Kaffee und Kuchen.

Als ich klingle, öffnet sich die Tür. Mama steht da und freut sich über den unverhofften Besuch. Etwas überrascht nimmt sie die Blumen entgegen, die ich ihr mitgebracht habe.

„Na sowas. Komm rein.“

Ich stehe verlegen im Flur des neuen Hauses. Seit 14 Jahren wohnt sie hier. In den ersten beiden Jahren gemeinsam mit mir und Papa. Ich zog aus, Papa starb unerwartet. Daheim ist jetzt woanders, da wo die Erinnerungen sind, an Weihnachten, an erste Schultage, ans Fahrradfahren lernen. Jetzt ist es zumindest ihr Zuhause. Es kommt mir alles so klein vor. Die Decke fällt mir beinahe auf den Kopf, das Sofa ist altersgerecht, hoch und sehr fest. Die Wintersonne scheint durch die Fensterfronten und beleuchtet bunte Glaskugeln und glitzerndes Gebamsel. Zu selten besuche ich sie, denke ich, als ich die mir unbekannten Kissen betrachte. Neue Vorhänge, ein neuer Teppich, Kleinigkeiten, die sich verändert haben. Bunt sieht es aus, mit vielen Grünpflanzen und ihren selbstgemalten Bildern.

„Willst du was trinken? Ich hab gerade Kaffee aufgesetzt. Deine Schwester wollte nach der Arbeit noch vorbeikommen. Kuchen hab ich auch da.“

Von der Küchenbank aus, betrachte ich wie sie rumwerkelt. Immerhin Tassen und Teller stehen noch am selben Platz. Auch der Kuchen riecht wie früher, wie frisch gebacken trotzdem er nur aufgetaut und aufgewärmt wurde. Mama stellt alles auf den Tisch, ich verteile es entsprechend auf die Plätze. Ein gedeckter Kaffeetisch, in der Mitte die Blumen, die Sonne scheint, die Situation wirkt irgendwie feierlich. Es ist als würden wir Geburtstag feiern, nur die Gäste fehlen noch. Dabei ist es ein ganz normaler Tag.

„Mama, was hast du gemacht nachdem Papa gestorben war?“

„Ich habe das Bad geputzt. Es war alles voller Dreck und Überbleibsel, die der Notarzt da gelassen hatte. Irgendwo musste ich anfangen.“ Sie hebt die Schultern als wäre sie noch immer ratlos. Pragmatisch wie sie ist, ignoriert sie die Unvermitteltheit meiner Frage und erzählt, dass sie die Handtücher und Badvorleger einfach entsorgt habe. Ansonsten kaltes Wasser und Essigreiniger, nicht das vermischte Zeug, sondern pure Essigessenz. Damit habe sie die ganzen Spuren wegbekommen, sowie – zum Teil – das unbehagliche Gefühl, das ein Leichnam in der Badewanne eben hinterlässt. Eine Heidenarbeit, meint sie, und das Aufwändigste an der ganzen Sache. Das hätte sie damals so nicht erwartet.

Eigentlich war meine Frage anders gemeint. Meine Gedanken wandern zu meiner Wohnung. Vielleicht wäre Essigessenz eine gute Idee gewesen, die Spuren im Bad zu entfernen? Als das Telefon klingelt, zucke ich zusammen. Meine Schwester, sie kommt später, irgendein groß angelegter Polizeieinsatz in der Nähe ihrer Arbeit, alles abgesperrt und so. Mir fällt ein, dass ich sie hätte abholen können, der Mann und ich wohnen dort. Jetzt ist es zu spät, sowieso war es ja eine spontane Idee herzukommen.

Der Obduktionsbericht sagte damals, dass Papa Suizid begangen habe, während er in der Badewanne lag. Mit dem Fön. Meine Mutter konnte nicht mehr helfen, sie saß vor dem Fernseher und wunderte sich erst spät darüber, wie lange ihr Mann diesmal badete. Sie fand es seltsam, dass er die Sportschau verpasste und überhaupt nicht, wie sonst meckerte, dass sie sich Wiederholungen alter Kinofilme ansah. Als sie den Helfern die Haustür öffnete, war ihre Kleidung vollgesogen mit Seifenwasser. Sie hatte die Badezimmertür eingeschlagen, wollte ihrem Mann helfen. Die Axt hatte sie aus dem Werkzeugraum geholt. Dass Papa nie die Türen abschloss, weil er Angst hatte zu stürzen und hilflos liegen zu bleiben, interessierte damals niemanden.

Das Erbe war überraschend groß, es existierte eine Lebensversicherung, die Mama sich auszahlen lassen konnte, trotz Suizid. Die Beerdigung war klein und dezent, Mama trauerte eine angemessene Zeit und nahm nach und nach die Hobbies wieder auf, die sie für Papa aufgegeben hatte. Sie begann wieder sich mit anderen Menschen zu treffen, gleichaltrige Damen, mal mit, mal ohne Mann, alle sehr rührig und unternehmungslustig. Das Leben erfüllte ihre Erwartungen spät, aber immerhin. Sie hatte es in die eigene Hand genommen. Jetzt sah sie mich erwartungsvoll an.

„Äh, sorry, ich war in Gedanken. Was hast du gefragt?“

„Was du hier machst, wollte ich wissen. Du bist selten hier, es ist so schön dich zu sehen. Und wo ist dein Mann? Habt ihr nicht beide Urlaub? Ihr wolltet doch wegfliegen.“

„Es wird keinen gemeinsamen Urlaub mehr geben“, sage ich. Mir schaudert. Als ich die Wohnung vorhin überstürzt verließ, lag er in der Badewanne, ausgerutscht beim Duschen. Allerdings wird hier kein Obduktionsbericht einen Suizid oder Unfall attestieren. Das Küchenmesser spricht dagegen. Ich habe mehr Kraft als man auf den ersten Blick vermutet. Diese Diskussionen darüber, was ich vermeintlich zu leisten habe, was ich tun oder lassen sollte, um etwas zu erreichen, wie ich sie hasse. Gehasst habe. Vorbei.

Es nähern sich Polizeisirenen, wir hören Hubschrauber über uns. Mama schaut mich an.

„Mama, ich habe gerade meinen Mann umgebracht.“

Sie nimmt meine Hand in die ihre und drückt sie. Ich werde nicht so viel Glück haben wie sie. Mein Plan war scheiße, denn ich hatte im Gegensatz zu ihr keinen. Dann steht sie auf, um den Polizisten die Tür zu öffnen.

Die Gäste sind da.

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