19022018.

Ich habe gerade – kurz, wirklich nur ganz kurz – die Schlagzeilen zweier großer deutscher Zeitungen überflogen. So kurz, dass es nur für die Überschriften sowie einmal schnell runterscrollen gereicht hat. Der Gedanke, der dabei in mir aufkam, war „Scheiße, das geht alles den Bach runter.“ verbunden mit einer immensen Angst und dem Gefühl von Hilflosigkeit, wo anfangen und welchen Brand zuerst löschen.

Ich habe alles weg geklickt und nichts gelesen. Keine Analyse, keine Facts, keine Berichterstattung und erst recht keine Kolumne oder sonstige Meinung. (Es wird eh zuviel gemeint.)

Mein Nachrichtenkonsum ist auf ein Mindestmaß reduziert. Hin und wieder ein Ereignis via Twitter, da ein Bröckchen im Radio, dort ein Gesprächsfetzen oder doch eine Schlagzeile. Es ist mir fast peinlich es zu äußern, in einer Zeit wie der unseren, aber ich bin so apolitisch und desinteressiert wie noch zu keinem anderen Zeitpunkt in meinem Leben. Und – viel schlimmer – es geht mir gut dabei.

Die Panikmache, das hysterische Geblubber, die fortschreitende Ängstlichmachung der Welt, die wachsende Unmündigkeit der Menschen, sei es aus Ignoranz oder einem Mangel an Herzensgüte, die Belehrungen, der Mangel an Freigeistern, an Freidenkern und an Freiheit. Es kotzt mich an.

Deswegen ziehe ich mich zurück, ins unpolitische Private. Womöglich ist es ein Fehler, womöglich befeuert solch ein Verhalten die aktuellen Entwicklungen. Ziemlich sicher ist dem so. Nicht weil speziell ich mich verweigere, nein, ich beobachte, dass andere ebenfalls ähnlich denken und handeln. Als gebe es derzeit nur die Extreme zur Auswahl, entweder oder.

Manchmal wäre ich gerne das andere Extrem, die Aufbegehrende, die Revolution tragende. (Hallo Hybris, alte Freundin!) Allein mir fehlen die Kraft und der Mut, das, auch nur in Teilen, zu tragen. Dazu müsste ich jedoch der Angst in die Augen schauen und ich weiß nicht, ob ich das kann.

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Habt Mut.

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17022018.

Heute früh auf dem Weg zur Arbeit sind die Pferde mit mir durchgegangen. Ich habe meine Wut in einer Kurzschlussreaktion nach außen gekehrt und wurde prompt von der Polizei angehalten. Eine eigentlich harmlose Situation, die ganz dumm gelaufen ist und die mich den Tag über sehr beschäftigt hat. Wenn der Karmabumerang nicht zu Ende geflogen ist, kann es noch richtig teuer werden.

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Entsprechend angespannt war ich heute und konnte dem Wahnsinn, der aktuell bei der Arbeit tobt, nicht ganz so gelassen entgegen treten wie es nötig gewesen wäre. In viereinhalb Stunden mussten daher eine Packung Schokokekse und zwei große Tassen Kaffee daran glauben. Die neu in das Tagesgeschäft integrierte Inhaberin bringt vieles durcheinander, was von den alteingesessenen Kolleginnen entweder mit Feuereifer umgesetzt oder mit norddeutscher Sturheit ausgesessen wird. Das kollidiert doch sehr miteinander.

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Der Mann ist krank, der Hund in der Pubertät. Überhaupt ist in China der berühmte Sack Reis umgeplumpst, der Mond steht zudem schief zur Erdachse und der Himmel ist uns längst auf den Kopf gefallen, ohne dass wir es bemerkt haben. So eine Woche ist das.

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Läuft schon irgendwie.

12022018.

„D., wenn du unzufrieden bist, dann ändere es einfach. Dann mach es, auch Disziplin kann man üben. Steh morgens früher auf.“

Und wenn ich es nicht mache, hasse ich mich wieder ein Stückchen mehr, weil ich erneut versagt habe.

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Einfach machen.

08022018.

Tage, an denen die Sonne scheint und ich doch nur die Schatten sehe, die die Realität wirft. An denen ich in den Himmel schaue und die schwarzen Äste der Bäume wahrnehme, die wie aufgerissene Wunden vor dem Blau wirken.

Tage, die so klar sind, dass ich ihre Schärfe spüren kann als schnitten sie mich auf. Die mich in Watte hüllen, um mich vielleicht zu schützen, und dabei in Isolierhaft nehmen, weil die Worte fehlen, um die Hülle zu sprengen und jedes ist doch eines zu viel.

05022018.

