20102018.

Der kleine Hund hat Flöhe mit nach Hause gebracht. Wir vermuten, dass er die von der wöchentlichen Hundespielstunde eingeschleppt hat, die zwar von einer Hundeschule veranstaltet wird, bei der man einen Gesundheitsnachweis vorlegen muss, diesen aber nur für feste Kurse bzw regelmäßige Ausbildungsstunden. Die Spielstunde ist hingegen für alle frei und zugängig, Mitgliedergewinnung halt.

So sehr mich das heute auch geärgert hat, ändern konnten wir es nun auch nicht mehr. Immerhin scheinen wir es früh genug mitbekommen zu haben, so dass wir hoffen, mit Shampoo und Umgebungsspray sowie exzessivem Wäschewaschen, der Lage Herr zu werden. (Ich musste sehr an die Mütter meiner twitter-Timeline und diverse Kiga-Läuse-Situationen denken. Der Trockner ist gemeinsam mit der Waschmaschine heute mein bester Freund.)

Und ja, ich habe heute sehr bereut, dass der kleine Hund nicht nur aufs Sofa darf, sondern hin und wieder auch ins Bett. Irgendwas ist ja immer.

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Positiv an der ganzen Sache: ich war heute fit genug, dass ich so viel machen konnte wie seit Wochen nicht. Keine unterschwellige Übelkeit, keine Schonkost, sondern richtig gutes selbstgekochtes Essen. Was ein Luxus.

Überhaupt, das waren gestern und heute sehr goldene Tage. Es hat sich meine Wahrnehmung der Ereignisse verschoben, das Universum ließ fließende Übergänge und Lösungen zu und es war einfach leicht, das Leben. (Spiritueller Exkurs: Meditationskarten sind super. Habe ich damals, als ich Hannover verließ, von der Chefin geschenkt bekommen und es ist eines besten Geschenke meines Lebens. Da ich dazu neige viel zu grübeln und mich zu verlieren, sind diese Impulse so wertvoll, um aus diesen dunklen Ecken heraus zu finden.)

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In unserem Garten ist Remmidemmi: die Eichhörnchenfamilie plündert nachwievor den Walnussbaum, die Raben haben die Elstern des Grundstücks verwiesen und knacken zudem ebenfalls fleißig Nüsse, und die Blau- und Kohlmeisen haben das Vogelfutterhaus für sich entdeckt. Währenddessen klopfte der Specht Löcher in unser Gartenhaus. Nunja.

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Voll das Leben hier.

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13102018.

Mir träumte vor einigen Tagen von einer Umarmung, so groß und schützend, dabei so leicht und Raum gebend.

Sie war derart perfekt für mich, dass mir die Worte dafür fehlen.

Heute früh im Halbschlaf, nach dem Auftauchen aus anderen Träumen mit viel Meer und Seefahrt, erwischte ich mich, wie ich mich versuchte in den Traum von vor ein paar Tagen zurück zu träumen.

Was leider nicht funktioniert hat. Zudem bezweifle ich, dass es sich bei einer Wiederholung genau SO wieder fühlen würde.

Es bleiben ein Bild, eine Erinnerung übrig.

08102018.

Ich finde es sehr berührend, dass der kleine Hund, wenn es ihm schlecht geht, zu mir getappst kommt. Dann hängt alles an ihm nach unten, was nur hängen kann, und er wirkt so hilflos. Das ist herzerweichend, wie er sich dann an mich drückt oder den Kopf an mir vergräbt.

Die Kehrseite der Medaille ist, dass er sich in solchen Fällen bislang noch jedes Mal vor meine Betthälfte oder meine Füße übergeben hat. Irgendwas ist immer.

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Heute zum ersten Mal das Kind, mein Kind, unser Kind im Ultraschall gesehen. Nun, es wird ein Gummibärchen. Passt.

Zum ersten Mal zudem richtig Freude und Aufregung empfunden.

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Mir wurde nahegelegt, mich dringend um eine Hebamme zu bemühen, ich sei schon recht spät dran. Überhaupt waren die Helferin und auch die Ärztin überrascht, dass ich das Ausbleiben meiner Periode abwartete, bevor ich einen Test machte. Das sei heutzutage nicht mehr bzw nur noch selten üblich unter den jungen Frauen. Durch meine Suche nach einem Frauenarzt (17 Praxen habe ich abtelefoniert) und die daraus resultierende Wartezeit bis zum Termin, waren zusätzliche Wochen ins Land gegangen.

