#menschenbilder

Inspiriert von Isabel Bogdan und Christian Fischer. (Gehen Sie ruhig lesen, ich warte hier.)

Ein Frauen-Männer-Dings. Oder eben nicht.

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Meine Lieblingsfarbe war Rosa. Ich spielte mit Barbie und hatte ein Prinzessinnen-Zimmer mit rosafarbenen Wänden und großem Kronleuchter. Heute ist meine Lieblingsfarbe, zumindest laut meines Kleiderschranks, Blau in vielen Variationen. Die Wände in meinem Haus sind nur teilweise bunt, hauptsächlich jedoch Weiß.

Ich interessiere mich für Formel 1, für Fußball und Wrestling Entertainment ebenso wie für Kunst und europäische Königshäuser, hust. Außerdem nähe ich, koche gerne und beschäftige mich exzessiv mit den Rosen in meinem Garten.

Mit Kunst und Pädagogik habe ich typische Mädchenstudiengänge absolviert, dabei aber die Abende allein unter lauter Männern an diversen Kneipentresen verbracht. Ich kann einen Mann, der knapp 2m groß ist und doppelt so viel wiegt wie ich, in Grund und Boden stampfen, wenn es nötig ist, ohne hysterisch schrill zu klingen, danach in Ruhe mein Bier austrinken und singe am nächsten Tag trotzdem noch Sopran.

Ich habe schmale Schultern, bin ein Leichtgewicht und wirke wohl eher zurückhaltend seriös. Jedoch habe ich kräftige Fäuste, bin großflächig tätowiert und beinahe mal in eine Messerstecherei geraten.

Am liebsten bin ich mittlerweile zu Hause und sorge dafür, dass es ein sicherer Schutzhafen für meine Familie ist. Ich hätte gerne eine „klassische Karriere“ gemacht, mit Zahlen oder Technik, bin aber triumphal gescheitert. Es lag am Herz, obwohl der Verstand willig war.

Ich bin diejenige, die sich mit Spiritualität und Glaube auseinander setzt und wahrscheinlich im Mittelalter als Hexe verbrannt worden wäre, aber der Überzeugung ist, dass Mathematik und Physik die Schlüssel zum Universum sind und Logik und Wissenschaft heutzutage stark unterschätzt werden.

Ich weine, auch in der Öffentlichkeit, wenn ich bestimmte Musik höre, und kann berechnend und kaltherzig sein, wenn ich meinen Willen durchsetzen möchte. Mein Mundwerk ist manchmal das einer schlecht erzogenen Gossengöre, vor allem im Fußballstadion, und manchmal das einer abgehobenen Akademikerin, vor allem wenn es um offizielle Schreiben geht.

Ich bin mit Männern und Frauen gleich (un)gern zusammen, noch lieber bin ich alleine. Befreundet, so richtig, bin ich mit jeweils gleich wenigen.

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Geschlechtsbegründete Charakterzuschreibungen sind für den Popo, sagen wir wie es ist. Ich mag die Idee von Isabel und Christian den Versuch zu unternehmen, ein Bild als Mensch von sich zu zeichnen, indem sie lose Assoziationen und Zuschreibungen aufnehmen, gegenüber stellen und einfach zeigen, dass wir so viel mehr sind als nur unser Geschlecht oder RosaHellblau.

Ich würde sehr gerne mehr solcher Selbstportraits lesen, daher meine Bitte: schreiben Sie doch gerne mit!

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16082018.

In der Nachbarschaft hört jemand seit Tagen jeden Abend Opernausschnitte. Mir vollkommen unbekannte wunderbare Aufnahmen, die einen unwirklichen Schleier über alles legen, die die Alltagsgeräusche dämpfen, aber eine sehr klare und berührende Wirkung haben.

Stellen Sie es sich ähnlich vor wie im Film „Die Verurteilten“ als Tim Robbins das Duett „Sull’aria“ aus Mozarts „Die Hochzeit des Figaro“ auflegt. So verzaubert ist das derzeit am frühen Abend in unserem Garten. (Ich liebe dieses Duett in dieser speziellen Aufnahme übrigens sehr.)

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Sull’aria… che soave zeffiretto

09082018.

Die Tiere in unserem Garten tragen Namen und Geschichten, durchaus einer der harmloseren Spleens, den ich von Muttern übernommen habe.

Der dicke Krötenkönig heißt also Otto, regiert sein Reich nun von den Rhododendren aus. Seine Gattin, Frau Kröte, ist längst bei ihm ausgezogen und wohnt aus Gründen nun unter dem Frauenmantel in einer modernen Wohnung mit viel fließend Wasser. Die Krötenkindelein sind zahlreich und wild, und verbringen ihre Zeit in den matschigen Untiefen des Kanals.

Dann gibt es da noch Herr und Frau Amslerich, ein sehr bodenständiges Paar, das immer umtriebig ist. Die Kinder werden konsequent und streng erzogen bis sie das Nest verlassen. Sehr gesellige Leute, unterhalten sich gerne und schauen oft vorbei, dennoch hat Frau Amsel, so ihr Mädchenname, alle im Griff, ihr Gezeter ist über die Gartengrenzen hinaus bekannt und gefürchtet.

