mäandern.

Als ich heute früh noch im Bett lag und der Mann sich schon verabschiedet hatte, habe ich, fast schon aus Gewohnheit, den Kirchenglocken zugehört. Ich mag diesen Klang, so voll und tönend, der sich wie eine Decke ausbreitet und über das Land legt. Für mich hat dieses Klingen und Tönen etwas unglaublich Tröstendes und ein Gefühl von Zuhause, ohne dass ich nun von mir sagen könnte, dass ich besonders christlich sei. In meiner Heimat, dort wo ich aufgewachsen bin, wurde dieser Klang je nach Uhrzeit und Windrichtung vom Rattern der Eisenbahnschienen begleitet, wenn gerade ein Zug durchfuhr. In der Herzensheimat, wo ich 11 Jahre lang gelebt habe, hat man Samstags die Glocken zusammen mit dem Jubel und den Fangesängen aus dem Stadion gehört. (Zurzeit wird dort weniger gejubelt, aber das ist eine andere Geschichte.) Hier ist es tatsächlich einfach nur still, man hört nur die vollen Töne der Kirchen, weil es hier grundsätzlich so ruhig ist. Hape Kerkeling schrieb in seinem Buch „Ich bin dann mal weg“ sinngemäß (ich bin gerade zu faul, das korrekte Zitat heraus zu suchen), dass er Deutschland, seine Heimat, mit dem Geläut von Kirchenglocken assoziiert, die sich wie ein Klangteppich über die Landschaft legen. Meine Gedanken mäandern zurück zur Heimat, zu meiner Mutter und ihrem Besuch hier gemeinsam mit meiner Schwester. Es ist augenscheinlich geworden, dass die Beiden – auch wenn sie anderes behaupten – in ihrer Beziehung noch Themen auszuarbeiten haben. Ganz leicht hatten sie es wohl noch nie miteinander, meine Schwester ist 20 Jahre älter als ich und hat ihre Kämpfe vor meiner Zeit ausgetragen. Es waren – sind – wohl auch andere Kämpfe. Ich selbst arbeite mich seit dem Besuch wieder an Mama ab. Was nach meinem Auszug vor 13 Jahren über die Zeit hinweg, zur Ruhe gekommen war, taucht wieder auf. Was sie nicht hören mag, kanzelt sie ab. Subjektive Erinnerungen anderer möchte sie nicht hören, und tut sie als hinfällig ab. Das macht es schwer mit ihr über Erlebtes zu sprechen, oder gar zu diskutieren. Von der Vergangenheit will sie nichts hören, das ist „alter Scheiß, das war so“ und reden darüber bringt ja doch nichts. Ich gebe ihr Recht, ändern wird sich nichts an der Vergangenheit, allerdings an unserer Einschätzung und an unserer Position zu ihr. Manchmal denke ich, dass sie Angst hat. Davor, dass wir ihr die Deutungshoheit über ihr Leben aus der Hand nehmen könnten. Nicht nur was die Vergangenheit angeht, sondern auch die Gegenwart und die Angst davor, dass sie und Papa nicht mehr selbstständig leben dürften, so lange es eben geht. Beide haben eine unsagbare Angst davor, ins Altenheim abgeschoben zu werden, obwohl sie ein eigenes Haus haben, obwohl wir noch nie etwas derartiges angedeutet haben, obwohl sie sagen, dass sie nicht von uns Kindern gepflegt werden wollen, und obwohl sie trotz mancher Alterswehwehchen noch sehr selbstständig und frei unterwegs sind. Was Mama angeht, hat sie das Sagen. Schon immer gehabt, ohne Rücksicht auf Verluste. Vielleicht ist das der Kern, den ich ihr vorwerfe, dass sie von mir verlangt hat zu funktionieren, mich „nicht so anzustellen“ und es allen – hauptsächlich ihr – Recht zu machen. Mein Bruder erzählte mal, dass er lieber bei seinen Schwiegereltern zu Besuch ist, weil er sich da auch mal eine halbe Stunde einfach hinlegen könnte, ohne nach dem „warum, weshalb, wieso“ gefragt und ohne zu irgendetwas aufgefordert zu werden. Ich konnte das damals schon gut verstehen, heute vielleicht noch mehr und noch aus einer anderen Perspektive.

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