10112017.

Der Mann und ich haben uns bei der Hausrenovierung zu Maßnahmen überreden lassen, von denen wir nicht überzeugt sind. Wandtextur und Farbe. Eigentlich Kleinigkeiten. Es gab auch Gründe für unsere Nachgiebigkeit: Geld, Zeitmangel, Elternvertrauen, Erschöpfung, Überarbeitung, mangelnde Kommunikation im Vertrauen auf den anderen. 

Es kann alles wieder geändert werden. Später. Irgendwann. Dennoch bleibt ein schales Gefühl. Von falschem Kompromiss, von verschwendeter Kraft und von Überrumpelt-worden-sein.

Ich verstehe jetzt jedoch meine Mutter besser, die von ihrer ersten Zeit als verheiratetes Paar erzählte, in den 50ern im Schwiegerelternhaus, von Übergriffigkeiten, von dem nachträglichen Wunsch sich besser oder anders gewehrt zu haben, von Unsicherheiten den gemeinsamen Weg zu finden. 

Dachte ich in jungen Jahren noch, dass mir das nie geschehen könne, fühle ich jetzt wie leise schleichend derartige Umstände eintreten können. 

Es gehört alles zur Entwicklung dazu. Ärgert mich aber gewaltig. 

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07112017.

Letzte Woche wurde hier um die Ecke ein Mensch bei einer Messerstecherei umgebracht. Kerzen und Blumen erinnern an einem Straßenpfosten an ihn. Einer der Alkoholiker vor dem Supermarkt verkündete, dass hier jetzt alles den Bach runter gehe, früher habe man sich mehr gekümmert. Die Spielplatzmuttis reden hinter vorgehaltener Hand, dass man ja nichts anderes erwarten könne, von „denen“. „Die“ dealen auf der gegenüber liegenden Straßenseite irgendwelche Drogen in kleinen Tütchen, die Straße mit den Bordellen ist weiter gut besucht. Im Spielwarenladen dann duftet das Gras vom Spielplatz.

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Frauen, die mir erklären, dass technisches Spielzeug, Konstruktion oder auch Autos nichts für Mädchen seien, weil es „eben Mädchen sind“ und diese ja „sowieso alle“ auf rosa stehen würden, lassen mich…hilflos zurück. Es sind nicht nur Mütter, auch Omas, Tanten, lose Bekannte. Es zieht sich durch jegliche Gesellschaftsschicht und jede Generation, die sich da im Spielwarenladen tummelt. Nicht (nur) die Hersteller, großen Marken und Firmenkonglomerate sind schuld – was sie anbieten und erzählen wird konsumiert, unreflektiert und ungefiltert weitergegeben. Die RosaHellblau-Falle ist ein hausgemachtes Problem.

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Die bloße Erwähnung meiner Schwägerin in spe bringt in mir unschöne Seiten zum Vorschein, angefangen bei bloßem Genervtsein über Ungerechtigkeiten und Abfälligkeiten bis hin zu hässlichem Streit mit dem Mann. Diese Frau triggert einen blinden Fleck, den ich (noch) nicht sehe und auch nicht benennen kann. Allein der Gedanke an sie macht mich regelrecht aggressiv. Mit präzisester Genauigkeit benenne ich in solchen Momenten die „Unzulänglichkeiten und Mängel“ eines Menschen, bin an Boshaftigkeit kaum zu überbieten und dabei doch selbst die mangelhafteste (und hässlichste) Person im Raum.

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Jeder in seiner Filterblase und der ihm gebührenden Selbstgerechtigkeit.

25102017.

Gestern wurde das Kleid geliefert und es ist zu groß. Der künftige Gatte teilte mir auf mein Lamento nur kurz angebunden mit, dass ihm das schon klar gewesen sei,  bei der Größe, die ich bestellt hätte.

