Polka Dots.

Niemand verstand, was der Grund dafür war, dass die Frau mittleren Alters im hinteren Teil des Ladens, der für bevorzugte Kunden reserviert war, derart hysterisch wurde. Weder die Sanitäter des Einkaufszentrums noch der herbeigerufene Notarzt konnten sie beruhigen. Erst als man einen kleinen Sandkasteneimer vorsichtig aus ihren Fingern wand und einen weiteren, der vor ihren Füßen verloren herumrollte, ging das hyänenartige Gelächter in leises Schluchzen über.

***

Einige Stunden zuvor erhielt Marianne Müller-Martins von der Kinderbetreuungsstätte ihrer 3jährigen Zwillinge MaxundEmma, deren Namen sie vor der Geburt sorgfältig nach den Gesichtspunkten „klassisch, dennoch modern“, „nicht spitznamen-geeignet“ und „nichts ausländisch-individuell-anmutendes“ ausgewählt hatte, eine schriftliche Notiz.

>>Sehr geehrte Frau Meier-Martens,

wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, dass Ihre Kinder Max und Emily…<<

Frau Müller-Martins seufzte. Nun, wie sagte sie immer: Es hatte ja keiner ahnen können, dass fünf von sieben Jungs „Max“ heißen würden und es noch dazu zwei weitere Zwillingskinderpärchen geben würde, deren Namen „MaxundEmilia“ bzw. „MoritzundEmily“ lauten würden. Ganz zu schweigen von den zugehörigen Nachnamen „Müller-Martins“, „Meier-Martens“ und „Müller-Schortens“. Wären jedoch die Betreuerinnen auch nur halbwegs kompetent gewesen, würde dies zu keinerlei Verwechslungen, geschweige denn anderen Problemen, geführt haben, so die Meinung von Frau Müller-Martins mit i. Also, eine schriftliche Notiz:

>>…dass Ihre Kinder Max und Emily an unserem Waldkindergartenfrühförderungsprojekt „Potential Ohne Persönliches Opfer [kurz: P.O.P.O.]“ teilnehmen können. Wie Sie bereits am InfoAbend erfahren konnten, lernen Ihre Kinder hierbei, wie sie ihr ureigenstes Potential nutzen und weiterentwickeln können, ohne zum Opfer der übertriebenen Erwartungen der Gesellschaft zu werden, und dabei zeitgleich, aufrechte und willensstarke kleine Menschen werden. Das Programm beginnt am 01. des kommenden Monats. Die benötigten Materialien lauten wie folgt:

– eine Matschhose (wind-, wetter- und wasserfest, atmungsaktiv, in grün, gelb, rot, braun oder grau – bitte vermeiden Sie hellblau oder rosa, um die jungen Menschen möglichst wenig in ihrer Findungsphase und Entscheidungsfreiheit zu beeinflussen.)

– eine Regenjacke mit Kapuze (wind-, wetter- und wasserfest, atmungsaktiv, Farbgebung wie oben)

– ein Paar Gummistiefel (wasserfest, Farbgebung wie oben)

– ein Gartenset für Kinder, 5teilig: Blumenkelle, Blumenrechen, Kleingrubber, Doppelhäckchen, Kleinbesen (Bitte achten Sie auf kindgerechtes Werkzeug ohne scharfe Kanten, aber dennoch arbeitstauglich! Farbgebung wie oben)

– ein Eimer (sandkastengeeignet, Fassungsvermögen max. 0,5 ltr., Farbgebung wie oben)

Wie gewohnt sorgt das Team der Kinderbetreuungsstätte für die Versorgung Ihrer Kinder sowie für die Beaufsichtigung inklusive Hin- und Rücktransport von und zur Kinderbetreuungsstätte. Mit freundlichen…<<

Frau Müller-Martins‘ Augenbraue links zuckte. Ihr Ehegatte hielt dies grundsätzlich für bedenklich und deutete es als Zeichen der Anspannung und der Überanstrengung seiner Frau. Ihr gegenüber das Wagnis einzugehen und dies zu äußern, würde er sich allerdings nie erlaubt haben, wäre es doch eine Eingeständnis der Tatsache, dass sie mit den ihr übertragenen Aufgaben allein gelassen werde und er sich nur ungenügend in die Familienarbeit einbrachte. Stattdessen zog er sich an seinen freien Abenden – und auch sonst, wann immer es ihm angebracht erschien – in seinen Hobby- und Kellerraum zurück.

