Freiheit zur Entscheidung.

„Das Politische ist privat. Und das Private ist politisch.“

Triggerwarnung:
Es geht um Feminismus, Diäten und meine vollkommen persönliche Meinung dazu. Wer das nicht aushalten kann, möge diesen Artikel jetzt und für immer schließen.

***

Diskussionen in sozialen Medien, ein Unding unserer modernen Zeiten. (Die Autokorrektur schlägt mir hier „modernden“ vor, ja mei.)

Person A hat ein Buch geschrieben, Thema „Diät“. Die Personen B, C sowie X und Y finden dies bedenklich, die Personen  L, M, N, O, P folgen den Ratschlägen und sind glücklich, Person T schreibt eine Rezension und zerreißt das Geschriebene und alle restlichen Personen des Alphabets diskutieren heiter mit.

Was auffällt: bei allen oben genannten Personen handelt es sich um Frauen.

Und um Himmels Willen, hat das weibliche Geschlecht keine anderen Sorgen, als ausgerechnet über Diäten zu streiten?! Dabei geht es ja nicht mehr nur um das schlichte Pro und Contra, nein, es geht in der erweiterten Diskussion um body acceptance, um fat acceptance, um das Bild von gesunden oder nicht-gesunden Körpern, um nur wenige Stichworte zu nennen. Es geht um Muster, die uns sozial, patriarchal, medial, wie-auch-immer eingepflanzt wurden und die nun zu diesem oder jenem Diät-Verhalten oder Diät-Nicht-Verhalten geführt haben mögen oder nicht. [¹] Dabei wird gewertet und bewertet, was das Zeug hält: die fette Kuh, die dürre Ziege, es wird hämisch gelästert, Zwinkersmileys zeigen überdeutlich die zweite herablassende Ebene des Geschriebenen und wie viel schlauer frau selbst doch ist.

Und auf die geneigte Betrachterin wirkt es, als seien alle Kapazitäten des weiblichen Geschlechts ausschließlich mit diesem Thema befasst: mit Diäten, mit Fressen, Nicht-Fressen und Gefressen-Werden. Und wir wundern uns, dass wir mit dem Feminismus nicht weiterkommen. Dass es noch immer eine gläserne Decke gibt, dass wir noch immer zu wenige Frauen in der Wirtschaft und in der Politik und in der Wissenschaft haben, und dass diese wenigen nicht weiter kommen. Wie denn auch? Unsere Kapazitäten zur Diskussion werden von Diäten gebunden.

Haben Sie mal einen Mann über eine Diät reden hören? Nein? Ich auch nicht.

Ich wundere mich nicht mehr. Ich rege mich gerade auf.

Meinen Sie ernsthaft, mit derartigen Diskussionen werden wir mit unseren Anliegen ernst genommen? Seriously? Die Herren der Welt lachen sich ins Fäustchen und machen ihr Ding weiter, namentlich derzeit die Weltherrschaft auszuüben. Feminismus? Ha, die Weiber bekämpfen sich auf Nebenschauplätzen. Die Eine zerfleischt die Andere und jede behauptet – explizit oder implizit – im Namen des Feminismus Recht zu haben, wenn sie der Anderen ihre Entscheidung abspricht.

Ganz ehrlich? Soll doch bitte Jede so viel oder so wenig essen, wie sie will. 500 Kalorien oder 5000 am Tag. Fresst oder hungert euch zu Tode, sterben müssen wir eh alle. Wählt bitte die Art und Weise, die euch für euch am passendsten scheint. Ernährt euch ausschließlich von Ananas oder von Blumenkohlsuppe, macht es wie die Steinzeitmenschen oder wie die Franzosen in den 80ern, Friss-Die-Hälfte-Und-Kohlenhydrate-Nur-Nach-20Uhr, seid fett und glücklich, seid dürr und unzufrieden oder auch genau andersherum. ES. IST. MIR. EGAL. Denn: es ist eure Entscheidung. [*]

Nur: respektiert die Entscheidung der Anderen. Bedingungslos.

Darum geht es nämlich im Feminismus: Wir kämpfen für unsere Entscheidungsfreiheit. Wir kämpfen dafür, uns von sozialen, patriarchalen, sonstigen Mustern freizumachen und endlich mal selbst entscheiden zu können, was wir eigentlich wollen. Unabhängig von moralinsauren Kommentaren, gesellschaftlichem Dünkel und pseudosozialen Strukturen. Wir wollen die Gesellschaft ändern. Und das dann gefälligst auch durchziehen.

Darunter diskutiere ich nicht mit Ihnen. Für weniger stehe ich morgens nicht auf, und für weniger kämpfe ich nicht.

Da habe ich keine Zeit für verdammte Diäten, und schon gar nicht dafür, dass mir Person A, B und C sowie X und Y und Z auch noch Gegenwind geben. Es ist anstrengend genug im Alltag feministisch zu leben. Solidarität, meine Damen! [²]

Ich entscheide, ob ich zuhause bleibe. Ich entscheide, ob ich Karriere in Wirtschaft, Wissenschaft oder Politik mache. Ich entscheide, ob ich einen Hund oder ein Kind will. Ich entscheide, ob ich 3 Hunde und 5 Kinder habe. Ich entscheide, ob ich mit einem Mann, einer Frau, beiden oder einem anderen Geschlecht zusammen lebe. Ich entscheide, ob und wie wohl ich mich in meinem Körper fühle. Ich entscheide, was und wie viel ich meinem Körper zuführe. Ich entscheide, welche Gestalt ich meinem Körper gebe. Ich entscheide, wie ich mich kleide, wie ich mich ausdrücke, wer ich bin.

Ich entscheide. Ich erwarte deine Unterstützung, Schwester!

Ich gebe dir meine schließlich auch.

Wenn wir das alle so akzeptieren, dann können wir ja jetzt wieder über etwas anderes als über Diäten diskutieren.

***

[¹] Ich finde diese Diskussionen grundsätzlich wichtig. Um Muster gleich welcher Natur durchbrechen und ändern zu können, muss man sie zuerst erkennen, außerdem benennen und schließlich noch reflektieren können.

[²] Mir ist durchaus bewusst, dass ich mit diesem Beitrag genauso Gegenwind gebe. Irgendwas ist ja immer. ¯\_(ツ)_/¯

[*] Dies ist keine Aufforderung, eine dieser Methoden auszutesten, sondern es sind extreme Beispiele zur Veranschaulichung. 

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Ein Gedanke zu “Freiheit zur Entscheidung.

  1. Traurigerweise diskutieren auch Männer über Diäten. Mein Chef zB mit mir über „Weizenwampe“, mein Kollege lebt von Almased, es ist ein Elend. (Und ich möchte darüber nicht diskutieren. Mit keinem Mann und keiner Frau)

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