07122018.

Vor ungefähr zwei Wochen verstarb im Libanon eine alte Frau.

Gestern wurde ebenda ein junger Mann im Alter von 20 Jahren gehängt.

Der Enkel und Cousin dieser beiden Menschen lebt seit etwas mehr als zwanzig Jahren hier. Er ist mein Kollege. Er hat ein großes Herz und immer ein Lachen für dich, für mich und für alle anderen übrig.

Er sagt, das Leben gehe weiter, es müsse ja, für seine Frau und seine Kinder. Das gehe nur mit einem Lachen.

Aber zum Weinen bleibe er alleine.

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Dieser großzügige liebenswerte weise Mann.

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29102018.

Ich habe das, glaube ich, schon einmal geschrieben. Hier oder bei Twitter, keine Ahnung.

Es ist ein so gutes, so befriedigendes Gefühl, morgens wach und energiegeladen aufstehen zu können, ohne Angst zu haben. Ohne diese innere Schwere, die einen unerbittlich im Bett halten will, um sich nicht dem Leben stellen zu müssen. Es tut so gut, erahnen zu können, wie leicht das Leben sein kann.

Die Dunkelheit aus diesen alten Zeiten ist zwar immer noch da, in einer schweren Truhe, quasi auf dem Dachboden eingemummelt. Und sie wartet darauf, sich wieder über mein ganzes Haus ausbreiten zu können, mit nachtschattenschweren Schwingen alles einzuhüllen.

Und dann werde ich wieder versinken, in einen dunklen Teich und dem Nöck, der dort lebt, Gesellschaft leisten, und weder Sterne noch Mond sehen. Ich werde in den Algen untertauchen, und das Leben wird mich von oben zu ködern versuchen, und wenn ich es wieder hören kann, werde ich wieder aufsteigen, mich abtrocknen, schütteln und weitergehen.

Aber nicht heute. Heute habe ich ein bisschen Frühling im Herz und Leichtigkeit im Schritt, wenn ich gehe. Es ist heute das gute, das einfache Leben, ohne Zweifel oder Angst.

13102018.

Mir träumte vor einigen Tagen von einer Umarmung, so groß und schützend, dabei so leicht und Raum gebend.

Sie war derart perfekt für mich, dass mir die Worte dafür fehlen.

Heute früh im Halbschlaf, nach dem Auftauchen aus anderen Träumen mit viel Meer und Seefahrt, erwischte ich mich, wie ich mich versuchte in den Traum von vor ein paar Tagen zurück zu träumen.

Was leider nicht funktioniert hat. Zudem bezweifle ich, dass es sich bei einer Wiederholung genau SO wieder fühlen würde.

Es bleiben ein Bild, eine Erinnerung übrig.

08102018.

Ich finde es sehr berührend, dass der kleine Hund, wenn es ihm schlecht geht, zu mir getappst kommt. Dann hängt alles an ihm nach unten, was nur hängen kann, und er wirkt so hilflos. Das ist herzerweichend, wie er sich dann an mich drückt oder den Kopf an mir vergräbt.

Die Kehrseite der Medaille ist, dass er sich in solchen Fällen bislang noch jedes Mal vor meine Betthälfte oder meine Füße übergeben hat. Irgendwas ist immer.

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Heute zum ersten Mal das Kind, mein Kind, unser Kind im Ultraschall gesehen. Nun, es wird ein Gummibärchen. Passt.

Zum ersten Mal zudem richtig Freude und Aufregung empfunden.

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Mir wurde nahegelegt, mich dringend um eine Hebamme zu bemühen, ich sei schon recht spät dran. Überhaupt waren die Helferin und auch die Ärztin überrascht, dass ich das Ausbleiben meiner Periode abwartete, bevor ich einen Test machte. Das sei heutzutage nicht mehr bzw nur noch selten üblich unter den jungen Frauen. Durch meine Suche nach einem Frauenarzt (17 Praxen habe ich abtelefoniert) und die daraus resultierende Wartezeit bis zum Termin, waren zusätzliche Wochen ins Land gegangen.

