Cheshire Cat.

​Die Zufriedenheit breitet sich in meinem Leben aus. In meiner Vorstellung ist sie eine dicke träge Katze, die sich wohlig schnurrend heran rollt und sich auf meinen Schoß legt. Sie wird sich breit machen, ihre Krallen in mich versenken und liegen bleiben. It’s a state of mind. Ich lasse das Gefühl einsickern, versuche es zu speichern, um mich später erinnern zu können. Es schwingt Hoffnung mit, und der warme wohlige Geruch von Kaffee mit einer Prise Zimt. Eine Gedankenübung, die glücklich macht. Und die Vorstellung, dass je öfter ich diese Übung wiederhole, desto länger bleibt sie bei mir, die Zufriedenheit, in mir und um mich herum. Wie so eine dicke Katze und ihr Schnurren.

Kosmetische Maßnahmen.

Woher die Energie nehmen, um aus diesem Loch herauszukommen? Wie Münchhausen sich selbst aus dem Sumpf ziehen, ist fast nicht machbar. Das bisschen Energie und Motivation, das noch vorhanden ist, muss schon für den Alltag ausreichen. Für Aufstehen, Anziehen und einmal am Tag wenigstens rausgehen. Es muss ausreichen, um das bisschen Schönheit der Welt nicht nur zu entdecken, sondern auch anzuerkennen und nicht nur schulterzuckend drüber hinweg zu sehen. Die Energie muss reichen, um noch gemeinsam mit dem Mann zu kochen und nicht gleich bei der ersten Erwähnung der eigenen Situation in Tränen auszubrechen. Das über-Wasser-halten, den Kopf hochzuhalten und nicht ganz einzubrechen, dafür ist der meiste Energieaufwand nötig. Der Rest ist Kosmetik.

Prophezeiung, selbsterfüllend.

Es ist eine neverending story. Ich bewerbe mich, genauer: ich sitze und recherchiere Stellenangebote, auf die ich mich am Ende nicht bewerbe, weil ich denke, dass mich sowieso niemand will. Das Problem dabei ist, dass die meisten Jobs, die ich finde und auf die meine Qualifikationen einigermaßen passen, mich schon beim Durchlesen regelrecht anöden, dass meine mangelnde Begeisterung und die mittelmäßige Überzeugung sich auch in meinem Anschreiben durchschlagen und meine Bewerbung – und damit ich – für die Arbeitgeber tatsächlich unattraktiv wird, weswegen ich dann wieder ein Absage erhalte. Es ist ein Teufelskreis. Jetzt fragt man sich natürlich, wieso und weshalb ich mich für etwas qualifiziert habe, das mich anödet? Die Antwort: Damals haben mich die damit verbundenen Themen sehr interessiert und ich agierte nach bestem Wissen und Gewissen in dem Glauben, dass das Bereiche sind, in denen ich arbeiten will. Das hat sich bis zu einem gewissen Grad bestätigt und gleichzeitig geändert. Die Krux, der Hase im Pfeffer, die Achillesferse an der Sache: ich weiß nicht, was ich will. Allerhöchstens kann ich noch formulieren, was ich nicht will, aber das Meiste ist irgendwie vage und ungenau und – ach, ich bin dieses ganze Konglomerat rund um Arbeit, Job, Beruf und Berufung mehr als leid. Ich beneide und bewundere Menschen, die eine Leidenschaft haben, der sie folgen können wie einer Kompassnadel. Ebenso neide ich mittlerweile jedem Durchschnittsmenschen den Durchschnittsjob, mit dem einfach Geld verdient werden kann – einfach so irgendwas zu machen, empfinde ich als so leer und unerfüllend, dass ich die letzten Male entweder psychisch oder physisch krank geworden bin. „Stell dich nicht so an“, mögen jetzt die meisten denken oder sagen, ein Spruch, den mir Eltern, Partner und Freundinnen schon an den Kopf geklatscht haben, von dem aber mittlerweile zumindest ein Teil einsieht, dass diese Verhaltensweise bei mir mehr Schaden anrichtet als Nutzen bringt. Mittlerweile leben wir zudem nicht mehr im schön günstigen Osten der Republik, sondern im wesentlich teureren Nordwesten – der Mann kann (und will – zu Recht!) mich nicht mehr länger unterhalten, Anspruch auf staatliche Unterstützung habe ich nicht, ich selbst mache mir Druck endlich etwas Neues zu finden. In mir drin herrscht daher momentan (mal wieder) die absolute Überforderung und ich frage mich, wie ich mit all dem fertig werden soll. Vorgehensweisen und Pläne habe ich, die Sperre in mir drin jedoch ist immens, das Gefühl in dieser Gesellschaft fehl am Platze zu sein fast unüberwindbar. Mehr als weitermachen und dabei hoffen, dass ich die eine Entscheidung treffe, die die Lage entspannt und alle inneren und äußeren Lager zufrieden stellt, bleibt mir zurzeit nicht.

