12092017.

Um 07:15 habe ich meinen Kaffee aus der LieblingsKaffeemaschine geholt und habe mich auf den Weg zur Bahn…nein, wieder ins Bett gelegt. Um den neugierigen Hund zu bekuscheln, um aufzuwachen, mich innerlich zu orientieren. Morgens brauche ich meist etwas mehr Zeit bis ich zu mehr in der Lage bin als nur zu existieren.

Und als ich da so durch die Wohnung tappste,  ging mir auf, wie unfassbar froh und erleichtert bin, dass ich nicht mehr in das Büro des vorherigen Arbeitgebers muss. Dass ich mich nach mir richten kann, dass ich jetzt nicht durch diese graue Welt da draußen hetzen muss. Dass ich mich nicht darauf einstellen muss, wer will was wie schnell von mir und weshalb immer auf mich? *

Das ganze ist jetzt ungefähr ein halbes Jahr her, und ich muss sagen, in diesem halben Jahr hat sich sehr viel zu meinen Gunsten und zu meinem Vorteil entwickelt. Ich habe das Gefühl, endlich anzukommen – sowohl in mir selbst als auch im Leben. Ich glaube, das ist ganz gut.

* Im Spielwarenladen will auch ständig jemand was von mir, mir haben meine Füße schon lange nicht mehr so weh getan, aber es ist ein anderer Umgang. Die Damen kümmern sich umeinander, fragen nach und manche Kinder sind echt herzig. Es ist…anders. Und gut.

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01072017.

In naher oder auch ferner Zukunft, wer mag es schon vorher zusagen, werde ich eine garstige Alte sein. Die Zeit werde ich mir vertreiben, mit einem Kissen unter den Armen aus dem Fenster auf die Welt herabschauend, und werde euch all das zurückgeben, was ihr euch verdient habt.

Der Hundehalterin, die ihren kläffenden Köter eine Stunde lang ignoriert, werde ich zugreinen, dass sie sich um ihre Töle zu kümmern habe und ihren Latte Matschiato getränkten Hintern aufraffen soll, um seine Schei*e wegzumachen, dass der Oppa von gegenüber nicht wieder reinlatscht.

Die Eltern, die seit einer halben Stunde über dem Kopf ihrer nölenden Kindergartengöre „diskutieren“, wer von beiden richtiger und besser spiele, werde ich aufklären und ihnen mitteilen, dass ihr Sprössling ohne sie besser dran sei und lieber mit der kackenden Fußhupe rumrennen solle, so dass beide vor ihrer steten Verfettung bewahrt werden.

Ich werde eine der Erinnyen sein und euch dreißigfach und hundertfach den Lärm, die Ignoranz und die Empathielosigkeit vergelten, die ihr sorgenfrei und gedankenlos über der Welt ausstreut, die mich angreifen, die mich ermüdet haben, die mein Nervenkostüm zerrissen haben.

Das seit Stunden dudelnde Radio werde ich verfluchen, mit grausameren Worten als eine der Shakespeare’schen Hexen sie erfinden kann. Den Besitzer des über Gebühr lauten Weckers, der morgens um halb 4 die ganze Straße weckt, werde ich mit einem Eimer Putzwasser erwischen. Alles werde ich euch zurückgeben und meine Wut wird von einer Größe sein, die ihr noch nicht kanntet.

Ihr werdet euch abwenden, werdet den Kopf schütteln, voll von Unverständnis, wie es so weit kommen konnte, was nur geschehen sei. Ihr werdet die Schuld bei mir suchen, nicht in der Welt, nicht bei euch, nicht im Lärm. Ich werde mich zurückziehen in meine Burg aus Schatten und Stille, über euch richtend, wie es nur dem Einen zusteht.

Und was gesät wurde, wird aufgehen und ich werde an mir selbst ersticken.

***

So ein Tag, an dem einfach alles zu viel ist.

15062017.

Zu Beginn des Jahres, als ich körperlich und seelisch ziemlich kaputt gespielt gearbeitet war, nahm ich mir vor, dass sich etwas ändern muss. Nicht unbedingt konkrete Umstände, aber meine Einstellung zu den Umständen und dem, was mir so passierte. Ich überlegte mir, dass…nein, ich hatte die Sehnsucht nach mehr Abenteuer in meinem Leben, überhaupt nach mehr „Leben“ im Leben.

Mein Jahresmotto, legte ich fest, sollte also sein „mehr Abenteuer wagen“. Beschwingt setzte ich mich an meinen Arbeitstisch, malte ein Bild, ein sinniger Spruch „and so the adventure begins“ im Mittelpunkt, illustriert mit Motiven aus Alice im Wunderland und anderen Illustrationen. An die Wand genagelt und gut. Da hängt es seither und es hängt da gut, denn der Nagel ist sehr stabil.