Ich formuliere es mal vorsichtig: das System stinkt, wenn mir in der 9. SSW geraten wird, mich zu beeilen, da ich sonst keine Betreuung mehr finden werde. Es stinkt zum Himmel, ganz und gar.

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Vieles davon war mir bereits bekannt und es gab einige Überlegungen in mir, nach denen ich aufgrund dieser Umstände von einer Schwangerschaft absehen wollte. Das Gesundheitssystem als Verhütungsmethode.

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Es geht voran.

07102018.

Kurz überlegen, welches Datum und welches Jahr wir heute haben, ach, so lange ist es doch noch nicht her, dass ich schrieb, und doch, gefühlt eine Ewigkeit.

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Der Mann und ich werden Eltern. Das wirft mich vollkommen aus der Bahn, körperlich und seelisch. Ich bin vollkommen zerrissen, genießen oder ekstatisch freuen geht noch nicht so wirklich. (So, jetzt ist es raus.)

Es ist erst irgendwann Anfang Mai so weit (guter Monat, mein Kind!), ich habe also noch etwas Zeit zu eruieren, wie ich beruflich verfahren soll, da mein Vertrag befristet ist und mitten in der Elternzeit, im Mutterschutz (wie heißt das jetzt eigentlich genau?) enden wird und ich dann im schlimmsten Fall wieder arbeitslos dastehen werde.

Ich habe zudem ausreichend Zeit mich an dieses Alien in meinem Körper zu gewöhnen, das mir bislang Essen und Trinken sehr verleidet. Der Übergang von hungrig-schlecht-und-schwindelig zu satt-schlecht-und-kotterig ist fließend, keine Ahnung also was mein Körper so von mir will, ich probiere halt aus, hilft ja alles nix. (Vollmilchnussschokolade ist super, Cashewkerne und salzige Kekse wie TUC auch, gerne in Kombination. Kaffee geht zu meinem Leidwesen gar nicht mehr, überhaupt trinken, Alter, es ist ein Graus.) Ich bin übrigens der festen Überzeugung, dass Krokodile die bessere Wahl der Brutaufzucht getroffen haben.

Der härteste Brocken ist der Wahnsinn in meinem Kopf, die Angst, dass ich „werde wie meine Mutter“. Sie hat für mich gesorgt und mich beschützt, jedoch hatte (und habe) ich äußerst selten das Gefühl, dass sie meine Bedürfnisse gesehen hat oder sieht, und statt diese abzutun, auch annehmen und stehen lassen kann. Vermutlich ist das der Kern, ich denke da schon etwas länger daran herum, auch in Bezug auf die Geschichte mit meinem Bruder Anfang des Jahres, die auch noch nicht gelöst ist, und wo war ich doch gleich?

Es kommt hinzu, dass ich mich seit ich Teenager bin, dagegen gesperrt habe, „nur Hausfrau und Mutter“ zu werden. Und ich steuere gerade mit Lichtgeschwindigkeit darauf zu, siehe den Punkt mit der beruflichen Situation. Das macht mich richtig fertig. Mir ist übrigens klar, wie despektierlich und hochmütig das klingt, und genau so ist es in diesem Zusammenhang auch aufzufassen. Ich weiß, dass ich keine große Karriere im klassischen Sinne mehr starten werde. Mein Verstand weiß, was Hausfrauen und Mütter alles leisten müssen. Ich weiß, dass Hausfrau und Mutter heutzutage anders gelebt werden kann als in der Generation meiner Mutter. Ich weiß, dass es nicht zwangsweise mit Verdummung des Verstandes und mit Auflösung meines Ich einhergeht. (Da manifestiert sich gerade ein absolutes Schreckensbild vor meinem inneren Auge. Was einem halt so eingetrichtert wird, von Gesellschaft und Co. an sozialen Bildern, Erwartungen, Rollenklischees, Vorurteilen, Abwertungen.)

Aber, Herrgott, ich hatte mir vieles anders vorgestellt und es ist vieles anders gekommen, nicht schlechter, nicht besser, nur anders, und das ist gerade alles etwas viel. Völlig normal, habe ich mir sagen lassen.

