Koordinatenkreuze.

Ich möchte meiner Schwester eine Email schreiben, fragen wie es ihr geht, was sie macht. Möchte ihr von mir erzählen, wie es mir so geht, was ich so mache. Das Einzige, was ich tippe, sind ein paar schmale Worte über das Wetter, dann lösche ich die Mail. Kurz überlege ich stattdessen Mama anzurufen, verwerfe es aber wieder. Ich habe keine Worte, durch die ich mich mitteilen könnte. Unsere Lebenskoordinaten haben sich verschoben. Das Verständnis für die Lebensentwürfe, vor allem aber für die Lebensansichten, hat spürbar nachgelassen in den letzten Jahren. Auf beiden Seiten. Wir haben uns auseinander entwickelt. Wo ich als Teenager noch die Weltoffenheit meiner Schwester bewunderte, sehe ich jetzt, dass jene nur im Verhältnis zu meiner Mutter gesehen existierte. Ich sehe Engstirnigkeit und Unwille die eigenen Vorstellungen zu hinterfragen oder Aussagen zu reflektieren. Eine Diskussion bedeutet, dass nur einer Recht behalten darf. Es gibt ein richtig und falsch, schwarz und weiß. Ins Verhältnis setzen, Grautöne anerkennen, relativieren – das Eine neben dem Anderen existieren zu lassen ist nahezu unmöglich. Ein gleichberechtigtes Nebeneinander scheint gar nicht erst existieren zu dürfen. Meine Schwester ist die Tochter ihrer Mutter, but don’t tell her… Mamas Verständnis reicht dabei noch stärker als früher ausschließlich für die von ihr gebilligten Vorstellungen aus. Mein Neffe leidet an einer Depression? Gibt es nicht, nur Einbildung und Bauchnabelschau. Nur wer ein ordentliches Leben führt, bringt es auch zu was. Füge dich ein in die Gesellschaft, lächle, halt deinen Mund und dann passt das schon. Gehst du in die Kirche? Aber Kind,…hab ich dich so falsch erzogen? Mein Koordinatenkreuz wird nicht mehr geprägt von der christlich-evangelischen Kirche. Mein Koordinatenkreuz wird auch nicht mehr vom Schein der schwäbischen Anständigkeit geprägt. Wie könnte ich den Beiden erklären, dass es für mich derzeit nicht möglich ist, zu arbeiten? Ich bin nicht körperlich krank. Wie kann ich ihnen erklären, dass nach 12 Jahren das Haus meiner Eltern nicht mehr mein Zuhause ist? Wie kann ich ihnen erklären, dass meine Vorstellungen nicht mehr mit ihren korrelieren? Ich bin die Tochter meiner Mutter. Ich begehre auf, wie sie einst aufbegehrt hat, versuche meine eigene Note hinzuzufügen. Verständnis und Weltoffenheit muss ich manchmal auch noch üben.

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