Mein Erstaunen war durchaus groß. Seither kaue ich darauf herum und stelle fest, dass meine Körperwahrnehmung irgendwo in der Teenagerzeit stecken geblieben ist. Hier und da die berühmte Speckrolle, eher eine zu viel als zu wenig. Aussagen aus dem familiären Kreis, dass ich „schon immer ein kleiner Buddha gewesen sei“. Irgendwas von „wir waren schon immer eine grobschlächtigere Familie“. (*) Der Hang zum Couchpotato-Dasein, der dafür sorgt(e), dass ich eher weich und wabbelig bin als skinny-strong-toned-muskulös-whatever.

Ich nehme mich nicht so wahr wie ich – scheint es – nach außen wirke. Ich nehme mich als wandelnde weiche Speckrolle wahr, als eher ungeschlachtungeschickt, als zu groß mit breiten Schenkeln und dickem Hintern.

Wenn Sie mich in der Realität sehen würden, würden Sie in schallendes Gelächter ausbrechen, vermute ich. Das mit der Selbst- und Fremdwahrnehmung übe ich noch.

Bis dahin schicke ich das Kleid zurück und warte auf die neue Version.

(*) Diäten waren ein ausschließlich theoretisches Thema für mich, für meine Mutter nicht. Durch Beobachtung habe ich da viel gelernt und daher nie ausprobiert. „diet“ kommt von „to die“ – davon bin ich überzeugt.

18102017.

Heute früh schrieb ich an anderer Stelle „Vor 7:00 aufgestanden, geduscht, angezogen & koffeiniert. Für eine, die mal wegen Depression tagelang das Bett nicht verlassen konnte…Hammer!“

Es ist lange her, damals in meinem ersten Studiengang, den ich abgebrochen habe, indem ich bis zur Besinnungslosigkeit feierte. Und es war nicht nur das Feiern, es war eine Leere, die ich versuchte damit und durch langes Schlafen und viel Alkohol und viel müßige Gesellschaft zu füllen. Das eine bedingte das Andere und das wiederum verstärkte das Eine und so wurde es ein Teufelskreis, dem ich nicht mehr entkommen konnte. Das ist nun knapp 10 Jahre her.

Noch länger her sind die ersten Tage, in denen ich im Bett lag und mich fragte, was das hier alles eigentlich soll. Es war zu meiner Oberstufenzeit, in der ich mich als Volljährige selbst entschuldigen konnte. Für meine Mutter war ich „faul“und „eine Enttäuschung“ und noch heute höre ich meine Tante mich schelten „dass meine Eltern sich fragten, was sie da eigentlich herangezogen hätten“. (Das Abi habe ich ohne Lernaufwand mit „gut“ bestanden. Noch heute muss ich mich überzeugen, dass das auch wirklich „gut“ bedeutet und nicht „enttäuschend“. Das nur am Rande.) Das ist jetzt etwa 15 Jahre her.

Das waren der Anfang und der Höhepunkt. Zwischendurch gab es noch weitere Tiefpunkte, immer wieder anders, niemals wieder so schlimm, und ich ahne, es werden weitere kommen.

Diese Krankheit verlässt dich nicht. Du lernst nur damit zu leben und anders, vielleicht besser, damit umzugehen. Ich kann dir keine Tipps geben. Ich kann dir nur sagen „Es wird. Es fügt sich. Hab Vertrauen.“

Zu mir haben das viele mehr oder weniger nahe stehende Menschen gesagt, in unterschiedlichsten Variationen. Ich habe es gehört, ich habe es verstanden, ich habe es ihnen nicht geglaubt. So ist das.

Jetzt höre ich es mich selbst sagen. Mir glaube ich mehr. (Zumindest an den guten Tagen.)

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Es wird. Es fügt sich. Hab Vertrauen.

13102017.

Keine Ahnung, was ich schreiben will. Mehrfach angesetzt, wieder gelöscht, alles zu pathetisch für das Alltagsgedöns.

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Die Baustelle steht. Es geht nicht vor und halleluja, erst recht nicht zurück, allerdings zermürbt mich das sehr.

