18052017.

Ich bin 33. Mit 15 (oder 16, ich weiß es nicht mehr genau) dachte ich das erste Mal an Suizid. Einsam, unverstanden, überfordert mit der Welt sowie den Menschen und ihrem Verhalten.

Der Gedanke, der mich damals auch nur vom Versuch abhielt und auch in den Jahren danach, war der, für Eltern Geschwister Partner Freundinnen verantwortlich zu sein. Ihnen „das“ nicht anzutun. „Das“ ist schwammig definiert, mag es die Erfahrung, das Leid, das Warumausgerechnetwir sein.

Hauptsächlich wollte ich ihnen aber wohl das Leiden ersparen, und übernahm diese Verantwortlichkeit, indem ich mir den verqueren Gedanken einimpfte „Ich lebe FÜR euch weiter, dass IHR nicht leidet.“

(Nicht, dass ich das jemals so deutlich ausgesprochen hätte.)

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Vor einigen Tagen kam mein Vater mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus. Der ganze Vorfall (wie nennt man sowas?) ging glimpflich aus und er wird bald seinen 79. Geburtstag feiern, und so wie es aussieht auch nächstes Jahr seinen 80., und dann sehen wir weiter.

Während meine Mutter sehr schnell wieder sehr zuversichtlich war und, dank Notarzt und den behandelnden Ärzten, die Situation positiv einschätzen konnte, leidet meine Schwester in jedem Telefonat, das wir seither geführt haben, vor sich hin. Sie benutzt die gleichen Formulierungen und Worte wie unsere Mutter, und doch wiegen sie so schwer, dass ich glaubte, Papa liege im Sterben. Dabei trieb er bereits knapp 48 Stunden nach dem Anfall die Ärzte mit seiner Selbstständigkeit zur Weißglut.

Meine Schwester leidet. Meine Mutter nicht.

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Und mir ging auf, so plötzlich und so klar, dass die Menschen, die ich innerlich schützen wollte, ihr Leid selbst wählen. Ich habe keine Verantwortlichkeit dafür. Ich bin komplett frei zu wählen, ob ich leben oder sterben will. Und würde ich das Sterben wählen, so wäre es ein Freitod – ein Tod aus freier Entscheidung. Und wähle ich das Leben, so ist es eine Entscheidung für mich – und nicht für Andere.

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Diese Erkenntnis sackt langsam ein. Welche Hybris mich da geleitet hat, ich hätte die Verantwortung dafür, oder gar die Macht, Leiden zu ersparen?!

Ich. Bin. Frei. In. Meiner. Entscheidungsfähigkeit.

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Vermutlich wird es noch einige Zeit dauern, bis ich diesen weiterführenden Gedankengang so verinnerlicht habe, wie ich die letzten 17 oder 18 Jahre den alten Gedanken gedacht habe bzw. bis ich diesen aufgelöst habe.

Auch den Mut zu finden, die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis zu ziehen, wird noch dauern.

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