Ich blicke also, wie gewohnt, vorsichtig optimistisch in die Zukunft. Das wird schon alles werden. Irgendwie.

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Mut ist, der Angst ins Auge zu sehen statt sie zu leugnen.

10092018.

Der Platz an der Sonne bzw am großen Terrassenfenster ist mir nachwievor der Liebste. Mit Blick auf den Garten und den alten Walnussbaum, der vermutlich noch nicht so alt ist, sondern in seinen besten Jahren, trinke ich meinen Morgenkaffee. Noch immer bei geöffneten Türen, allerdings mit Plaid über den Beinen. Es ist frisch geworden.

Zu meinen Füßen liegt der Hund und gemeinsam beobachten wir die Eichhörnchenfamilie, min. drei kleinere rötliche Tiere sowie ein dunkelbraunes Eichhorn. Zwischen halb 7 und halb 8 morgens ist high life im Nussbaum, und hoffentlich finden sie genug für den Winter.

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Der Garten blüht ein letztes Mal auf, bevor Herbstregen und Blattlaub alles unter sich begraben. Warme, sonnige Tage, kühle, frische Nächte – sehr gesund für unsere Herbstpflanzungen und für alles andere, so grün war es den ganzen Sommer nicht. Es ist herrlich.

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Mir selbst gehen Wärme und Sonne gehörig auf den Zeiger, dieser Hitzesommer hat bei mir für einen Überdruss gesorgt, der mich diese Herbsttage nicht in gewohntem Maße genießen lässt. Dabei weiß ich, dass sie mir noch fehlen werden, da noch ausreichend Kälte und Nässe auf mich warten.

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Idylle genießen, so lange wie möglich.

29082018.

Meine Mutter hat sich mit 77 Jahren ihr erstes Smartphone gekauft. Ich schwanke zwischen Bewunderung und Genervtsein.

Gefühlt ist die Distanz zwischen meinem Elternhaus und mir geschmolzen, quasi nicht mehr existent. Es ist als würde mir über die Schulter geschaut werden, als würde wieder gewertet werden, als hätte ich alle Kontrolle abgegeben. Als wäre ich nicht 700km entfernt, sondern 700m.

Der erste Impuls war „blockieren“, wenn ich sehr ehrlich bin – und das schmerzt -, dann war es ein „nicht mehr ins Leben lassen wollen“. Nichts mehr kaputt machen lassen durch Meinung, Wertung und ähnliche Übergriffigkeiten.

Ich bin 34, eigentlich sollte ich doch darüber hinweg sein. Oder?

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Nachträglich zum Besuch meiner Schwester der Gedanke, wie skurril das Leben sich entwickelt hat, indem sie, die sich so sehr gegen Regeln und Vorschriften der Altvorderen gewehrt hat, nun an eben diesen, anderen, ähnlichen Gesetzmäßigkeiten festzuhalten sucht.

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Gestern auf dem Fahrrad einer Frau begegnet, die so eine helle und zuversichtliche Ausstrahlung hatte, dass es mich durch den ganzen Tag trug.

Die Augen, das Lächeln, so groß und wohlgesonnen. Das war schön. Hach.

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Im Zweifel hilft unter dem Kirschbaum liegen und in den Himmel zu gucken.

Unerheblich dabei die Größe des Kirschbaums.

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Ich bin unglaublich privilegiert, dass ich die aktuelle politische Lage größtenteils ignorieren kann bzw konnte. Das überfordert mich, der Hass überfordert mich. Ich habe keine Idee, wie ich, wir, die Gesellschaft gegen die Nazis, die unsere Demokratie infiltriert haben, vorgehen können.

An anderer Stelle und zu anderer Zeit schrieb ich, dass Demokratie aushalten können muss. Ich fürchte, dass diese Zeiten nicht mehr sind.

Es ist (spätestens jetzt!) die Zeit, sich zu empören, aufzubegehren und dem braunen Dreck die Stirn zu bieten. Laut und stark.

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Empört euch!

22082018.2

Ich bin ein hässlicher Mensch. Vielleicht sehen das andere anders, vielleicht haben sie recht, vielleicht auch nicht. Zumindest bin ich ein sehr zwiegespaltener Mensch.