Ich formuliere es mal vorsichtig: das System stinkt, wenn mir in der 9. SSW geraten wird, mich zu beeilen, da ich sonst keine Betreuung mehr finden werde. Es stinkt zum Himmel, ganz und gar.

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Vieles davon war mir bereits bekannt und es gab einige Überlegungen in mir, nach denen ich aufgrund dieser Umstände von einer Schwangerschaft absehen wollte. Das Gesundheitssystem als Verhütungsmethode.

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Es geht voran.

07102018.

Kurz überlegen, welches Datum und welches Jahr wir heute haben, ach, so lange ist es doch noch nicht her, dass ich schrieb, und doch, gefühlt eine Ewigkeit.

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Der Mann und ich werden Eltern. Das wirft mich vollkommen aus der Bahn, körperlich und seelisch. Ich bin vollkommen zerrissen, genießen oder ekstatisch freuen geht noch nicht so wirklich. (So, jetzt ist es raus.)

Es ist erst irgendwann Anfang Mai so weit (guter Monat, mein Kind!), ich habe also noch etwas Zeit zu eruieren, wie ich beruflich verfahren soll, da mein Vertrag befristet ist und mitten in der Elternzeit, im Mutterschutz (wie heißt das jetzt eigentlich genau?) enden wird und ich dann im schlimmsten Fall wieder arbeitslos dastehen werde.

Ich habe zudem ausreichend Zeit mich an dieses Alien in meinem Körper zu gewöhnen, das mir bislang Essen und Trinken sehr verleidet. Der Übergang von hungrig-schlecht-und-schwindelig zu satt-schlecht-und-kotterig ist fließend, keine Ahnung also was mein Körper so von mir will, ich probiere halt aus, hilft ja alles nix. (Vollmilchnussschokolade ist super, Cashewkerne und salzige Kekse wie TUC auch, gerne in Kombination. Kaffee geht zu meinem Leidwesen gar nicht mehr, überhaupt trinken, Alter, es ist ein Graus.) Ich bin übrigens der festen Überzeugung, dass Krokodile die bessere Wahl der Brutaufzucht getroffen haben.

Der härteste Brocken ist der Wahnsinn in meinem Kopf, die Angst, dass ich „werde wie meine Mutter“. Sie hat für mich gesorgt und mich beschützt, jedoch hatte (und habe) ich äußerst selten das Gefühl, dass sie meine Bedürfnisse gesehen hat oder sieht, und statt diese abzutun, auch annehmen und stehen lassen kann. Vermutlich ist das der Kern, ich denke da schon etwas länger daran herum, auch in Bezug auf die Geschichte mit meinem Bruder Anfang des Jahres, die auch noch nicht gelöst ist, und wo war ich doch gleich?

Es kommt hinzu, dass ich mich seit ich Teenager bin, dagegen gesperrt habe, „nur Hausfrau und Mutter“ zu werden. Und ich steuere gerade mit Lichtgeschwindigkeit darauf zu, siehe den Punkt mit der beruflichen Situation. Das macht mich richtig fertig. Mir ist übrigens klar, wie despektierlich und hochmütig das klingt, und genau so ist es in diesem Zusammenhang auch aufzufassen. Ich weiß, dass ich keine große Karriere im klassischen Sinne mehr starten werde. Mein Verstand weiß, was Hausfrauen und Mütter alles leisten müssen. Ich weiß, dass Hausfrau und Mutter heutzutage anders gelebt werden kann als in der Generation meiner Mutter. Ich weiß, dass es nicht zwangsweise mit Verdummung des Verstandes und mit Auflösung meines Ich einhergeht. (Da manifestiert sich gerade ein absolutes Schreckensbild vor meinem inneren Auge. Was einem halt so eingetrichtert wird, von Gesellschaft und Co. an sozialen Bildern, Erwartungen, Rollenklischees, Vorurteilen, Abwertungen.)

Aber, Herrgott, ich hatte mir vieles anders vorgestellt und es ist vieles anders gekommen, nicht schlechter, nicht besser, nur anders, und das ist gerade alles etwas viel. Völlig normal, habe ich mir sagen lassen.

Ich blicke also, wie gewohnt, vorsichtig optimistisch in die Zukunft. Das wird schon alles werden. Irgendwie.

