18072017.

Wann wurden wir nur so erwachsen? Die früher schon Langweiligen sind bereits lange verheiratet, haben 2 oder 3 Kinder, ein Reihenendhaus und die erste Hypothek. Die Ehrgeizigen haben ihren Doktor, sind irgendwo in der Wirtschaft, meist Automobilbranche, angestellt und verdienen so viel Geld, von dem sie in ihrer Fantasielosigkeit nicht wissen, wohin damit. Die von der ganz schnellen Sorte sind schon bei den ersten Scheidungen und Neuverheiratungen angekommen, oder bereits wieder im Elternhaus, sich die Wunden leckend. Diejenigen, die sich ausgetobt haben, hinken etwas hinterher, die Tagesvollsten und Spaßmacher überlegen noch, wann sie eigentlich überholt wurden. Die umtriebig Alternativen, die eigentlich alles anders machen wollten als die Gleichaltrigen, als die Alten, als die Gesellschaft, sind engstirniger und kleinkarierter als so mancher Schrebergartenrentner.

Das Leben holt uns alle ein. Wo sind eigentlich unsere Träume hingekommen? In welcher Schublade haben wir sie vergraben? Was ist aus den Idealisten und Träumern, den Merkwürdigen und Launischen geworden?

Welcher Schalter wurde umgelegt?

Wann wurden wir die, die wir sind?

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31052017.

Der Mann und ich beschließen zwei Flaschen sehr guten Weines mit in die Heimat in das Haus meines Vaters, des Alkoholikers, zu nehmen. Für uns zum Genuss inmitten dieses Zirkusstücks, das meine Familie aufzuführen scheint.

Oh, diese Ironie.

last days of summer.

Die letzten freien Tage liegen vor mir. Ich bin aufgeregt, voller Vorfreude, im Hintergrund lungern allerdings auch Skepsis und eine kleine ängstliche Stimme. Bin ich gut genug? Bluffe ich doch nur? Stellen die fest, dass ich gar nichts kann? Ich beschäftige mich mit Kommunikationstraining und Seminarvorbereitung, Wissen auffrischen, auffüllen und noch mehr davon ansammeln. Dazu lungere ich im Bett herum, meinem liebsten Aufenthaltsort, schaue Videos, lese viel und immer noch mehr. Das Schönste dabei: ganz ohne schlechtes Gewissen. Ich habe keine Verpflichtungen. Niemand drängelt, niemand erwartet mich, niemand fordert etwas. Es ist purer Luxus. Und doch – ich bin so aufgeladen mit Energie, innerer Unruhe und Tatendrang, dass es jetzt endlich Zeit wird, wieder los zulegen. Und ich freue mich dabei so sehr, auch in mich hinein, denn wie lange habe ich mich schon nicht mehr auf einen neuen Lebensabschnitt gefreut. Ich werde unfassbar müde sein, das frühe Aufstehen in Dunkelheit und Kälte werden mich fertig machen, kein Grund, dass ich mir etwas vormache, dazu kenne ich mich gut genug. Allerdings werde ich mich davon nicht herunter ziehen lassen, ich will die guten Sachen mit Lust und Lebensfreude angehen, weil ich diese Gefühle derzeit so stark empfinde und in mir trage und sie in mir immer stärker verankere, und ich werde die weniger guten Sachen erträglicher gestalten. Es wird Rückschläge geben, aber ich will mich an diese letzten Sommertage erinnern und an ihr Licht, das nicht nur Äußeres, sondern auch Inneres weich und warm leuchten lässt. It’s a state of mind. Und ich kann derzeit voller Überzeugung sagen: Alles ist gut.

Cheshire Cat.

​Die Zufriedenheit breitet sich in meinem Leben aus. In meiner Vorstellung ist sie eine dicke träge Katze, die sich wohlig schnurrend heran rollt und sich auf meinen Schoß legt. Sie wird sich breit machen, ihre Krallen in mich versenken und liegen bleiben. It’s a state of mind. Ich lasse das Gefühl einsickern, versuche es zu speichern, um mich später erinnern zu können. Es schwingt Hoffnung mit, und der warme wohlige Geruch von Kaffee mit einer Prise Zimt. Eine Gedankenübung, die glücklich macht. Und die Vorstellung, dass je öfter ich diese Übung wiederhole, desto länger bleibt sie bei mir, die Zufriedenheit, in mir und um mich herum. Wie so eine dicke Katze und ihr Schnurren.

Sonnet XXXII.

If thou survive my well-contented day,
When that churl Death my bones with dust shall cover,
And shalt by fortune once more re-survey
These poor rude lines of thy deceased lover,
Compare them with the bettering of the time,
And though they be outstripp’d by every pen,
Reserve them for my love, not for their rhyme,
Exceeded by the height of happier men.
O, then vouchsafe me but this loving thought:
‚Had my friend’s Muse grown with this growing age,
A dearer birth than this his love had brought,
To march in ranks of better equipage:
But since he died, and poets better prove,
Theirs for their style I’ll read, his for his love.

– William Shakespeare (1564-1616)

dass wir nichts wissen können.

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, daß wir nichts wissen können!
Das will mir schier das Herz verbrennen.
Zwar bin ich gescheiter als all die Laffen,
Doktoren, Magister, Schreiber und Pfaffen;
Mich plagen keine Skrupel noch Zweifel,
Fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel –
Dafür ist mir auch alle Freud entrissen,
Bilde mir nicht ein, was Rechts zu wissen,
Bilde mir nicht ein, ich könnte was lehren,
Die Menschen zu bessern und zu bekehren.
Auch hab ich weder Gut noch Geld,
Noch Ehr und Herrlichkeit der Welt;
Es möchte kein Hund so länger leben!
Drum hab ich mich der Magie ergeben,
Ob mir durch Geistes Kraft und Mund
Nicht manch Geheimnis würde kund;
Daß ich nicht mehr mit saurem Schweiß
Zu sagen brauche, was ich nicht weiß;
Daß ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält,
Schau alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu nicht mehr in Worten kramen.

– Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

letzte Worte.

Geliebte, wenn mein Geist geschieden,
So weint mir keine Träne nach;
Denn, wo ich weile, dort ist Frieden,
Dort leuchtet mir ein ew’ger Tag!

Wo aller Erdengram verschwunden,
Soll euer Bild mir nicht vergehn,
Und Linderung für eure Wunden,
Für euern Schmerz will ich erflehn.

Weht nächtlich seine Seraphsflügel
Der Friede übers Weltenreich,
So denkt nicht mehr an meinen Hügel,
Denn von den Sternen grüß‘ ich euch!

– Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)