30052017.

Am Wochenende besuche ich meine Familie. Mittlerweile sind wir alle wieder ungefähr auf einem ähnlichen Wissensstand, was die Belange der einzelnen Familienmitglieder angeht. Halleluja.

Was mir nicht erzählt wurde bzw. was ich verpasst habe, weil ich selbst ja auch nicht nachgefragt habe (und außerdem in so einem dunklen Loch steckte):
drei weitere Operationen, eine Reha, einen Hausumbau sowie einen Geschäftsumzug. In der Beziehung sind meine Geschwister und ich uns dann doch sehr nahe, wir erzählen die griffigen Themen, die ans Herz gehen könnten, erst hinterher. Was bei einer Mutter, die ihre Nase in jede noch so persönliche Angelegenheit reinsteckt, vermutlich eine logische Folge ist. Sei’s drum. Das Gute, wir sind nach so einer Zeit nicht mehr beleidigt miteinander. (Was auch ewig gedauert hat, so weit zu kommen.)

Jedenfalls habe ich mir einen telefonischen Vorabstatus geben lassen, und der Zustand meiner Familie ist einmal mehr mit einem gepflegten „alle irre“ nur unzureichend zu beschreiben. (Zumindest kommt es mir so vor.)

Mama hat Papa nach dem Schlaganfall Bier ans Krankenhausbett geschmuggelt. Weil sie Angst hatte, dass er Entzugserscheinungen bekommt, denn tatsächlich ist Papa schon seit lange vor meiner Geburt Alkoholiker. Allerdings ist er dies nicht offiziell (ja, ich schüttle auch den Kopf), denn er „trinkt nur aus Gewohnheit abends mal ein oder zwei Bier“, so Mama. Das ist nur schon lange nicht mehr so, und das wissen wir Geschwister auch, haben es alle gesehen. Allerdings wissen wir nichts offiziell. Laut Mama wissen die Ärzte nicht, was Papa hat – wie auch wenn die Zwei nichts über seinen Alkoholkonsum verlautbaren lassen? (Hier bitte Augenrollen einfügen.) Natürlich durften wir entsprechend nichts von der Schmuggelei erfahren. Wie kam es heraus? Papa war so stolz auf seine Frau, die sich so um ihn sorgt, dass er die Schmuggelstory meinem Bruder erzählt hat, weil Papa vergaß, dass er es nicht verraten sollte, weil seit dem Schlaganfall sein Kurzzeitgedächtnis nicht mehr richtig funktioniert. (Es gibt noch so ein paar Geschichten aus den letzten Wochen.)

Ich habe keine Ahnung, ob ich lachen oder weinen soll. Am Telefon vorhin lachte ich noch, weil es einfach so absurd und doch wieder so passend ist. Mama und Papa sind…einmalig. Unfassbar, wie die beiden sich immer absolut loyal gegenseitig den Rücken frei hielten und immer noch halten. Wie sie sich lieben, wie sie einfach alles für den Anderen bzw. die Andere tun würden. Und gleichzeitig bricht es mir das Herz, weil Mama mit ihrem alles beherrschenden Willen diesmal nur scheitern kann, ja, scheitern muss.

Papa wird nicht wieder Autofahren können, egal, wie sehr Mama es sich wünscht. Sie kann den Haushalt und alle Besorgungen nicht mehr alleine stemmen, egal, wie sehr sie es will. Die Lebenssituation wird nicht so bestehen bleiben können, wie sie bislang war, egal, wie sehr sie das möchte. Ihre Selbstständigkeit wird kleiner werden, weil es körperlich und logistisch nicht mehr anders möglich sein wird. Das Haus ist nicht altersgerecht umgebaut, momentan verweigern sie jedoch hier tätig zu werden. Es wird Pflege- oder zumindest Haushaltshilfe notwendig sein, spätestens nach der Reha, die beantragt werden muss. Die Kraft, die meine Mutter investiert, um dieses ganze Gebilde rund um Papa, den Alkoholismus und das anständige Leben aufrecht zu erhalten, ist enorm. Einfacher wäre uns ins Boot zu holen, so lavieren wir halt weiterhin drum herum. (Das Thema ansprechen? Been there, done that, mache ich nie wieder.)

Und dass kein falscher Eindruck entsteht: es ist die freie Entscheidung meiner Eltern gewesen, ihre Beziehung und ihr Leben so zu gestalten wie sie es tun. Es war und ist ein gutes Leben – meine Mutter hat die im Nachkriegsdeutschland durchaus übliche gewalttätige Spirale, der sie und mein Vater in ihren Elternhäusern ausgesetzt waren, durchbrochen. Die beiden haben es geschafft, uns Kindern zu zeigen, dass Liebe so viele Gesichter haben kann, und dass Beziehung auch Arbeit ist und dass sich das verdammtnochmal lohnt.

Nur, wir sehen, ich beobachte, wie es sich ändert, wie den Eltern der Einfluss auf die Lebensgestaltung entgleitet. Meine Schwester scheut derzeit eine Auseinandersetzung, mein Bruder besteht fast nur noch aus Auseinandersetzung und alle verhalten sich wie die aufgescheuchten Hühner. Was notwendig ist, ist ein Gespräch darüber, wie meine Eltern ihren Lebensabend gestalten wollen, jenseits von „Wir wollen nur beieinander sein und unsere Ruhe haben“.

Meine Mutter muss lernen, um Hilfe zu bitten und Verantwortung abzugeben, um mit Papa zusammen wieder freier und selbstbestimmter leben zu können. So paradox sich das auch anhören mag. Und wir brauchen eine pragmatische Lösung jenseits von gefühls- und angstgeführten Vorwürfen, wie sie in (unseren) familiären Diskussionen so oft auftauchen und die man ja auch nicht ausschalten kann. (Und das hört sich gerade sehr nach Parteipolitik an, aber innerlich wappne ich mich schon für das Gespräch, das ich mit dem mir ewigwährenden immanenten Schutz des Nesthäkchenstatus angehen werde.)

Das Altern der Eltern ist nichts für Weicheier, Kinder.

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