es fügt sich.

Am vergangenen Freitag schrieb ich meine Kündigung. Zeitgleich kam der Mann nach Hause und brachte die Arbeitgeberkündigung. Immerhin sind wir uns einig. Etwas verstimmt bin ich ist mein Stolz allerdings doch: ich wäre dem Arbeitgeber gerne zuvorgekommen. Dennoch überwiegt das Gefühl der Erleichterung.

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Heute dann erneuter Arztbesuch und eine Krankschreibung für die nächsten vier Wochen erhalten. Die Hausärztin, die letzte Woche im Urlaub weilte, war erschrocken, wie sehr ich mich verausgabt hatte und dass ich schon beim erzählen in Tränen ausbrach. Sie verschrieb mir viel Ruhe und jeden Tag ein schönes Erlebnis.

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Meine Gedanken kreisen in den letzten Tagen viel um meine Mutter und meine Schwester, deren Halbtagstätigkeit von mir in jüngeren Jahren überwiegend als Schwäche ausgelegt wurde. Jetzt wechselt die Perspektive und ich sehe, wie sie dadurch auch für sich selbst und ihre Familien Sorge getragen haben – trotz aller Belastung. Und dabei meine ich nicht, dass sie ja mehr Zeit für Hausarbeit und Kinderversorgung hatten, nein, die beiden haben damit auch für ihr persönliches Wohlbefinden gesorgt. Seelenbetüddelung sozusagen, die eigenen Interessen verfolgt, die Hobbies und Bekanntschaften gepflegt, sich um sich selbst gekümmert. Ich glaube, hätte ich das nicht miterlebt, wie die beiden sich um ihre Seele gekümmert haben, wäre ich nicht in der Lage meine Gesundheit über mein Verantwortlichkeitsgefühl zu stellen bzw. es wäre mir noch schwerer gefallen als eh schon.

Und es fällt mir schwer. Allein der Gedanke, dass ich mal wieder erzählen muss, dass ich schon wieder keinen Job habe, dass ich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr weitermachen kann, dass es so unbestimmte Krankheiten sind, dass ich mir die nicht einbilde, dass ich mich nicht noch mehr zusammenreißen kann und dass ich noch nicht weiß, wie es weitergeht und blablablablubbblubbblubb.

Überhaupt: reiß dich zusammen, leg dir ein dickes Fell zu, stell dich nicht so an. So lange du nicht tot bist, ist es nicht schlimm. Doch, es ist schlimm. Es ist so schlimm, dass ich abends Bauchschmerzen wegen des nächsten Tages habe, dass meine Dauerkopfschmerzen noch nicht vollständig abgeklungen sind, dass ich immer noch Ohrengeräusche höre. Kennt ihr diese Radiowerbung von grip.po.stad, in der sich gefühlt die halbe Welt auf diese eine komplett kranke Mutter verlässt? Und am Ende macht sie dank der Medizin und auf Druck der Gesellschaft um sie herum weiter ihren Job und „übersteht auch diesen Tag“. Really? Seriously? Are you f*cking kidding me?! Wir brauchen uns nicht mehr zu wundern, wenn wir unter diesem Druck zusammenbrechen. Dass wir stolz darauf sind, ist die Krux unserer Zeit. Und sorry, unter Druck entstehen nicht nur Diamanten. Viel öfter entstehen unter Druck viele kleine Brösel.

Ich bin nicht gewillt, zu einem Brösel zu werden.

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Hannah Arendt sagt „Keiner hat das Recht zu gehorchen.“

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4 Gedanken zu “es fügt sich.

  1. Seelenbetüddelung ist wichtig. Das wird die Grippostad-Dame auch noch lernen. Bei manchen Dingen, die mit der Erkrankung kamen, bin ich manchmal ein klein wenig froh – froh, dass ich das jetzt schon lerne. Etwa auf mich acht zugeben. Der Zustand ist zwar nicht so leicht auszuhalten, dennoch denke ich, besser jetzt, als in zwanzig Jahren.

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