Die Elektriker sind wie ein Januskopf: ganz oder gar nicht. Wenn sie denn da sind, arbeiten sie sehr schnell und wohlüberlegt, denn wir haben die 40 Jahre alte Arbeit eines Hobbyelektrikers im Haus und im Garten verlegt, was…spannend ist. Wann sie uns mit ihrer Anwesenheit beglücken, weiß allerdings nur Hanuman allein, der das wahrscheinlich für einen wunderbaren Streich hält, uns unwissend in der Luft hängen zu lassen. So lange nämlich die Elektrik nicht fertig ist, können wir die Wände nicht abschließend bearbeiten, können wir keine Böden verlegen, werden die Räume nicht fertig, können wir nicht einziehen.
Die Sanitärleute vertrösten uns. Mitte/Ende September hätten sie bereits neue Rohre verlegen, neue Toiletten, neue Dusche und sonst so Zeug einbauen sollen. Haben wir uns mittlerweile schon auf Anfang nächster Woche „gefreut“, wird es jetzt wegen Sack Reis in China umgefallen noch später. Ohne sanitäre Anlagen ist ein Umzug Ende November auszuschließen. Alles andere würde noch irgendwie machbar sein.

Es ist nicht nur zermürbend, sondern auch belastend für mich. Dieses Abhängigsein, keine Handhabe, keine Möglichkeit etwas zu ändern, das ist schwer zu akzeptieren. Gar noch etwas Positives daraus zu ziehen, mag mir im Moment nicht gelingen. Naja, wir haben so immerhin Zeit die Treppe weiterhin abzuschleifen und müssen keine Sorge haben, dass etwas Neues dreckig wird. Allerdings ist dieses Treppenhaus ein Installation des Beelzebub höchstpersönlich, und aufgrund all dieser Umstände und dieses Theaters ist die Stimmung zwischen dem Mann und mir auch…nunja, Bombe.

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Die Hochzeitsvorbereitungen laufen parallel. Eine der besten Entscheidungen war, dass wir das alleine organisieren, so quatscht uns wenigstens niemand rein. Eine der dööferen Entscheidungen war, überhaupt Gäste einzuladen, weil so ständig jemand reinquatscht.

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Ich habe mal wieder gemerkt, dass Wut für mich ein krasser Antrieb ist bzw. DER Antrieb schlechthin. Geld, Anerkennung, sozialer Aufstieg, waseuchgefällt – nichts lässt mich so zuverlässig Aufgaben angehen, durchhalten und erledigen wie dieser Zustand, bei dem es in mir gärt und brodelt. Vieles ist mir nicht wichtig genug, um mich dauerhaft anzuheizen. Heute hier, morgen dort. Mein Innerstes nach außen zu kehren, dieses Feuer auszuleben, das funktioniert. Kann aber auch in Totalverweigerung enden, zudem wurde mir recht früh anerzogen, dass sich Wut nicht gehört. Ich habe also Strategien entwickelt, äußerlich ruhig zu bleiben, vieles in und mit mir selbst auszumachen und entsprechend diesen Antrieb zu zügeln. Mir ist noch unklar, wie ich diese Energie kanalisieren und für mich nutzbar machen kann.

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Über die Geschlechtslosigkeit der Frau bzw. des Geschlechts „Frau“ nachgedacht, wieder ohne abschließendes Ende, wieder mehr Fragen als Antworten.

Ursache war der Satz“Männer, die Töchter brauchen, um zu verstehen, dass Sexismus scheiße ist“. Muss man tatsächlich erst betroffen sein? Haben diese Männer nicht auch Mütter, Tanten, Schwestern und Partnerinnen? Gelten diese nichts? Ist ich-Personalisierung in unserer Gesellschaft so notwendig, um Verständnis und Mitgefühl zu haben? Sind nur die Töchter menschliche Wesen? Ist das Geschlecht Frau so ausnahmslos objektiviert, dass Mitgefühl nicht mehr möglich ist? Es ist absurd. Und dann mäandern die Gedanken weiter zum Thema Erziehung, weil es kann schlichtweg nicht nur an „den Medien“ liegen, die werden schließlich auch von jemandem gemacht, und der Schritt von unterdrückten Gefühlen in der Kindheit, die „sich nicht gehören“, zu mangelnder Empathie im Erwachsensein ist nur ein kleiner.