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Meine Hässlichkeit äußert sich in Aggressivität und Lautsein, speziell durch Wutbrüllen. Mein Mann nennt das launisch und unberechenbar, da niemand, auch die Engsten nicht, davor gefeit sind. Es geschieht meist dann, wenn etwas nicht so läuft, wie ich es erwarte und von dem ich meine im Recht zu sein.

Heute hat es einen Speditionsmitarbeiter erwischt. Mein Trigger ist dann die betont sachlich-deutliche Erklärung eines Vorgangs, mit Hilfe derer man mir suggeriert, ich hätte etwas nicht verstanden. Das Problem hierbei: ich habe es verstanden. Und ich hasse es, wenn man mich für dumm verkauft und ich dann den Kürzeren ziehe. Dann möchte ich mit Ungeduld, mit Gewalt durchsetzen, was mein Recht ist. Egal, ob vermeintliches oder tatsächliches. Sei es drum.

Ich saß oft genug am anderen Ende der Leitung, um zu wissen, wie sich das anfühlt. Ich nutze zudem oft genug selbst die sachlich-deutliche Erklärung vom hohen Ross, um den Unverstand meines Gegenübers zu betonen. Beide Seiten kenne ich, und beide mag ich nicht, vor allem nicht an mir.

Ich habe einen sehr starken inneren Kompass, der mit Stolz und Ehrgefühl, aber auch mit Moral und Idealismus angetrieben wird. Keine Ahnung, ob das gut oder schlecht ist, oder wie viel das in unserer heutigen Gesellschaft wert ist. Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich denke, „leb es aus, das bist du“. Egal, ob es gut oder schlecht ist, das sind Wertigkeiten, die vielleicht nur in diesem Leben zählen, meiner Seele aber pupsegal sind. Meine Seele will sich ausleben.

Heute beispielsweise sagte mir der Kompass, du bist im Recht, weil du einen Vertrag mit einem Dienstleister geschlossen hast, über eine bestimmte Option der Lieferung. Deine Hälfte des Vertrags hast du erfüllt, die andere Hälfte mit dieser bestimmten Option nur unvollständig. Mein Verstand sagt mir, sei nett, sei verständnisvoll, dann mögen sie dich und versuchen dir gerne zu helfen. Sie versuchen es, sie bedauern ganz viel und du bist nett und gibst nach und wieder ziehst du den kürzeren. Das ist die Erfahrung. Ein anderer Teil dieser Erfahrung ist, derjenige, der nachdrücklich wird und der alle Register zieht, der bekommt was er will. Das habe ich heute gemacht, nachdem ich es nett versucht hatte, mit aller Wut, die ich in mir trug, weil auf der anderen Seite mir jemand nicht entgegen gekommen ist, weil dieser jemand noch nicht einmal versuchen wollte zu helfen, weil ich mich dumm und hilflos fühlte.

Ich schreie also einen Menschen am Telefon an, das kostet mich nicht viel Anstrengung, ich habe von Natur aus viel Stimmvolumen. Danach fühle ich mich hässlich. Noch hässlicher fühle ich mich, als ich mich danach bei dem Auftraggeber der Spedition beschwere, weil eben der Vertrag von deren Seite ungenügend erfüllt wurde und ich im Recht bin. Ich stehe für mich ein. Und trotzdem mehr Hässlichkeit in mir. Obwohl ich ruhig und sachlich blieb, mich mit der Sachbearbeiterin nett unterhalten habe und wir eine einstweilige Vorgangsweise gefunden haben. Es ist als hätte ich eine gute und angemessene Lösung für mich verwirkt. Als dürfe ich keine Ansprüche mehr für mich geltend machen, weil…

„…man sowas nicht macht. Als Frau erst recht schonmal gar nicht. Überhaupt, kannst du es nicht einfach ruhen lassen? Der arme Mann. Nun reiß dich mal zusammen. A netts Mädle macht sowas net. Kannst du nicht einmal nett sein? Musst du immer so fordernd sein? Man kann auch mal auf was verzichten.“

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Wenn ich für mich und mein Recht einstehe, egal auf welche Art, habe ich verloren. Entweder bin ich für mich hässlich oder für andere. Entweder verliere ich mich oder andere(s).

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Mein Dilemma, seit ich Kind bin.

(Nur falls sich jemand fragt, so wie ich die letzte Stunde, weshalb mich eine unzuverlässige Spedition so aufregt. Schwarz auf weiß, nur für mich.)