14042018.

Während ich das hier schreibe, löschen sich im Hintergrund ungefähr 10 Jahre meines Lebens. Vielmehr ein kleines Zusatzprogramm für meinen Browser, das von einem findigen Menschen programmiert wurde, löscht alle Postings, Likes, Kommentare und Links, die ich in dieser Zeit auf fb hinterlassen habe.

Es geht mir nicht um Datenskandale, meine Daten sind längst in mehr oder weniger anonymisierter Form in Palo Alto verwurstet worden. Vielmehr reizt mich das Gefühl eines weißen Blattes, etwas auszulöschen und neu zu schreiben. Reinen Tisch zu machen. Ich werde mich sicherlich nicht mehr auf fb neu erfinden, und auch sonst nirgendwo. Ich werde einfach weitermachen.

Dennoch ist das Gefühl da. Und es verschärft sich, wenn ich mir anschaue, wer sich dort drüben in meiner Kontaktliste tummelt. Da ist die streng gläubige Schulfreundin, die nun italienisch verheiratet ist und den Sermon von Il Papa ungefiltert teilt. Da sind die ehemaligen Feierkumpane, die nachwievor ihre Wochenende lieber an und unter einem Tresen in einer seligen Bierwolke verbringen. Sie geben sich ein Stelldichein mit den ehemaligen Kollegen und Kolleginnen, die die neuesten achso lustigen Bild-Artikel teilen. Außerdem sind da noch Kommilitoninnen, Mitauszubildende, irgendwelche Techtelmechtel und lose Bekanntschaften, die in diesem Konglomerat mit dranhängen wie Fäden an einem schlecht versäumten Kleidungsstück.

Zu keiner dieser Personen habe ich noch engeren oder tiefergehenden Kontakt. Für einen kurzen Zeitraum haben sich unsere Wege passenderweise gekreuzt, sind vielleicht parallel gelaufen, haben sich nochmals gekreuzt, um dann in andere Richtungen weiterzugehen. Geblieben ist ein halbleerer Datensatz, der hin und wieder an die Oberfläche taucht und ein ungutes Gefühl verursacht. Auf beiden Seiten, denn keine kann mit der anderen noch so richtig etwas anfangen, aber da war ja mal was und vor den Kopf stoßen will man auch nicht. Und so gratuliert man zu Hochzeit, Geburt, Scheidung, Todestag, immer mit diesem Gepäck auf dem Rücken, das eigentlich drückt und nervt, weil es so unförmig ist und nicht recht passen mag.

Zu sehr ist die Gemeinschaft, die sich da tummelt, auf falsch verstandener Nähe, der Misinterpretation von Freundschaft und dem Hang zu Distanzlosigkeit aufgebaut worden. Ja, klar, lass uns Freunde bleiben. Das klappt doch schon im realen Leben total gut. Ich möchte das nicht mehr, keine Anhängsel, keine Überreste, keinen Ballast.

Also lösche ich erst Datenverknüpfungen, schließlich mein Profil. Diejenigen, die wichtig sind, habe ich eh doppelt und dreifach gespeichert, wir laufen noch auf vielen Ebenen parallel. Bis auch diese Wege sich nochmals kreuzen und schließlich trennen werden.

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06042018.

Es gibt so Momente, in denen zweifle ich nicht. So absolut überhaupt gar nicht. Da weiß ich, in meinem tiefsten Inneren, da wo Herz und Verstand nicht mehr hinkommen, da wo allein Gott, meine Seele und das Leben sich treffen, dass alles richtig und gut ist, so wie es eben ist.

Ganz oft sind das Momente, in denen ich Kopfhörer trage, ein treibender Beat alles auffüllt, das Außen ausblendet und vielleicht noch die Sonne scheint. Geht aber auch bei Regen, wichtig ist außerdem Wind in den Haaren.

Dann bleibe nur Ich, und dann winken Sie mir doch, wie ich in dieser wunderbaren Gewissheit an der Haltestelle tanze und sogar den verspäteten Busfahrer anstrahlen kann. Denn dann winke ich auch zurück, einfach weil ich es kann.

22032018.

Was ich – hoffentlich nachhaltig und mehr als eindrücklich – aus der Beziehung zu meiner Mutter lerne:

1. „ihr bekommt alle das Gleiche“ ist für die Mülltonne, wenn dabei die individuellen Bedürfnisse und Wünsche ignoriert werden.

2. „ihr seid alle meine Kinder“ auch auf die Schwiegerkinder auszuweiten ist zwar ehrenwert, allerdings ebenfalls für den Mülleimer, wenn die Bedürfnisse der eigenen übergangen werden.

3. „ich behandle euch alle gleich“ funktioniert nur und ausschließlich, wenn sich das Verhalten an den individuellen Persönlichkeiten orientiert. Sonst ist es Gleichmacherei.

4. „ich hab euch alle gleich lieb“ zu sagen, entbindet nicht davon, dies auch individualbezogen zu äußern oder zu zeigen.