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Liebe ist für alle da.

25092017.

Anfang des Monats begann ich drüben bei twitter eine Fortsetzungsgeschichte – jeder Tag ein Teil, heute fehlen mir bereits vier davon. Mein Herz ist übervoll und doch so leer, dass ich nichts zu schreiben vermag.

Der Gesundheitszustand meiner Eltern lässt derzeit nicht zu, dass sie im Dezember an unserer Hochzeit teilnehmen werden. Die Tränen, die ich die letzten Tage darüber und über die Endlichkeit im Allgemeinen und meine Eltern im Speziellen vergoss, waren heiß und bitter. Es gibt Zeiten, da verfluche ich meine späte Geburt, die mir nicht erlaubt, dass ich einerseits das Leben in meinem Tempo lebe und andererseits meine Eltern daran teilhaben zu lassen, so wie ihre beiden älteren Kinder das Glück hatten. Es ist unfair, ich hadere damit und kann natürlich nichts dagegen unternehmen.

Wir glauben an unsere Unsterblichkeit, meinen der nächste Tag sei genug und fragen uns schlussendlich doch, ob wir genug Bilder in unserem Herzen und unserer Erinnerung gespeichert haben, dass es für den Rest der eigenen vermeintlichen Unendlichkeit genügen möge. Stunde um Stunde überprüfe ich, ob es wohl ausreichen mag, erinnere mich an Erlebnisse, an Gerüche, an Stimmen und Berührungen und fürchte doch, ja ahne geradezu, dass es immer zu wenig sein wird. Dass alles verblassen wird, wenn das Original nicht mehr da ist, und wenn mit der Zeit mein eigenes Dasein schwinden wird.

Hätte ich schneller, entschlossener leben sollen? Hätte ich mich früher entscheiden sollen? Hätte ich mehr machen sollen? Im Innern raunt es Nein, denn ich lebe für mich, in meinem Tempo, mit meinen Themen und Belangen. Meine Eltern sind nur Begleiter für einen Teil des Weges, ich schulde ihnen nichts. Außer Dank für Wurzeln und Flügel.

Und für ein Herz, das aushalten kann, dass Wurzeln absterben und Flügel alleine tragen müssen.

12092017.

Um 07:15 habe ich meinen Kaffee aus der LieblingsKaffeemaschine geholt und habe mich auf den Weg zur Bahn…nein, wieder ins Bett gelegt. Um den neugierigen Hund zu bekuscheln, um aufzuwachen, mich innerlich zu orientieren. Morgens brauche ich meist etwas mehr Zeit bis ich zu mehr in der Lage bin als nur zu existieren.

Und als ich da so durch die Wohnung tappste,  ging mir auf, wie unfassbar froh und erleichtert bin, dass ich nicht mehr in das Büro des vorherigen Arbeitgebers muss. Dass ich mich nach mir richten kann, dass ich jetzt nicht durch diese graue Welt da draußen hetzen muss. Dass ich mich nicht darauf einstellen muss, wer will was wie schnell von mir und weshalb immer auf mich? *

Das ganze ist jetzt ungefähr ein halbes Jahr her, und ich muss sagen, in diesem halben Jahr hat sich sehr viel zu meinen Gunsten und zu meinem Vorteil entwickelt. Ich habe das Gefühl, endlich anzukommen – sowohl in mir selbst als auch im Leben. Ich glaube, das ist ganz gut.

* Im Spielwarenladen will auch ständig jemand was von mir, mir haben meine Füße schon lange nicht mehr so weh getan, aber es ist ein anderer Umgang. Die Damen kümmern sich umeinander, fragen nach und manche Kinder sind echt herzig. Es ist…anders. Und gut.