Der Mann machte sich heute früh auf zu einer 5tägigen Geschäftsreise Richtung Ungarn. Der Hund und ich waren bzw sind noch unentschlossen, was wir davon halten sollen, so ganz wohl fühlen wir uns aber beide nicht. Ich hänge in der Luft, weil mir mein Freund und Partner und eben der Mensch fehlt, mit dem ich am liebsten Zeit verbringe. Der Hund hängt mit, weil er merkt, dass Frauchen hängt und so hängen wir beide halt so rum. Hinzu kommt, dass mir die ca 200qm Haus so alleine einfach noch nicht geheuer sind. (Entsprechend schläft das Vieh diese Woche mit im Bett im Schlafzimmer.)

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Der Arbeitgeber des Mannes hat uns außerdem zwischendurch einen Gutschein für eine Kochbox spendiert – nicht h*llofr*sh, die haben wir schon vor zwei drei Jahren getestet und dabei als unsympathisch, übertrieben teuer und unpraktisch befunden – diesmal heißt der Anbieter koch*haus und des Mannes Firma war so großzügig zweimal Essen für eine 4köpfige Familie zu finanzieren, was darauf hinausläuft, dass wir gefühlt eine Woche durchfuttern können, vorausgesetzt die Kochbox liefert normalverfressene Mengen. Die Rezepte sind für unsere Verhältnisse eher „exotisch“, was allerdings eher auf die Seltenheit denn auf den Geschmack bezogen ist.

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Mich treibt meist wenig an, aber öfter vieles um. Derzeit ein Interview mit Uma Thurman, in dem sie schildert, wie vielgestaltig Missbrauch in Erscheinung treten kann. Es geht um Weinstein, aber auch um Tarantino und es bestätigte sich, was ich schon ahnte, dass ein derartiges Oeuvre nicht einfach so aus dem Nichts entsteht und ohne Wurzeln im Raum schwebt, sondern, dass es sich (wohl unter anderem) aus dem Wesenskern des Schaffenden nährt. Kunst und Künstler stumpf zu trennen funktioniert nicht, kann für mich nicht funktionieren, ist beides doch über den Lebenslauf zwangsweise miteinander verknüpft. Auch ein Ignorieren ist für mich falsch, degradiert es die missbrauchte Frau nur erneut und beraubt sie ein weiteres Mal ihrer Würde, indem ihr Leiden nicht anerkannt wird. Es kann nur weitergehen, indem die Rezeption erweitert wird, indem ein Werk zusätzliche Schätzung erfährt, weil gewürdigt wird, was dafür von den Frauen ertragen und getragen wurde. Nicht nur bei Kill Bill, auch bei Frida und etlichen anderen Filmen. Frage: hat Leid einen Nutzen? Wozu war ihr Leid nützlich, wenn wir jetzt das Werk boykottieren, und damit auch ihren Anteil daran?

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Janusköpfige Argumentation.

31012018.

In den letzten Tagen habe ich viele Texte geschrieben, hasserfüllte, verbitterte, wütende, leidende, alle in meinen Gedanken, keinen verschriftlicht und erst recht keinen veröffentlicht. Das bin ich nicht, das will ich nicht sein. Mit Ruhm habe ich mich nicht bekleckert in dieser Familiengroteske, die anderen jedoch auch nicht, so gleicht sich alles aus und bleibt in waage. Mit Bravour haben wir unsere seit Beginn der Familiengeschichte festgelegten Rollen gespielt, es braucht noch ein bisschen mehr diese aufzubrechen.

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„Nein“ zu sagen hat mir gut getan, wenn ich auch in Art und Weise sowie Durchführung für die Zukunft noch Verbesserungsbedarf sehe. Der Gedanke, dass Liebe nicht nur bedeutet, es anderen Recht machen zu wollen, sondern in erster Linie auch es mir selbst Recht machen zu dürfen, ist ungewohnter als ich dachte. Zu dem Themenbereich gehört auch Selbstschutz, stelle ich fest, und dazu wiederum gehören Funkstille und blockierte Rufnummern. (Nein, einfach oder gar schön ist es nicht, es quält mich aber auch nicht zu Tode. Mein Bruder merkt dies frühestens zu seinem Geburtstag im Dezember, meine Mutter in 2 oder 3 Wochen, wenn das monatliche Telefonat anstünde.)

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Rückendeckung bekommen. Mich nicht alleine gelassen gefühlt. (Es gibt da noch sowas wie eine Wahlfamilie, die Aufenthalte dort sind in solchen Situationen energiespendend, weil unterhaltsam, gesellig, lustig und nicht alltäglich.)

25012018.

Dieses Grundstücksthema, das seit gestern in unserer Familie rumgeistert, hat das Potenzial, dass wir uns alle verkrachen könnten, wenn wir wöllten, was wir zwar nicht tun, wobei wir nichtsdestotrotz sehr vorsichtig agieren müssen. Es hat sich nämlich in Telefonaten mit meiner Schwester und meinem Bruder herausgestellt, dass das alles nicht so ganz einfach wird. (Einfach formuliert.)