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Mut ist, der Angst ins Auge zu sehen statt sie zu leugnen.

22082018.2

Ich bin ein hässlicher Mensch. Vielleicht sehen das andere anders, vielleicht haben sie recht, vielleicht auch nicht. Zumindest bin ich ein sehr zwiegespaltener Mensch.

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Meine Hässlichkeit äußert sich in Aggressivität und Lautsein, speziell durch Wutbrüllen. Mein Mann nennt das launisch und unberechenbar, da niemand, auch die Engsten nicht, davor gefeit sind. Es geschieht meist dann, wenn etwas nicht so läuft, wie ich es erwarte und von dem ich meine im Recht zu sein.

Heute hat es einen Speditionsmitarbeiter erwischt. Mein Trigger ist dann die betont sachlich-deutliche Erklärung eines Vorgangs, mit Hilfe derer man mir suggeriert, ich hätte etwas nicht verstanden. Das Problem hierbei: ich habe es verstanden. Und ich hasse es, wenn man mich für dumm verkauft und ich dann den Kürzeren ziehe. Dann möchte ich mit Ungeduld, mit Gewalt durchsetzen, was mein Recht ist. Egal, ob vermeintliches oder tatsächliches. Sei es drum.

Ich saß oft genug am anderen Ende der Leitung, um zu wissen, wie sich das anfühlt. Ich nutze zudem oft genug selbst die sachlich-deutliche Erklärung vom hohen Ross, um den Unverstand meines Gegenübers zu betonen. Beide Seiten kenne ich, und beide mag ich nicht, vor allem nicht an mir.

Ich habe einen sehr starken inneren Kompass, der mit Stolz und Ehrgefühl, aber auch mit Moral und Idealismus angetrieben wird. Keine Ahnung, ob das gut oder schlecht ist, oder wie viel das in unserer heutigen Gesellschaft wert ist. Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich denke, „leb es aus, das bist du“. Egal, ob es gut oder schlecht ist, das sind Wertigkeiten, die vielleicht nur in diesem Leben zählen, meiner Seele aber pupsegal sind. Meine Seele will sich ausleben.

Heute beispielsweise sagte mir der Kompass, du bist im Recht, weil du einen Vertrag mit einem Dienstleister geschlossen hast, über eine bestimmte Option der Lieferung. Deine Hälfte des Vertrags hast du erfüllt, die andere Hälfte mit dieser bestimmten Option nur unvollständig. Mein Verstand sagt mir, sei nett, sei verständnisvoll, dann mögen sie dich und versuchen dir gerne zu helfen. Sie versuchen es, sie bedauern ganz viel und du bist nett und gibst nach und wieder ziehst du den kürzeren. Das ist die Erfahrung. Ein anderer Teil dieser Erfahrung ist, derjenige, der nachdrücklich wird und der alle Register zieht, der bekommt was er will. Das habe ich heute gemacht, nachdem ich es nett versucht hatte, mit aller Wut, die ich in mir trug, weil auf der anderen Seite mir jemand nicht entgegen gekommen ist, weil dieser jemand noch nicht einmal versuchen wollte zu helfen, weil ich mich dumm und hilflos fühlte.

Ich schreie also einen Menschen am Telefon an, das kostet mich nicht viel Anstrengung, ich habe von Natur aus viel Stimmvolumen. Danach fühle ich mich hässlich. Noch hässlicher fühle ich mich, als ich mich danach bei dem Auftraggeber der Spedition beschwere, weil eben der Vertrag von deren Seite ungenügend erfüllt wurde und ich im Recht bin. Ich stehe für mich ein. Und trotzdem mehr Hässlichkeit in mir. Obwohl ich ruhig und sachlich blieb, mich mit der Sachbearbeiterin nett unterhalten habe und wir eine einstweilige Vorgangsweise gefunden haben. Es ist als hätte ich eine gute und angemessene Lösung für mich verwirkt. Als dürfe ich keine Ansprüche mehr für mich geltend machen, weil…

„…man sowas nicht macht. Als Frau erst recht schonmal gar nicht. Überhaupt, kannst du es nicht einfach ruhen lassen? Der arme Mann. Nun reiß dich mal zusammen. A netts Mädle macht sowas net. Kannst du nicht einmal nett sein? Musst du immer so fordernd sein? Man kann auch mal auf was verzichten.“

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Wenn ich für mich und mein Recht einstehe, egal auf welche Art, habe ich verloren. Entweder bin ich für mich hässlich oder für andere. Entweder verliere ich mich oder andere(s).