Die Augenbraue also zuckte und Frau Müller-Martins seufzte. Selbstverständlich besaßen die Zwillinge Max und Emma bereits eine vollständige Ausrüstung für das Waldkindergartenfrühförderungsprojekt. Schließlich hatte sie rechtzeitig eine größere Summe gespendet, um sicher zu stellen, dass den Zwillingen nur die besten Fördermöglichkeiten zu gute kommen würden. Diese war jedoch in den Farben des familieninternen 3F-LS (FamilienFreundlichesFarb-LeitSystem – eine erziehungstechnische Empfehlung der frühpädagogischen Fachberaterin in der Familienstelle, um den Zwillingen das Wesen von „Besitz“, „Meins und Deins“ sowie „Haben und Nicht-Haben“ frühzeitig zu vermitteln) gehalten. Ihre Farbe war dabei Rot, die ihres Mannes Eduard (sein Rufname, da sie „Kevin Edward“ als zu proletarisch und modern einstufte) war Grün. Für Max waren Kleidung und Spielzeug in Hellblau gehalten und für Emma selbstverständlich in Rosa. Schließlich war es überaus wichtig, den Kindern ein prägendes Verständnis dessen zu vermitteln, wer und was sie waren.

Nun gut. Marianne Müller-Martins atmete tief durch. Mit den Betreuerinnen zu diskutieren, oder gar mit der unfähigen Leiterin der Kinderbetreuungsstätte, käme überhaupt nicht in Frage. Bereits in der letzten Woche bei den Sitzungen des Elternbeirates, des geschäftsführenden Vorstandes sowie am Gesamtelternabend hatte sie ihre Bedenken hinsichtlich der Farbwahl geäußert. Dieses Schreiben kam also nicht überraschend. Dennoch schauderte es sie im Nachhinein nochmals mit welcher Ignoranz andere Eltern, auch die Müller-Schortens‘ und ebenso die Meier-Martens‘, dieses immens wichtige Thema behandelt hatten. Das Waldkindergartenfrühförderungsprojekt P.O.P.O. musste als Ergänzung zur familiären Erziehung gesehen werden und durfte diese nicht gegenläufig unterminieren. So hatte sie in den Diskussionen argumentiert. Zu ihrem Bedauern und höchsten Entsetzen erfolglos. Da es jedoch um die Erziehung und soziale Eingliederung ihrer Kinder ging, würde sie sich den Wünschen der anderen Eltern anpassen. Sie würde nicht diejenige sein, die ihre Kleinen auf das soziale Abstellgleis fahren würde, indem sie durch eine unangemessene Ausrüstung von den anderen Gruppenkindern hervorstechen würden. Sie nicht.

Viereinhalb Stunden und eine Fahrt in die Landeshauptstadt später, während deren die Zwillinge Max und Emma fremdbetreut ihre erste Klavierstunde nahmen, sich gegenseitig mit der Blockflöte malträtierten und das AuPair mit Fingerfarben in den Wahnsinn trieben – es war der eine Tag der Woche, der nicht über die Kinderbetreuungsstätte abgedeckt wurde, da die Betreuerinnen an diesem Tag „Freie Entfaltung Ohne Einschränkungen – FreiE.OhnE“ anboten, woran sie jedoch nicht glaubte – war Marianne Müller-Martins fast am Ende. Die örtlichen Kinderbekleidungsgeschäfte ebenso wie Spielzeugläden, Baumärkte und familienfreundliche Allsortimenter führten Matschhosen in Rot (ihre Farbe), in Grün (der Farbe ihres Mannes) sowie in Hellblau (Max) und Rosa (Emma). Nicht jedoch in Grau („Zu düster für Kinder!“), Braun („Kinder könnten im Wald verloren gehen, wir wollen keine Klagen!“) oder Gelb („Nur auf Bestellung und nur zu Karneval. Nein, nicht Oder. Und.“). Auch die zusätzliche Ausstattung zu erhalten erwies sich als schwieriger als ursprünglich gedacht. Nicht für Kinder unter sechs Jahren, nur als Spielzeug zu nutzen, Achtung – scharfe Kanten, grundsätzlich nicht für Kinder geeignet oder in HellblauRosaRotGrün. Marianne Müller-Martins zweifelte zunehmend daran, ob und wie sie unter diesen Voraussetzungen den örtlichen Einzelhandel noch länger unterstützen konnte. Mittlerweile erstreckte sich die potenziell zu erwerbende, aber unerwünschte Farbauswahl auch auf sekundäre Farben wie Türkis, Orange und Lila sowie Lilablassblaukariert und gepunktet. Überhaupt: gepunktet. Überall wo Marianne Müller-Martins hinschaute, sah sie Punkte. Weiß auf Bunt, Bunt auf Weiß, Bunt auf Bunt, Schwarz auf Weiß und Weiß auf Schwarz. Punkte waren das Letzte was sie wollte. Pflegten doch die Müller-Schortens‘ ihren Zwillingen immer eine gepunktete Ausrüstung zu kaufen und ihre Kinder somit dem Gespött der Anderen auszusetzen. Schließlich wusste jeder, dass eine gepunktete Ausrüstung nicht den Regularien der Kinderbetreuungsstätte entsprach. Jedoch weigerten sich die Leitung und die Betreuerinnen hierbei etwas zu unternehmen, obwohl Marianne Müller-Martins sie schon mehrfach auf diesen Verstoß aufmerksam gemacht hatte. Auch die Müller-Schortens‘ hatten auf eine Anmerkung ihrerseits hin nichts an ihrem bisherigen Verhalten geändert und sie nachgerade unhöflich angestarrt. Wozu, fragte sie sich, residierte die Kinderbetreuungsstätte schließlich in einem Gebäude mit Bauhaus-Design, wenn nicht aus dem Grund, den Sprösslingen frühzeitig architektonischen und designaffinen Sachverstand zu vermitteln? Linien hätte sie vielleicht noch akzeptieren können, allerdings trieben es hierbei die Meier-Martens‘ zu weit: Karos. Deren Zwillinge waren immer in Karos gekleidet. Sie schüttelte den mittlerweile nicht mehr ganz so makellosen Haarschopf. Karos in Orange-Lila und Hellgrün-Pink waren die letzten Kombinationen gewesen, in denen die armen Kinder herumlaufen mussten. Sie würde das Max und Emma nicht zumuten. Auf keinen Fall. Keine Punkte. Keine Karos. Sie rückte ihre Handtasche über der Schulter zurecht, legte sich die Jacke über den Arm und eilte weiter.

