08042020.

Die einen hamstern Mehl, ich Tulpensträuße, Kaffee und Schokolade. Die Mutterhefe mache ich dann halt selbst, aber der Osterkuchen ist auch ohne Hefe und Mehl gerettet.

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Überhaupt Ostern, ich sehe in den letzten Tagen so viele geschmückte Bäume, Büsche und Hecken in den Vorgärten wie in den letzten Jahren zusammen nicht.

Ich glaube, dass es nicht nur eine Beschäftigungsmaßnahme für Kinder ist, sondern auch ein Zeichen von Hoffnung auf Änderung, auf Besserung. Ostern ist ein Frühlingsfest, ein Neubeginn und auch wenn viele mit Kirche und Religion nichts mehr zu tun haben mögen, so ist die Auferstehung Christi ein Friedensfest, ein Hoffnungszeichen und kulturell tief in uns verwurzelt. Gerade wenn wir auch noch die Zeit der heidnischen Sonnenwendfeste mit hinzu rechnen, die ja ebenfalls sonnigere Zeiten begrüßten und mit ihnen Hoffnung auf Wachstum und spätere Ernte. Und auf Licht.

Es geht uns in unserer Quarantäne sehr gut, wir sitzen in warmen und bequemen Nestern mit viel Unterhaltung und Ablenkung, ohne Angst haben zu müssen, dass wir sie (und uns) des nachts durch Bomben verlieren könnten. (Allein deswegen finde ich Kriegsvergleiche äußerst unpassend.)

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Wir werden also Ostern in diesen Tagen feiern, mit Kuchen, Kaffee und Tulpensträußen und sehr dankbar sein, dass wir (noch) gesund sind und sehr viel zu essen haben und im besten aller Osternetze sitzen.

Anstoßen werden wir darauf, dass diese skurrilen Zeiten wieder besser werden und auf die Hoffnung. Denn die stirbt bekanntlich zuletzt an Corona.

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Be patient. Be kind.

Be careful.

06042020.

Seit Tagen bin ich fasziniert wie blau, weit und hoch so ein Frühlingshimmelsgewölbe an einem wolkenfreien Tag sein kann.

Keine Ablenkung für die Augen, nur eine Million Schattierungen in Blau.

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Der Nachtfrost der letzten Woche hat die frisch erblühten Magnolien niedergestreckt. Jede Blüte erfroren. Beinahe hätte ich deswegen geheult, und innerlich ist mir noch immer weinerlich deswegen zumute.

Ein bisschen fühle ich mich um meine Magnolienblütezeit betrogen.

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Die Gemüsevorzucht läuft auf Hochtouren. Das sieht alles sehr erfolgversprechend aus, vor allem bei den Tomaten und Kürbissen.

Nur Paprika und Pepperoni bleiben noch hinter den Erwartungen zurück.

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Ein Kräuterschneckenbeschluss wurde gefasst und nun, langweilig wird uns an Ostern nicht werden.

Außerdem haben wir alte Eisenbahnbohlen als Sandkasteneinfassung ergattert und auch die wollen noch eingebuddelt werden.

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Wenn Ihnen langweilig ist, legen Sie sich einen Garten zu – da gibt es immer was zu tun.

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Be patient. Be kind.

Be careful.

02042020.

Nach drei Stunden Tag ist klar, dass dieser heute eher anstrengend werden wird kann.

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Ich habe heute nur Gehässigkeiten übrig, irgendwas über mangelnde Kompetenz zu erkennen, wann eine denn gemeint ist und wann nicht, über Trittbrettfahrerinnen und Nutznießerinnen, über schlichtweg dumme Menschen, die an Numerologie glauben und daran, dass sie damit ein Virus aufhalten können (bitte, Darwin, do your thing!) und ach, Wut und Ungeduld über die ganze versch*ssene Situation.

Außerdem zahnt hier im Haushalt jemand, ich muss heute noch arbeiten (es ist schlimmer als Zahnschmerzen derzeit) und habe gerade überteuerte Patronen kaufen müssen, weil die Günstigen nicht mehr lieferbar sind.

Was ich sagen will: ich trage heute nicht nur äußerlich fröhliches Schwarz, sondern auch innerlich. Ich werde so viel Zeit wie möglich auf dem Sofa vor dem heißen Kamin verbringen und, wenn der Quietschboy es zulassen sollte, stumpf X*box zocken. Immerhin bin ich geduscht.

