18052017.

Ich bin 33. Mit 15 (oder 16, ich weiß es nicht mehr genau) dachte ich das erste Mal an Suizid. Einsam, unverstanden, überfordert mit der Welt sowie den Menschen und ihrem Verhalten.

Der Gedanke, der mich damals auch nur vom Versuch abhielt und auch in den Jahren danach, war der, für Eltern Geschwister Partner Freundinnen verantwortlich zu sein. Ihnen „das“ nicht anzutun. „Das“ ist schwammig definiert, mag es die Erfahrung, das Leid, das Warumausgerechnetwir sein.

Hauptsächlich wollte ich ihnen aber wohl das Leiden ersparen, und übernahm diese Verantwortlichkeit, indem ich mir den verqueren Gedanken einimpfte „Ich lebe FÜR euch weiter, dass IHR nicht leidet.“

(Nicht, dass ich das jemals so deutlich ausgesprochen hätte.)

***

Vor einigen Tagen kam mein Vater mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus. Der ganze Vorfall (wie nennt man sowas?) ging glimpflich aus und er wird bald seinen 79. Geburtstag feiern, und so wie es aussieht auch nächstes Jahr seinen 80., und dann sehen wir weiter.

Während meine Mutter sehr schnell wieder sehr zuversichtlich war und, dank Notarzt und den behandelnden Ärzten, die Situation positiv einschätzen konnte, leidet meine Schwester in jedem Telefonat, das wir seither geführt haben, vor sich hin. Sie benutzt die gleichen Formulierungen und Worte wie unsere Mutter, und doch wiegen sie so schwer, dass ich glaubte, Papa liege im Sterben. Dabei trieb er bereits knapp 48 Stunden nach dem Anfall die Ärzte mit seiner Selbstständigkeit zur Weißglut.

Meine Schwester leidet. Meine Mutter nicht.

***

Und mir ging auf, so plötzlich und so klar, dass die Menschen, die ich innerlich schützen wollte, ihr Leid selbst wählen. Ich habe keine Verantwortlichkeit dafür. Ich bin komplett frei zu wählen, ob ich leben oder sterben will. Und würde ich das Sterben wählen, so wäre es ein Freitod – ein Tod aus freier Entscheidung. Und wähle ich das Leben, so ist es eine Entscheidung für mich – und nicht für Andere.

***

Diese Erkenntnis sackt langsam ein. Welche Hybris mich da geleitet hat, ich hätte die Verantwortung dafür, oder gar die Macht, Leiden zu ersparen?!

Ich. Bin. Frei. In. Meiner. Entscheidungsfähigkeit.

***

Vermutlich wird es noch einige Zeit dauern, bis ich diesen weiterführenden Gedankengang so verinnerlicht habe, wie ich die letzten 17 oder 18 Jahre den alten Gedanken gedacht habe bzw. bis ich diesen aufgelöst habe.

Auch den Mut zu finden, die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis zu ziehen, wird noch dauern.

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3 Gedanken zu “18052017.

  1. Darf ich fragen, warum Du Konsequenzen aus dieser Erkenntnis im Besonderen ziehen möchtest? Also für mich als Mitleserin liest es sich, wie „den Suizid auf Halde zu haben” – so wie früher. Hat sich das nicht auch etwas geändert in den letzten 15 Jahren? Also im Erkenntnisgewinn?

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    1. Hm, ich überlege, wie ich das vermitteln kann, da dies hier nur die Essenz dessen ist, was über die Zeit in mir vorging:
      In den letzten Jahren haben sich viele Momente eingeschlichen, in denen ich sagte, das Leben ist schön wie es ist, es ist lebenswert, ohne meine Erfahrungen wäre ich nicht die, die ich bin. Dennoch sehn(t)e ich mich in den dunklen Stunden und Tagen wieder zurück, dahin woher ich gekommen bin, in den Schoß eines allgöttlichen übergeordneten Ganzen. Ich bin so müde in mir drin, des Alltags überdrüssig.
      Und das wog in den letzten Jahre noch schwerer als es in meinen Gedanken hieß „Ich mache das für andere“. Jetzt ist diese Erkenntnis da „Ich mache es für mich“ – es ist eine Art Selbstermächtigung, wenn man es vielleicht so nennen möchte. In meiner Teenagerzeit und auch als Zwanzigerin habe ich viel damit gehadert, warum ich auf der Welt bin, weshalb meine Eltern mich unbedingt in die Welt setzen mussten, ich wollte das so nicht. Jetzt habe ich eine Wahlfreiheit, durch eine Umdeutung, die in mir stattgefunden hat.
      Ich kann mich nun bewusst „für mich“ entscheiden zu leben und nicht „für andere“. Mir persönlich (!) hilft das sehr, nimmt es mir doch einerseits Last von meinen Schultern und belässt andererseits auch die anderen in ihrer Verantwortung für sich (ohne dass die das überhaupt mitkriegen müssen.)

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      1. Danke für Deine lange Antwort. Ich verstehe sehr gut, was Du meinst und denke, gerade Dein Schlusssatz ist sehr wichtig. Ja, wir leben für uns. Das ist auch das Einzige, was wir uns Gutes tun können. Das Ende ist so oder so eher fremdbestimmt. (Selbst würde man das für sich selbst wählen, heißt es ja nicht zwingend, Erfolg zu haben.) Und das zu wissen, kann sehr viel Druck nehmen. Diesen Druck immer für anderen „richtig zu agieren, zu entscheiden, zu sein.” Nee, für sich sein und für sich tun – es ist unser Leben!

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