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Mein Dilemma, seit ich Kind bin.

(Nur falls sich jemand fragt, so wie ich die letzte Stunde, weshalb mich eine unzuverlässige Spedition so aufregt. Schwarz auf weiß, nur für mich.)

18072018.

Ich habe es gut. Das twitterte ich gestern Abend, nachdem ich es bei einer Mittwitterantin (Mittwittererin? Twitterin? Tweetie?) gelesen hatte. Man kann es nicht genug sagen, wiederholen, sich bewusst machen.

Ich habe es gut. Es geht mir gut. Es ist gut.

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In meinen 20ern hielt ich es mit Goethes Faust, es irrt der Mensch so lang er strebt. Noch immer denke ich darauf herum. Er war mir Leitsatz und Leuchtturm, wenn es halt nicht so lief, wie ich mir das vorgestellt hatte. Streben, austesten, versuchen, fallen, von vorn, wieder etwas neues, wieder etwas anderes, irren ist menschlich, ich bin nur eine von vielen, ich suche also bin ich, fertig ist man nie, frau sowieso nicht.

Meine Mutter (immer wieder sie.) fragte dazu „Willsch wieder was erzwinge?“, wenn diese Ungeduld mich antrieb, dieser Motor in meinem Herzen, dieses striving. Ich möchte fuchsteufelswild werden, um mich schlagen, brüllen, die ganze Anspannung aus meinen vibrierenden Nerven rauswüten, wenn ich mich in diesem Zustand befinde und SOFORT bittedanke alles geändert wissen.

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Ich habe es gut.

Wie ein Mantra. Und sie sah, dass es gut war. Ich las gestern etwas anderes, etwas für mich neues aus diesem Satz heraus. (Ich bekomme gerade nicht die Kurve, ich bin keine Isabella Donnerhall, ich will gerade etwas erzwingen und mache noch einen Umweg mehr.)

Da schwang plötzlich dieser Gedanke mit, „das große Glück im kleinen finden“. Ein eingebranntes Bild meiner Eltern, wie sie vor einigen Jahren während ihrer Goldenen Hochzeit vor mir standen und so strahlten, dass ich zu heulen anfing. Und noch früher, als sie während des 70. Geburtstages meines Vaters Händchen hielten.

Bislang sehr verhasst und abgelehnt, ja, verbissen dagegen angekämpft. Ich, eine Frau wie ich, gibt sich nicht mit kleinem ab. Schon gar nicht mit „Kinder, Küche, Kirche“, wie man früher sagte, oder auf heutige Verhältnisse angepasst „Kombi, Kleinfamilie, keine Karriere“. Striving. Immer mehr, oder besseres, nein, eher: anderes wollen. Ich hebe mich ab, ich bin anders, Distinktion, Arroganz, Hochmut. Herrje. (Ich bin nicht unanstrengend, selbst für mich ist es mit mir oft kaum auszuhalten, meine Bewunderung gilt daher meinem Mann.)

Ich scheiter(t)e an mir selbst. Immer und immer wieder.

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Ich habe es gut.

Ich lerne anzunehmen, was das Leben mir anbietet. Das Scheitern aushalten, es zu akzeptieren, „Hallo, es ist jetzt nicht so schön dich kennenzulernen, aber geht ja nun nicht anders.“ und schauen, wohin mich das bringt, wenn ich mit dem Strom schwimme, wenn ich mal nicht aufbegehre.

Spoiler: überraschend weit.

Meine ehemalige Chefin, die ich sehr schätze, sagte immer zu mir: „Das Universum sorgt für dich, du musst es nur zulassen.“ – mittlerweile fürchte ich, dass sie recht hatte.

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Hier bin ich Mensch.