Was war es doch warm. Marianne eilte weiter. Sie spürte, wie ihr MakeUp langsam aber sicher zerlief. Wieder nicht die passenden Farben für die Matschhosen. Gummistiefel nur in dunkelblau – war das überhaupt erlaubt? Sie grübelte. Die Farbe wurde in dem Schreiben nicht erwähnt. Mentale Notiz: bei dem nächsten Elternabend sowie der Vorstandssitzung diese Grauzone ansprechen. Schweiß perlte über ihre Stirn. Sie roch förmlich, wie ihr Deo versagte. Sie musste das heute noch, jetzt und sofort erledigen. In den nächsten beiden Tagen würde sie mit der Nachbereitung der Sitzungen sowie der Vorbereitung der wöchentlichen Elternsprechstunde beschäftigt sein. Schließlich wollte sie wissen, welche Fortschritte MaxundEmma machten, auch wenn die Betreuerinnen behaupteten, ein wöchentliches Gespräch sei nicht notwendig. Wieder kein Erfolg – Kinderausstattung war nun auch nicht mehr das, was es früher war. Marianne kam im Stechschritt voran.

Da vorn, war das nicht die Müller-Schortens, das Miststück, die ihren Mann so unter dem Pantoffel hatte? Zusammen mit der Meier-Martens, die alles besser wusste? Selbstverständlich. Vor dem Fachgeschäft für „KiFaGa – KinderFachausstattung im Garten“. Diese Aasgeier. Versuchten garantiert ihr zuvor zukommen. Da waren dieser Weiber falsch gewickelt. Sollten sie ihre Kinder doch zu Außenseitern erziehen und sie sozial ausgegrenzt werden lassen. Sie selbst würde die letzten beiden Waldkindergartenfrühförderungsprojektausstattungen ergattern. Ha! Hatte sie eben doch noch wohlweislich angerufen und sich das Equipment trotz eines horrend übertriebenen Preises zurücklegen lassen. Günstiger war es überall. Gewiss. Aber nicht in diesen Farben und dieser Konstellation. Keine Linien. Keine Punkte. Kein LilablassblauPinkTürkisOrangeGrünRotRosaHellblau. Grau und Braun. Den Anforderungen entsprechend. Ohne Kompromisse. Eine verirrte Haarsträhne fiel ihr ins Gesicht als sie an den beiden Frauen vorbei in den Laden stürmte.

Das Personal war zuvorkommend und wusste sofort, worum es ging als sie ihren Namen nannte. Selbstverständlich, kommt sofort, sehr gerne! Endlich konnte sie sich entspannen.

***

Der Geschäftsführer sprach hinterher, nachdem Frau Müller-Martins nach einer Beruhigungsspritze ins Krankenhaus gefahren worden war, lange mit Herrn Müller-Martins. Nein, er könne sich nicht erklären, was passiert sei. Seine Angestellte habe lediglich das bestellte Equipment aus dem Lager geholt und es gemeinsam mit der Kundin ausgepackt, um es durchzusehen. Ja, das sei üblich, um alles zu überprüfen und spätere Reklamationen auszuschließen. Nunja, aufgefallen sei nichts Außergewöhnliches, Die Kundin habe lediglich etwas erschöpft und außer Atem gewirkt. Sie habe allerdings zwischendurch etwas gemurmelt wie „Euch habe ich es gezeigt“. Wann der….Verzeihung, Nervenzusammenbruch angefangen habe? Als die Kollegin die beiden Sandkasteneimer für Kinder ausgepackt habe. Ob Sie sie sehen können? Selbstverständlich – ausgezeichnete Ware, hervorragend gearbeitet. Ungefähr zehn Minuten vor dem Vorfall seien vier Stück davon verkauft worden.

Herr Müller-Martins betrachtete die Sandkasteneimerchen lange. Sie waren lilablassblaukariert mit weißen Punkten.