[Während ich dies schreibe, möchte ich so gerne weinen, sitze aber in der Bahn und das wäre jetzt blöd.]

Ich habe im letzten Jahr – und eigentlich auch schon immer – gelernt, dass meine Mutter es nicht anders kann, dass sie es selbst nicht anders gelernt hat, dass es ihre Art ist, Gefühle zu zeigen und zu vermitteln, dass meine Geschwister und ich ihr alle gleich lieb sind.

Und in meinem kleinen Herzen wünsche ich mir doch etwas anderes. Weil es für mich anders passender gewesen wäre.

23022018.

Wildgänse, die über mich hinweg ziehen. Fragen Sie mich bitte nicht, ob schon wieder nach Süden oder noch immer nach Norden. Es ist irrelevant für mich. Ich höre ihre Unterhaltungen, ob das nun auch sicher der richtige Weg sei, ob man denn wirklich noch weiterfliegen müsse oder ob man nicht endlich auf dieser einen Wiese in der Marsch Aufenthalt machen und etwas pausieren könne.

Noch in keiner anderen Stadt waren das Geschnatter und der Flügelschlag dieser Tiere so präsent und derart weithin hörbar. Wenn man es denn hören will. Oft denke ich dann an Nils Holgersson und wie er auf seiner Reise versucht, den Gänsen zu erklären, was eine „Grenze“ ist, und die nicht verstehen, wie der Mensch sich von etwas Imaginärem derart einschränken lassen kann. Es ist doch so einfach, diese Grenzen zu überfliegen, zu überwinden.

Vielleicht ist das alles, was man lernen kann.

***

25012018.

Dieses Grundstücksthema, das seit gestern in unserer Familie rumgeistert, hat das Potenzial, dass wir uns alle verkrachen könnten, wenn wir wöllten, was wir zwar nicht tun, wobei wir nichtsdestotrotz sehr vorsichtig agieren müssen. Es hat sich nämlich in Telefonaten mit meiner Schwester und meinem Bruder herausgestellt, dass das alles nicht so ganz einfach wird. (Einfach formuliert.)

Meiner Schwester war bislang nicht klar, um wie viel Geld es tatsächlich geht. Sie will das Grundstück jedoch haben, weil sie es nicht bewirtschaften will. Sie plädiert für Status quo belassen bis die Eltern irgendwann sterben. Das verschiebt das Problem zeitlich nach hinten. (aus den Augen, aus dem Sinn.)

Meinem Bruder war immerhin klar, dass das nur ohne größere Kalamitäten abgeht, wenn meine Schwester und ich unser Okay geben. Ihm war nicht klar, dass ich damit nicht einverstanden sein könnte. Er akzeptiert eine andere Lösung nur unter folgenden Bedingen: kein Verkauf, keine Erbengemeinschaft, es darf nicht verwildern. Zudem behält er sich vor, sich einzumischen, wenn das besitzende Geschwister das Grundstück doch irgendwann verkaufen will. (Alter, seriously?!) Er plädiert für Abwarten.

Mir war bislang nicht klar, dass meine Eltern vollendete Tatsachen formuliert haben, wo noch keine sind. (Hier kommt wieder mein Gefühl des Übervorteilt-werdens ins Spiel: ach, was soll die Kleine schon dagegen haben?) Mir war ebenfalls nicht klar, dass ich das Grundstück als Anlageobjekt sehe und es meinem Bruder alleine nicht gönne (jaja, ich bin ein schlechter Mensch – deal with it!), sondern es zu gleichen Teilen für uns Drei haben möchte. (Überraschung!) Zudem war mir nicht klar, dass das Grundstück bewirtschaften werden soll, sprich nicht verwildern soll. (Zitat „Da kannst du dich aber nicht davon freikaufen!“)

Klar ist auch, dass meine Eltern das handhaben können wie sie möchten. Sie sind die Eigentümer und wir können noch so sehr uneinverstanden sein, letzten Endes ist es ihre Entscheidung. (Außer mein Bruder lehnt ab. Eher friert die Hölle zu.)

Ich habe nun für mich folgendes herausgefunden (man wird ja schlauer bei sowas, immerhin!):
– Meine Geschwister und ich sind ganz schlecht darin, gemeinsame Lösungen zu finden, die wirklich ergebnisoffen sind, also ohne vorherige Bedingungen. Wir haben es nie gelernt, aufgrund eines zu großen Altersunterschiedes zwischen mir und ihnen sowie aufgrund der Dynamiken zwischen meinen Geschwistern.
– Es ist die Art und Weise meiner Eltern, es allen recht machen zu wollen. Dazu gehört, dass mein Bruder vor langer Zeit mal äußerte, er wolle dieses Land haben, und dazu gehört, dass ihm das vor dem Großen Sterben „zugeschustert“ wird (böse formuliert). Dass allerdings keine benachteiligt wird, werden die Töchter nun ausgezahlt. So äußert sich die Liebe unserer Eltern.
– Es besteht die entfernte Möglichkeit, dass aus diesem Grundstück Bauplatz wird. Dann steigt der Wert in der Gegend locker um das 50- bis 100-fache. Ich will UN.BE.DINGT (!), dass bei einer eventuellen Überschreibung auf einen Einzelnen eine Option für die anderen Beiden bei Verkauf eingetragen wird. (Angst vor Übervorteilt-Werden, you see? Sie können mich jetzt als „geldgeile Alte“ beschimpfen, aber es werfe den ersten Stein, wem es anders ginge.)
– Ich halte die ganze Aktion meiner Eltern für kompletten Bullsh*t. Meine Mutter möchte mit allem Willen kontrollieren, was sie meint noch kontrollieren zu können und will partout durchsetzen, was sie sich in den Kopf gesetzt hat. (Das ist seit einiger Zeit auf ganz vielen Ebenen verdammt anstrengend.)