Und ich fragte mich, wo bleibt denn jetzt mein Abenteuer? Ich wollte mich doch wieder wie Anfang 20 fühlen, unbesiegbar sein in einer Nacht voller Sterne, wenn über der Stadt diese schon wieder verblassen, die Sonne noch nicht sichtbar den Himmel färbt und man beseelt von Tanz, Alkohol und diesem Flirren im Bauch nach Hause hüpft. Wissend, hinter der nächsten Ecke wartet ein hübscher Junge, die beste Freundin, die nächste Aufregung oder alles zusammen.

Es wird sich nicht mehr anfühlen wie Anfang 20. Ich bin zehn Jahre älter und mein Mut, mich hineinzustürzen, ist durch Erfahrung gedämpft worden.

Ich habe „nein“ gesagt zu meiner bisherigen Lebensgestaltung und „ja“ zu der Ungewissheit, die da auftauchte und ausgehalten werden will. Viel freie Zeit, die viele kleine Spontanitäten erlaubt. Und große Ereignisse in Gang brachte. Wir haben uns einen kleinen bald großen Hund gekauft. Der zeigte uns plötzlich sehr deutlich, was wir wollen und was nun genug ist. Also haben wir uns jetzt auch noch ein Haus gekauft. Mit riesengroßem Grundstück und viel Platz.

Das Gefühl dabei ist „wooooaaaaaah“, atemberaubend mit Flattern und Flirren im Bauch. Da steht plötzlich der Einsame Berg vor mir, und in ihm warten Smaug, der Arkenstein unnd abermillionen Schätze. Ich kann es also doch noch, das mit dem Mut und den Abenteuern.

Man muss sich nur die Abenteuer aussuchen, die zur eigenen Größe passen.

19052017.

In der christlich-evangelischen Lehre erzogen worden, bin ich vor einiger Zeit aus der Kirche ausgetreten. Mein Glaube an einen, „den“, christlichen Gott ist nicht mehr vorhanden. Zumindest nicht so wie die Bibel und das zugehörige kirchlich-verantwortliche Personal es mich ursprünglich lehrten.

Ich glaube nicht an eine Hölle, die Verdammnis oder an eine Rechtsprechung durch einen ewigen Gott Richter. Dementsprechend kann ich  für Sünden nicht bestraft werden, es gibt ergo auch keine Sünden mehr, wenn ich das ganze zugrunde liegende System infrage stelle.

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Es ist nun allerdings so, dass wir, unsere Eltern und Großeltern, aber auch unsere Kinder und wahrscheinlich noch Kindeskinder, mit diesen biblischen Glaubenssätzen aufgewachsen sind und noch einige Zeit weiter aufwachsen werden.¹

Daher ist es für mich durchaus logisch nachvollziehbar, wenn eine Reaktion auf Überlegungen (oder nennen wir es: innere Erfahrungen) wie jene von gestern, lautet „Aber das darf man doch nicht. Wie kannst du nur überhaupt über so etwas nachdenken? Das Leben ist doch heilig.“

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Jedoch. Unter der vorangegangenen Prämisse verstehe ich Suizid nicht als Sünde. Er ist nicht bestrafbar, es wartet keine Verdammnis, kein allmächtiger Richter. Für mich persönlich ist er eine mögliche Variante des Todes, der wiederum eine Kehrseite des Lebens ist. Beides gehört zusammen. Ist das Leben heilig, ist es der Tod ebenso und sollte mit eben solcher Ehrfurcht begangen werden.²

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Eine weitere Überlegung, die sich hieran anschließt: Ich bin überzeugt davon, dass wir Menschen, die krank sind, zugestehen müssen, ihre eigene Entscheidung zu treffen, wie sie unter den ihnen vorliegenden Umständen sterben wollen oder nicht. Ob sie ihr Leiden beenden wollen. Wer maßen wir uns an zu sein, ein Urteil darüber zu fällen, wessen Leiden aushaltbar ist? Wer entscheidet darüber, dass eine Depression aushaltbarer als ein Krebsleiden ist? (Wer an selbstbestimmte Geburten denkt, muss m.E.n. auch an selbstbestimmtes Sterben denken.)

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Die Überlegung, die sich hinter all meinen Gedankenfragmenten verbirgt verbergen mag, ist nicht, dass die Abwesenheit jeglichen Denkens an den Freitod mich zum Leben treibt, sondern dessen Anwesenheit. Das Bewusstsein, dass ich mich jeden Tag neu entscheiden kann, für mich, für mein Leben.

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„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“
(Psalm 90, 12) ³

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¹ Es erschließt sich mir nicht, wie eine ganze Gesellschaft ihre Kinder erziehen kann, in dem Glauben, dass Aspekte ihres Lebens sündhaft oder mit Schuld belastet seien und erst nach (!) dem Tod Vergebung zu erwarten sei von einer nicht wahrnehmbaren göttlichen Macht. (Da raste ich innerlich komplett aus.)