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Ich weiß übrigens, dass nicht jede schreiben kann und mag, dann hab ich auch hier einen Tipp: lassen Sie es sein. Ebenso die ganzen anderen drölfzigtausend Tipps derzeit im Internet: wenn es nicht passt, dann lassen Sie es sein. Sie müssen nichts, nur atmen und irgendwann sterben. – Fünf Minuten auf der Toilette einschließen, während draußen der Familienwahnsinn tobt, sind auch fünf Minuten Selfcare. (Ich war und bin oft auf Toilette bei Familientreffen.)

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Be patient. Be kind.

Be careful.

01042020.

Wie geht es Ihnen heute?

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Mir schrieb heute eine sehr geschätzte Frau, sie blogge derzeit nicht, da „sie nicht sehr positiv sei“ und „andere das besser könnten“.

Die Reaktion meinerseits war etwas vehement (entschuldige bitte, liebe J.!), denn ich las darin mit, dass die Leserinnenschaft erwarte, dass Blogeinträge in diesen Tagen positiv zu sein hätten.

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Ich finde es nämlich gar nicht notwendig, immerzu positiv gestimmt zu sein, v.a. dann nicht, wenn eh nicht der Sinn danach steht.

Wir „schulden“ auch niemandem Positivität, schließlich sind wir alle menschlich, mit unterschiedlichsten Gefühlen. Erinnern Sie sich, wie damals die olle Tante oder der dröge Onkel zu Ihnen sagte, „Jetzt lach doch mal!“, obwohl Ihnen gar nicht danach zumute war?

Ich bin schon lange der Überzeugung, dass uns das andauernde Positiv-Sein schadet, weil wir dadurch verlernen, andere Gefühle und Expressionen wahrzunehmen und vor allem auch auszudrücken. Uns als Menschen gehen viel zu viele Facetten verloren, wenn wir uns gegenseitig nur diesen „stay positive, think positive“-Einheitsbrei zumuten und über uns selbst hinwegstiefeln.

Das ist etwas anderes als Optimismus, der uns sagen lässt, „nach Regen kommt Sonne“ und der durchaus das Trübsal erkennen kann. Es geht darum anzuerkennen, dass bspw Frust, Trauer und Wut sich auf Dauer nicht weglächeln, nicht übertünchen und erst recht nicht unterdrücken lassen.

Wenn wir diese allerdings nicht zeigen (dürfen), schränken wir unser Sichtfeld ein. Wir filtern uns selbst und betrachten unsere negativen Gedanken und Gefühle als falsch oder anormal, weil wir vermeintlich die Einzigen sind, die so empfinden.

Gerade in diesen Corona-Zeiten in denen wir uns nicht treffen können, ist es aber wichtig zu erfahren, zu lesen, dass wir mit der ganzen Bandbreite unserer Erfahrungen nicht allein sind. Dass da auch andere Menschen sind, denen die Decke auf den Kopf fällt, die sich anschreien, die Heulkrämpfe haben, die nicht schlafen können, die Sorgen haben, und und und.

(Es gibt für jeden Blogeintrag eine Leserin.)

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Ich kürze mich ab:

Schreiben Sie, bitte, egal in welcher Stimmung und Form Sie sich befinden! Ich möchte Sie unbedingt dazu einladen und ermutigen, neben den guten gerade auch Ihre schlechteren Stunden und Tage festzuhalten oder auch zu teilen.

Nicht, weil es so toll ist oder so super therapeutisch, sondern weil wir nicht allein sind mit diesen schlechten Tagen. Natürlich ist es großartig, wenn wir Links zur Aufheiterung und zur guten Laune verteilen. Jedes Video, das uns zum Lachen bringt, ist Gold wert. Nur, wir können das erst schätzen, wenn wir auch die andere, die dunklere Seite gesehen haben.

Schreiben Sie, teilen Sie sich mit, drücken Sie Ihre Gefühlslagen aus, jede einzelne – und wenn es „nur“ für Sie selbst, privat, für Ihr Tagebuch ist und nicht für das ganze Internet. So gesehen ist die Quarantäne die beste Möglichkeit sich selbst kennenzulernen.