Meiner Schwester war bislang nicht klar, um wie viel Geld es tatsächlich geht. Sie will das Grundstück jedoch haben, weil sie es nicht bewirtschaften will. Sie plädiert für Status quo belassen bis die Eltern irgendwann sterben. Das verschiebt das Problem zeitlich nach hinten. (aus den Augen, aus dem Sinn.)

Meinem Bruder war immerhin klar, dass das nur ohne größere Kalamitäten abgeht, wenn meine Schwester und ich unser Okay geben. Ihm war nicht klar, dass ich damit nicht einverstanden sein könnte. Er akzeptiert eine andere Lösung nur unter folgenden Bedingen: kein Verkauf, keine Erbengemeinschaft, es darf nicht verwildern. Zudem behält er sich vor, sich einzumischen, wenn das besitzende Geschwister das Grundstück doch irgendwann verkaufen will. (Alter, seriously?!) Er plädiert für Abwarten.

Mir war bislang nicht klar, dass meine Eltern vollendete Tatsachen formuliert haben, wo noch keine sind. (Hier kommt wieder mein Gefühl des Übervorteilt-werdens ins Spiel: ach, was soll die Kleine schon dagegen haben?) Mir war ebenfalls nicht klar, dass ich das Grundstück als Anlageobjekt sehe und es meinem Bruder alleine nicht gönne (jaja, ich bin ein schlechter Mensch – deal with it!), sondern es zu gleichen Teilen für uns Drei haben möchte. (Überraschung!) Zudem war mir nicht klar, dass das Grundstück bewirtschaften werden soll, sprich nicht verwildern soll. (Zitat „Da kannst du dich aber nicht davon freikaufen!“)

Klar ist auch, dass meine Eltern das handhaben können wie sie möchten. Sie sind die Eigentümer und wir können noch so sehr uneinverstanden sein, letzten Endes ist es ihre Entscheidung. (Außer mein Bruder lehnt ab. Eher friert die Hölle zu.)

Ich habe nun für mich folgendes herausgefunden (man wird ja schlauer bei sowas, immerhin!):
– Meine Geschwister und ich sind ganz schlecht darin, gemeinsame Lösungen zu finden, die wirklich ergebnisoffen sind, also ohne vorherige Bedingungen. Wir haben es nie gelernt, aufgrund eines zu großen Altersunterschiedes zwischen mir und ihnen sowie aufgrund der Dynamiken zwischen meinen Geschwistern.
– Es ist die Art und Weise meiner Eltern, es allen recht machen zu wollen. Dazu gehört, dass mein Bruder vor langer Zeit mal äußerte, er wolle dieses Land haben, und dazu gehört, dass ihm das vor dem Großen Sterben „zugeschustert“ wird (böse formuliert). Dass allerdings keine benachteiligt wird, werden die Töchter nun ausgezahlt. So äußert sich die Liebe unserer Eltern.
– Es besteht die entfernte Möglichkeit, dass aus diesem Grundstück Bauplatz wird. Dann steigt der Wert in der Gegend locker um das 50- bis 100-fache. Ich will UN.BE.DINGT (!), dass bei einer eventuellen Überschreibung auf einen Einzelnen eine Option für die anderen Beiden bei Verkauf eingetragen wird. (Angst vor Übervorteilt-Werden, you see? Sie können mich jetzt als „geldgeile Alte“ beschimpfen, aber es werfe den ersten Stein, wem es anders ginge.)
– Ich halte die ganze Aktion meiner Eltern für kompletten Bullsh*t. Meine Mutter möchte mit allem Willen kontrollieren, was sie meint noch kontrollieren zu können und will partout durchsetzen, was sie sich in den Kopf gesetzt hat. (Das ist seit einiger Zeit auf ganz vielen Ebenen verdammt anstrengend.)

Ich bin in dieser Situation gezwungen, etwas ganz neues zu tun: vor meiner Familie für mich und meine Bedürfnisse einzustehen. Mich selbst nicht zu verleugnen, sondern zu äußern, wie es mir geht und was ich will. Bislang habe ich mich da ja erfolgreich drum gedrückt, jetzt wird es ernst. (Versuchen Sie dabei nicht zu heulen und keine Wutanfälle zu bekommen, sondern fundiert und sachlich zu bleiben, dabei auf die Gefühle der anderen einzugehen, um nicht wieder als „die Kleine“ ignoriert zu werden. Heidewitzka. Ich brauch ’nen Schnaps!)

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In der Ruhe liegt die Kraft.

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Nachklapp: Das Thema ist eskaliert. Zwischen meinem Bruder bzw seiner Frau und mir sowie mir und meiner Mutter. Erst wollte ich diesen Text offline stellen, aber…nun, ich will zumindest hier meine Wahrnehmung stehen lassen und gesehen wissen. Aktuell sieht es so aus als sei ich die Nächste, die mit einem anderen Familienmitglied auf längere Sicht nicht sprechen wird. (Hochmut und Stolz sind die Fallstricke unserer Familie.)