² Mir fehlt in unserem gesellschaftlichen Leben die gedanklich offene Auseinandersetzung mit Sterben, Tod und allem was damit zusammenhängt. Ich habe bspw. mehr Angst vor dem Sterbensprozess an sich als vor dem tatsächlichen Todesaugenblick.

³ Wer bis hierhin gelesen hat: Danke. Im realen Leben bin ich lebensfroher, lauter und lustiger. Und ja, es geht mir (wieder) gut. Auch hier Danke für die Nachfragen. Dafür noch zwei Filmempfehlungen zu dem Thema: „Harold and Maude“ sowie „Million Dollar Baby“.

18052017.

Ich bin 33. Mit 15 (oder 16, ich weiß es nicht mehr genau) dachte ich das erste Mal an Suizid. Einsam, unverstanden, überfordert mit der Welt sowie den Menschen und ihrem Verhalten.

Der Gedanke, der mich damals auch nur vom Versuch abhielt und auch in den Jahren danach, war der, für Eltern Geschwister Partner Freundinnen verantwortlich zu sein. Ihnen „das“ nicht anzutun. „Das“ ist schwammig definiert, mag es die Erfahrung, das Leid, das Warumausgerechnetwir sein.

Hauptsächlich wollte ich ihnen aber wohl das Leiden ersparen, und übernahm diese Verantwortlichkeit, indem ich mir den verqueren Gedanken einimpfte „Ich lebe FÜR euch weiter, dass IHR nicht leidet.“

(Nicht, dass ich das jemals so deutlich ausgesprochen hätte.)

***

Vor einigen Tagen kam mein Vater mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus. Der ganze Vorfall (wie nennt man sowas?) ging glimpflich aus und er wird bald seinen 79. Geburtstag feiern, und so wie es aussieht auch nächstes Jahr seinen 80., und dann sehen wir weiter.

Während meine Mutter sehr schnell wieder sehr zuversichtlich war und, dank Notarzt und den behandelnden Ärzten, die Situation positiv einschätzen konnte, leidet meine Schwester in jedem Telefonat, das wir seither geführt haben, vor sich hin. Sie benutzt die gleichen Formulierungen und Worte wie unsere Mutter, und doch wiegen sie so schwer, dass ich glaubte, Papa liege im Sterben. Dabei trieb er bereits knapp 48 Stunden nach dem Anfall die Ärzte mit seiner Selbstständigkeit zur Weißglut.

Meine Schwester leidet. Meine Mutter nicht.

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Und mir ging auf, so plötzlich und so klar, dass die Menschen, die ich innerlich schützen wollte, ihr Leid selbst wählen. Ich habe keine Verantwortlichkeit dafür. Ich bin komplett frei zu wählen, ob ich leben oder sterben will. Und würde ich das Sterben wählen, so wäre es ein Freitod – ein Tod aus freier Entscheidung. Und wähle ich das Leben, so ist es eine Entscheidung für mich – und nicht für Andere.

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Diese Erkenntnis sackt langsam ein. Welche Hybris mich da geleitet hat, ich hätte die Verantwortung dafür, oder gar die Macht, Leiden zu ersparen?!

Ich. Bin. Frei. In. Meiner. Entscheidungsfähigkeit.

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Vermutlich wird es noch einige Zeit dauern, bis ich diesen weiterführenden Gedankengang so verinnerlicht habe, wie ich die letzten 17 oder 18 Jahre den alten Gedanken gedacht habe bzw. bis ich diesen aufgelöst habe.

Auch den Mut zu finden, die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis zu ziehen, wird noch dauern.

04052017.

Im Buddhismus ist die Rede vom Weg der Mitte. Das Nirvana – oder auch die Erlösung – erreichen, indem man Extreme meidet. Ein Gleichgewicht finden, nicht zwischen den Dualen – negativen wie positiven – schwanken, im Lot sein. Jeder Aspekt des Lebens zu gleichen Teilen.

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In meinem Kopf geistern Lebensabschnitte, Verhaltensmuster, Erfahrungen, Gefühle, Erlebnisse wild durcheinander und es will mir vorkommen als könne ich nur die Extreme bespielen. Viel Geld versus kein Geld, Gesellschaft versus Einsiedelei, das Leben anlachen versus das Leben verdammen. Wechsel in kürzeren oder längeren Sequenzen, die mich mit Hoffnung füllen, ES jetzt gefunden zu haben und die mich geschlagen zurücklassen, mit einem dickem Schädel, blauen Flecken und neuen Wunden.

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Es bleiben die Abschiede von Menschen, die mal etwas bedeutet haben, Erinnerungen, die nicht zur Ruhe kommen und die Angst: alles falsch gemacht zu haben, schon wieder abhängig zu sein, keine Zukunft zu haben und zu wissen, dass langsam die Ideen ausgehen, was man noch mit diesem irdischen Dasein anfangen kann.

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Das Papier ist nicht mehr weiß. Es wird bedeckt von einem Koordinatenkreuz, dessen verzeichneter Graph deutliche Schwankungen aufweist. Kein Weg der Mitte.