon festgetackerte Lächeln zu behalten, fällt mir schwer. Denn natürlich ist mir bewusst, dass es für unseren kleinen Laden schwer ist, mit Internetpreisen mitzuhalten. Natürlich ist mir bewusst, dass wir und unser Umsatz und unsere Existenz von euch abhängig sind. Aber ganz ehrlich: ich finde euch scheiße. Ihr seid arrogant, überheblich und erzieht eure Kinder zu rücksichtslosen Egomanen. Meine Kolleginnen und ich hören eure mütterinternen Gespräche, und nicht wenige handeln von Achtsamkeit, Nachhaltigkeit, Schadstofffreiheit, younametheBullshitandIsayBINGO! und ihr vergesst dabei, dass Rücksichtnahme und Achtsamkeit auch außerhalb eurer kleinen normierten Filterblasenfamilie funktionieren sollten, wenn ihr eine achso tolerante, diverse und rücksichtsvolle Gesellschaft haben wollt.

Es geht weiter mit den Klappspaten im Straßenverkehr: Flachpfeifen, die mit ihren Sprintern auf Radwegen parken. Der obligate Porsche bzw. BMW-SUV, der nicht in der Lage ist, Vorfahrtsregeln zu beachten. Der LKW, der mich in die Hecke abdrängt. Die Polizei in ihrem verf*ckten Streifenwagen, die ignoriert, dass der Fahrer vor ihnen beim Rechtsabbiegen eine Radfahrerin schneidet, obwohl sie sowas von Grün hat. Väter, die ihre Kleinkinder auf Rennrädern transportieren und rote Ampeln nicht beachten, und dabei keine Helme tragen, weil sie achso hipster sind. Stadtplaner, die Radwege pflastern statt zu betonieren und Schlaglöcher nicht ausbessern. Überhaupt Stadtplanung: Radwege, die ZWISCHEN den Straßenbahnschienen verlaufen. Radwege, die auf vierspurigen Straßen enden. Wer hat sich dieses Nicht-System ausgedacht?! Mir egal, wie schnell ihr fahrt und ob ihr keinen Helm tragt, wenn ihr nur euer eigenes tomatensamengroßes Gehirn riskieren würdet, aber ihr riskiert ja auch das eurer Kinder und Mitradfahrer. Dass den Autofahrern das gleichgültig ist, ist mir durchaus klar, die sitzen schließlich in einer rundum-metallgeschützten Filterblase.

Ich möchte nichts mit Menschen zu tun haben, die derart dreist und rücksichtslos durch die Welt marschieren. Ich habe keine Lust, mich mit euch auseinander zu setzen oder euch gar kennenzulernen. Ganz ehrlich: gäbe es einen Knopf, mit dem die Menschheit ausgelöscht werden könnte, ich würde ihn nach dieser Woche drücken.

[Ich sehe durchaus die guten Momente mit den guten Mitmenschen, aber sie sind sehr klein und selten geworden. Morgen wieder.]