19052017.

In der christlich-evangelischen Lehre erzogen worden, bin ich vor einiger Zeit aus der Kirche ausgetreten. Mein Glaube an einen, „den“, christlichen Gott ist nicht mehr vorhanden. Zumindest nicht so wie die Bibel und das zugehörige kirchlich-verantwortliche Personal es mich ursprünglich lehrten.

Ich glaube nicht an eine Hölle, die Verdammnis oder an eine Rechtsprechung durch einen ewigen Gott Richter. Dementsprechend kann ich  für Sünden nicht bestraft werden, es gibt ergo auch keine Sünden mehr, wenn ich das ganze zugrunde liegende System infrage stelle.

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Es ist nun allerdings so, dass wir, unsere Eltern und Großeltern, aber auch unsere Kinder und wahrscheinlich noch Kindeskinder, mit diesen biblischen Glaubenssätzen aufgewachsen sind und noch einige Zeit weiter aufwachsen werden.¹

Daher ist es für mich durchaus logisch nachvollziehbar, wenn eine Reaktion auf Überlegungen (oder nennen wir es: innere Erfahrungen) wie jene von gestern, lautet „Aber das darf man doch nicht. Wie kannst du nur überhaupt über so etwas nachdenken? Das Leben ist doch heilig.“

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Jedoch. Unter der vorangegangenen Prämisse verstehe ich Suizid nicht als Sünde. Er ist nicht bestrafbar, es wartet keine Verdammnis, kein allmächtiger Richter. Für mich persönlich ist er eine mögliche Variante des Todes, der wiederum eine Kehrseite des Lebens ist. Beides gehört zusammen. Ist das Leben heilig, ist es der Tod ebenso und sollte mit eben solcher Ehrfurcht begangen werden.²

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Eine weitere Überlegung, die sich hieran anschließt: Ich bin überzeugt davon, dass wir Menschen, die krank sind, zugestehen müssen, ihre eigene Entscheidung zu treffen, wie sie unter den ihnen vorliegenden Umständen sterben wollen oder nicht. Ob sie ihr Leiden beenden wollen. Wer maßen wir uns an zu sein, ein Urteil darüber zu fällen, wessen Leiden aushaltbar ist? Wer entscheidet darüber, dass eine Depression aushaltbarer als ein Krebsleiden ist? (Wer an selbstbestimmte Geburten denkt, muss m.E.n. auch an selbstbestimmtes Sterben denken.)

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Die Überlegung, die sich hinter all meinen Gedankenfragmenten verbirgt verbergen mag, ist nicht, dass die Abwesenheit jeglichen Denkens an den Freitod mich zum Leben treibt, sondern dessen Anwesenheit. Das Bewusstsein, dass ich mich jeden Tag neu entscheiden kann, für mich, für mein Leben.

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„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“
(Psalm 90, 12) ³

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¹ Es erschließt sich mir nicht, wie eine ganze Gesellschaft ihre Kinder erziehen kann, in dem Glauben, dass Aspekte ihres Lebens sündhaft oder mit Schuld belastet seien und erst nach (!) dem Tod Vergebung zu erwarten sei von einer nicht wahrnehmbaren göttlichen Macht. (Da raste ich innerlich komplett aus.)

² Mir fehlt in unserem gesellschaftlichen Leben die gedanklich offene Auseinandersetzung mit Sterben, Tod und allem was damit zusammenhängt. Ich habe bspw. mehr Angst vor dem Sterbensprozess an sich als vor dem tatsächlichen Todesaugenblick.

³ Wer bis hierhin gelesen hat: Danke. Im realen Leben bin ich lebensfroher, lauter und lustiger. Und ja, es geht mir (wieder) gut. Auch hier Danke für die Nachfragen. Dafür noch zwei Filmempfehlungen zu dem Thema: „Harold and Maude“ sowie „Million Dollar Baby“.

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2 Gedanken zu “19052017.

  1. Man geht nicht von der Bühne, bevor der Vorhang fällt, sagte mein Ballettlehrer, der meine jugendlichen Depressionen seinerzeit als einziger ernst nahm. Das war ein Satz, den ich mir zu Herzen genommen habe, obwohl der (tägliche) Gedanke an Suizid mich dann über zwanzig Jahre begleitet hat.

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