(…und wenn Sie nicht oder doch oder überhaupt schreiben möchten, dann bitte nur weil Sie es so wollen und nicht weil andere etwas von Ihnen erwarten.)

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Wie geht es Ihnen jetzt?

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Be patient. Be kind.

Be careful.

30032020.2

Vielleicht hat das SYSTEM (TM) gar keinen Fehler.

Vielleicht habe ich Fehler.

Vielleicht bin ich der Fehler.

Die rote oder die blaue Pille?

Von einer, die sich fremd fühlt.

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Be patient. Be kind.

Be careful.

30032020.

Das Wörtchen „systemrelevant“ ist ja ein bisschen janusköpfig, ist es nicht?

Es kam daher als großes Schlagwort als die Krise begann, systemrelevante Geschäfte und ihre Mitarbeiterinnen. Kurz darauf schrieen die Nächsten, dass sie doch auch systemrelevant seien, denn ohne ihre Mitarbeit könnten die wirklich-Systemrelevanten ihrem Job gar nicht mehr nachkommen und dann wurden seitenweise Artikel geschrieben, wie wir jetzt alle systemrelevant seien, indem wir die wirklich-Systemrelevanten und die richtig-wirklich-Systemrelevanten seelisch-und-moralisch unterstützen und hurra, das System wird überleben!

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Welches System, fragen Sie sich? Tja, das frage ich mich auch. Zwei Wochen hat das bei mir gedauert, bei anderen dauert es noch länger, deswegen helfe ich uns allen mal auf die Sprünge:

Natürlich das SYSTEM (TM), wie es zu diesem Zeitpunkt existiert. Da wird nichts mitgedacht von „systemverändernd“, da geht es auch nicht um Gesellschaft, die ja zuallererst einmal ein sozialer Zusammenschluss von Menschen ist.

Es geht nur um das SYSTEM (TM).

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Die berufstätigen Frauen und Männer mit Kindern, zusammen oder allein-/getrennt-erziehend, buckeln gerade wie bescheuert, um diese Vereinbarkeitssache von Betreuung und Beruf zu gewährleisten, und nicht hinterher auch noch ohne Job da zustehen. Was letzten Endes auch nur von Glück und Gnade des Arbeitgebers und der Wirtschaft abhängig ist.

Was für eine Ironie ist es, dass diejenigen, die da so buckeln und sich krumm machen, die in den sog. „systemrelevanten Berufen“ arbeiten, dass die bislang vom SYSTEM (TM) übersehen wurden, denn sie sind halt nicht „systembestimmend“ – oder wie ist sonst die miese Bezahlung bspw für medizinisches Pflegepersonal oder Einzelhandelsangestellte zu erklären?

Schön, wie wir alle jetzt von Helden und Heldinnen sprechen, ihnen Schutzmasken nähen und laut applaudieren – wo waren wir denn mit unserer Solidarität bei den letzten Demonstrationen für einen fairen Mindestlohn, für gerechte Bezahlung oder für bessere Betreuungsschlüssel? Wo waren wir da? Und – wo werden wir nach Corona sein?

Die Kassiererin, die Pflegerin, die anderen Helferinnen werden „hinterher“ nicht einfach so mehr Geld bekommen, sondern eine Schachtel Merci und ein „freut euch, dass ihr systemrelevant seid“. Am Arsch.

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Letzten Endes können wir gerade in einer Live-Studie beobachten, wie unser SYSTEM (TM) zusammenbrechen würde, wenn nicht die Menschen, die es bisher mit Füßen getreten hat, versuchen würden es zu retten.

Das Traurige daran ist, dass sich „hinterher“ wenig an den Machtverhältnissen verändert haben wird, denn dazu müssten diese Menschen unsere Gesellschaft wohl jetzt im Stich lassen.

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Ich bin dieses Systems, wie es sich darstellt und wie wir als Gesellschaft darin leben, sehr überdrüssig. Es läuft so viel falsch. Dennoch schätze ich die Menschlichkeit, die sich überall zeigt, sehr. Leider fürchte ich, dass sich wenig ändern wird, wenn erst einmal wieder die üblichen Verdächtigen das Sagen haben. Und ich finde das Wörtchen „systemrelevant“ wirklich kacke.

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Be patient. Be kind.

Be careful.