Ich bin in dieser Situation gezwungen, etwas ganz neues zu tun: vor meiner Familie für mich und meine Bedürfnisse einzustehen. Mich selbst nicht zu verleugnen, sondern zu äußern, wie es mir geht und was ich will. Bislang habe ich mich da ja erfolgreich drum gedrückt, jetzt wird es ernst. (Versuchen Sie dabei nicht zu heulen und keine Wutanfälle zu bekommen, sondern fundiert und sachlich zu bleiben, dabei auf die Gefühle der anderen einzugehen, um nicht wieder als „die Kleine“ ignoriert zu werden. Heidewitzka. Ich brauch ’nen Schnaps!)

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In der Ruhe liegt die Kraft.

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Nachklapp: Das Thema ist eskaliert. Zwischen meinem Bruder bzw seiner Frau und mir sowie mir und meiner Mutter. Erst wollte ich diesen Text offline stellen, aber…nun, ich will zumindest hier meine Wahrnehmung stehen lassen und gesehen wissen. Aktuell sieht es so aus als sei ich die Nächste, die mit einem anderen Familienmitglied auf längere Sicht nicht sprechen wird. (Hochmut und Stolz sind die Fallstricke unserer Familie.)

21012018.

Mir träumte von Menschen und Gestaltwandlern, von Wölfen und deren Kindern, von Menschenkindern und Mord, Blut und Gewalt. Ich hatte Magie und Macht und konnte doch keinen retten.

Absurd wie mein Unterbewusstsein Familie mit Freunden und Bekannten vermischte, mit Sportlerinnen und Filmstars, wie ganze Handlungsstränge entstehen und Sinn erzeugen, oder auch nicht. Wie nur ein Abbild bleibt, das einen den ganzen Tag verfolgen kann, wenn man es nicht loslässt.

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Vor einigen Jahren veröffentlichte ich – noch anonymer als jetzt – eine wahre Geschichte über meinen Vater, meine Mutter, seinen Alkoholismus und mich und Weihnachten. Sie hat sich nicht verändert, wohl aber meine Wahrnehmung und meine Rezeption.

Die Kinder, die Töchter und Söhne, ich, wir haben nicht die Aufgabe unsere Eltern zu retten. Es ist nicht die Aufgabe derjenigen, die älter sind und mehr Lebenserfahrung haben, sich vor uns, vor mir, für ihren Weg und ihre Entscheidungen zu rechtfertigen. Nur sie kennen die genauen Umstände, die dazu geführt haben, sie haben darin gelebt und gefühlt, ich war nicht dabei.

Es hätte in dieser Familie alles ganz anders gewesen sein können. War es nicht, ist es nicht und das haben meine Eltern sehr gut gemacht.

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Wahrnehmung, ich nehme wahr, ich sehe meine Wahrheit, ich nehme Wahres an. (Das gilt dann halt auch für Vorhänge und die Frage, ob objektiv gerade hängend oder subjektiv.)

03122017.

Das Grundrauschen dieser Tage hört sich an wie eine Autobahn. Man selbst steht an der Seite, hält den Daumen raus und guckt, ob gerade jemand Zeit hat, einen mitzunehmen. Ständig kommt was vorbei, meist in Form eines PKW, der einen in die eine oder andere Richtung mitnimmt. Hin und wieder auch in die falsche, und dann heißt es, erstmal wieder die richtige Auffahrt zu finden. Zwischendurch donnert ein Sattelschlepper viel zu nah über einen hinweg, woraufhin man aus dem Straßengraben rauskriechen und mal wieder zählen muss, ob noch alle Knochen heile sind. Zwischendurch hupt dich einer von der Seite an und du überlegst, was du hier eigentlich machst. Eine Autobahn ist womöglich der falsche Ort für einen Tramper, trotzdem geht man halt erstmal weiter, weil runter geht gerade nicht. Der nächste Rastplatz ist außerdem unsauber und chaotisch, weil noch nicht fertig gestellt, zudem gibt es nur lauwarme Kaffeebrühe. Das Ziel, das warme, wo die hausgemachte Hühnersuppe wartet und der Kaminofen brennt, ist noch weit entfernt. 

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Die Hoffnung, am Ziel anzukommen, bleibt.