alt.

Für Mama gibt und gab es die Kategorie „älter werden“ nicht. Manchmal glaube ich, sie denkt nur in absoluten Kategorien: entweder wird man alt oder man ist es bereits. Sie sprach und spricht nie von „älter“ – es hieß immer „alt“, uneingeschränkt und unumstößlich. Als akzeptable Alternative gilt nur noch jung, und das sind tatsächlich alle die jünger sind als sie – selbstverständlich auch meine Geschwister, die beide Anfang 50 sind. (Ich selbst bin ein Hüpfer von gerade mal 32 Jahren und damit in den Augen meiner Familie immer noch grün hinter den Ohren.) Von meinen Geschwistern höre ich hingegen schon jetzt „Ach, man wird halt älter. Es zwickt einen hier und da, und es geht halt nemme so wie früher.“ Als Mama irgendwas Anfang 50 war, hatte sie eine vorpubertäre Tochter, die sie durchs Gymnasium bringen musste und deren Erwachsenwerden sie noch erleben wollte. Bereits damals, zu meinen Pubertätszeiten, erzählte sie mir, dass sie immer Angst davor habe nicht zu sehen, wie ich aufwachse oder wie ich als erwachsene Frau sein werde. Sie hatte jedoch nie Angst vor dem Altwerden. „Das passiert halt, und irgendwann ist man es.“ Punkt. Sie ist im Schwarzwald auf einem Bauernhof aufgewachsen, ein kleines Nest, in dem es zeitweise mehr Alte als Junge gab, kriegsbedingt. Die Alten lebten mit auf den Höfen, kümmerten sich um die Kinder, während die junge Generation auf dem Feld war. Sichtbar waren sie, die Alten, sorgten für Schrecken, aber auch für liebevolle Erinnerungen. Sie waren einfach da. Vielleicht ist das mit ein Grund, dass das Altwerden für Mama kein sukzessiver Prozess zu sein scheint, also heute ein bisschen und dann morgen wieder etwas mehr. Nein, man macht und schafft solange man kann und wenn man nicht mehr kann, dann – und erst dann – ist man alt. Tatsächlich habe ich sie nie als ältere Frau wahr genommen, auch nicht während meiner Jugend. Sie strahlte immer energische Umtriebigkeit aus und hatte die Familie fest im Griff. Mamas Wort war Gesetz und so gesehen bin ich in einem Matriarchat aufgewachsen, in dem Papa die Rolle hatte (und immer noch hat), sie zu vergöttern. Während meiner Teenagerzeit, fragte ich sie, wie sich ihr Alter anfühle. Sie sagte, sie wisse es nicht. Sie fühle sich wie vor 20 oder 30 Jahren, und ganz ehrlich, sie habe keine Zeit und keine Lust auf das Gejammer ihrer Altersgenoss*innen, die mit ihren Wehwehchen angaben und vom Älterwerden klagten. „Alt bin ich noch früh genug.“ Danach ging es auch direkt weiter, es musste irgendwas gekocht oder im Garten gemacht oder ein Bild fertig gemalt werden. Ich zog aus, machte eine Ausbildung, studierte vor mich hin, liebte und lebte, wie man das als Zwanziger so macht, selbstvergessen in den Tag hinein. Und ich weiß nicht, wann es geschah oder wie, aber ich habe im Ohr noch den leicht bedauernden Tonfall als Mama sagte „Jetzt bin ich alt.“ Sie hatte die Kategorie gewechselt, vom Altwerden ins Altsein. Von heute auf morgen, ganz plötzlich war es da. Das Eingeständnis von Alter. Kein Verstecken hinter Worthülsen, heute ein bisschen und morgen noch etwas mehr, kein Älterwerden, sondern eine absolute Kategorie: alt.

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Zu diesem Text hat mich die Blogaktion #älterwerden von quadratmeter inspiriert.

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