Flip, der Grashüpfer, unser neuester Mitbewohner, ist hingegen Junggeselle, lässt sich nur selten blicken und noch seltener in die Karten schauen. Eher der unstete Typ, heute hier, morgen dort, und von eher mürrischer Wesensart. Man möchte den Damen im Garten direkt Warnhinweise zurufen.

Die türkisblaugemusterten Libellen haben mir ihre Namen noch nicht verraten, zu selten geben sie hier ihr tanzendes Gastspiel. Fast möchte ich jedoch wetten, dass mindestens eine auf den Namen Nurejew hört und Ballettanz studiert hat.

Die Rotkehlchen und Blaumeisen schimpfen gerade, dass ich sie nicht vorgestellt habe, dabei sind sie sonst eher huschhusch schnell unterwegs, keine Zeit keine Zeit, und stoppen eher selten für ein Schwätzchen.

So ist das bei uns.

18072017.

Wann wurden wir nur so erwachsen? Die früher schon Langweiligen sind bereits lange verheiratet, haben 2 oder 3 Kinder, ein Reihenendhaus und die erste Hypothek. Die Ehrgeizigen haben ihren Doktor, sind irgendwo in der Wirtschaft, meist Automobilbranche, angestellt und verdienen so viel Geld, von dem sie in ihrer Fantasielosigkeit nicht wissen, wohin damit. Die von der ganz schnellen Sorte sind schon bei den ersten Scheidungen und Neuverheiratungen angekommen, oder bereits wieder im Elternhaus, sich die Wunden leckend. Diejenigen, die sich ausgetobt haben, hinken etwas hinterher, die Tagesvollsten und Spaßmacher überlegen noch, wann sie eigentlich überholt wurden. Die umtriebig Alternativen, die eigentlich alles anders machen wollten als die Gleichaltrigen, als die Alten, als die Gesellschaft, sind engstirniger und kleinkarierter als so mancher Schrebergartenrentner.

Das Leben holt uns alle ein. Wo sind eigentlich unsere Träume hingekommen? In welcher Schublade haben wir sie vergraben? Was ist aus den Idealisten und Träumern, den Merkwürdigen und Launischen geworden?

Welcher Schalter wurde umgelegt?

Wann wurden wir die, die wir sind?

31052017.

Der Mann und ich beschließen zwei Flaschen sehr guten Weines mit in die Heimat in das Haus meines Vaters, des Alkoholikers, zu nehmen. Für uns zum Genuss inmitten dieses Zirkusstücks, das meine Familie aufzuführen scheint.

Oh, diese Ironie.

last days of summer.

Die letzten freien Tage liegen vor mir. Ich bin aufgeregt, voller Vorfreude, im Hintergrund lungern allerdings auch Skepsis und eine kleine ängstliche Stimme. Bin ich gut genug? Bluffe ich doch nur? Stellen die fest, dass ich gar nichts kann? Ich beschäftige mich mit Kommunikationstraining und Seminarvorbereitung, Wissen auffrischen, auffüllen und noch mehr davon ansammeln. Dazu lungere ich im Bett herum, meinem liebsten Aufenthaltsort, schaue Videos, lese viel und immer noch mehr. Das Schönste dabei: ganz ohne schlechtes Gewissen. Ich habe keine Verpflichtungen. Niemand drängelt, niemand erwartet mich, niemand fordert etwas. Es ist purer Luxus. Und doch – ich bin so aufgeladen mit Energie, innerer Unruhe und Tatendrang, dass es jetzt endlich Zeit wird, wieder los zulegen. Und ich freue mich dabei so sehr, auch in mich hinein, denn wie lange habe ich mich schon nicht mehr auf einen neuen Lebensabschnitt gefreut. Ich werde unfassbar müde sein, das frühe Aufstehen in Dunkelheit und Kälte werden mich fertig machen, kein Grund, dass ich mir etwas vormache, dazu kenne ich mich gut genug. Allerdings werde ich mich davon nicht herunter ziehen lassen, ich will die guten Sachen mit Lust und Lebensfreude angehen, weil ich diese Gefühle derzeit so stark empfinde und in mir trage und sie in mir immer stärker verankere, und ich werde die weniger guten Sachen erträglicher gestalten. Es wird Rückschläge geben, aber ich will mich an diese letzten Sommertage erinnern und an ihr Licht, das nicht nur Äußeres, sondern auch Inneres weich und warm leuchten lässt. It’s a state of mind. Und ich kann derzeit voller Überzeugung sagen: Alles ist gut.

Cheshire Cat.

​Die Zufriedenheit breitet sich in meinem Leben aus. In meiner Vorstellung ist sie eine dicke träge Katze, die sich wohlig schnurrend heran rollt und sich auf meinen Schoß legt. Sie wird sich breit machen, ihre Krallen in mich versenken und liegen bleiben. It’s a state of mind. Ich lasse das Gefühl einsickern, versuche es zu speichern, um mich später erinnern zu können. Es schwingt Hoffnung mit, und der warme wohlige Geruch von Kaffee mit einer Prise Zimt. Eine Gedankenübung, die glücklich macht. Und die Vorstellung, dass je öfter ich diese Übung wiederhole, desto länger bleibt sie bei mir, die Zufriedenheit, in mir und um mich herum. Wie so eine dicke Katze und ihr Schnurren.