Auffahrunfall.

​Das Bild, das uns social media von Anderen vermittelt ist ein sonniges: ständiges Lächeln, gutes Aussehen, toller Partner, eine Hochzeit, dazu noch Nachwuchs und ein Hund. Mein Haus, meine Yacht, mein Leben. An guten Tagen weiß ich nicht nur, es ist mir bewusst, dass auch bei diesen Menschen nicht alles eitel Sonnenschein ist, dass auch sie zweifeln, dass auch sie sich streiten, krank werden oder irgendwas nicht so läuft, wie sie es sich wünschen. An schlechten Tagen spiegeln sie meinen Auffahrunfall. Sie sind nicht das Licht am Ende des Tunnels á la „bei dir wirkt es auch so, alles ist gut“, sondern sie sind der Grund weswegen ich gegen die Mauer fahre. Wieso ausgerechnet haben die es so leicht? Wieso genau ist es bei denen so einfach? Wo sind deren Sorgen? Gefühlt bin ich die Einzige, die mehr mäandert als dass sie Erfolge verbucht. Das Leben als eine Aneinanderreihung beliebiger Banalitäten lebt und sich von inneren Zweifeln auffressen lässt. Meine sich dann stellende Herausforderung lautet: Eigentlich mag ich es, wie ich mein Leben gestaltet habe. Aber uneigentlich zweifle ich, will noch mehr. Ein „jetzt gib dich doch mal zufrieden damit wie es ist“, wie es mir anerzogen wurde, reicht mir nicht. Doch (noch) mehr zu wollen fühlt sich anmaßend an. Wer kann denn noch mehr als Gesundheit, Partnerschaft sowie Sicherheit und Wohlstand wollen? Wie kann man nur so unersättlich sein, wie den Hals nicht voll genug bekommen können, wie so anmaßend sein? Es scheint mir wie eine Herausforderung des Schicksals.

Sprachlosigkeit.

Aus mir heraus dringt Sprachlosigkeit. Diskussionen gehe ich aus dem Weg oder lasse sie verbal dominierend verstummen. Mitgefühl findet in meinem Herzen statt, in meinem Denken, meinem Bauchgefühl. Es übertritt nicht die Schwelle, die meine Lippen bilden. Die Gedanken wirbeln in mir, es entstehen synaptische Verbindungen zu eigenem Empfinden und zu eigenem Erleben. Beides ist fehl am Platz, ob der Hilflosigkeit darüber, dass ich Situationen nicht zu ändern vermag. Oh, wie sehr ich mir wünsche, Lebensläufe umschreiben zu können. Menschen vor dem Leiden bewahren zu können. Der Sturm in mir lässt mich schwer atmen, lässt sich nur beruhigen indem ich bewusst anleite wie ich atme, um Knoten zu lösen und das Drängen zu beruhigen. In meinem innersten Kern weiß ich, bin ich überzeugt davon, dass Leiden unabdingbar ist, um Liebe und Mitgefühl erlernen und (er)leben zu können. Ohne Nacht würden wir den Tag nicht erkennen. Ohne Trauer nicht die Lebensfreude. Was mir bleibt, ist eine neue Lesart zu üben. Zu beobachten, wie viel Liebe und Mitgefühl die dunkelsten Stunden auslösen können und diese Silberstreife in mir zu verwahren. Und bei Gelegenheit weiterzugeben.

Übergangszeit.

In 11 Tagen ziehen wir vom einen Ende der Republik ans andere Ende, diesmal die norddeutsche Version. Nun ändert sich alles wieder schneller als zunächst erwartet. Ich kann diesen Übergangszeiten wenig abgewinnen, sie verlangen mir ein Höchstmaß an Anstrengung und Energie ab, das für mich schwierig aufzubringen ist. Die Kisten packen sich am besten in kleinen Einheiten, alles auf einmal ist zu viel. Zudem lässt mich eine fiebrige Erkältung in der Luft hängen – atmen, sprechen, erst recht denken fällt mir schwer. Also versuche ich zu funktionieren, meine Ungeduld, die alles auf einmal und sofort möchte ebenso im Zaum zu halten wie die selbstverleugnerischen Kräfte in mir, denen nichts gut genug ist und die Perfektion erwarten. Es wird gehen und es wird gut werden. In diesem Fall gilt: ich mache es mir einfach. Weswegen wir auch ein Umzugsunternehmen engagiert haben, das die schlimmsten Aufgaben übernehmen wird. Der Mann ist im Gegensatz zum letzten Mal vor Ort und nicht bereits im neuen Leben, dementsprechend ist er mein Sicherheitsnetz. Wir werden noch einmal Prag besuchen, die Goldene, um es uns gut gehen zu lassen und unsere Seelen auszulüften. Es wird.

Sozialisierung.

Es gibt Synapsenverbindungen in meinem Kopf, über die bin ich immer wieder aufs Neue fasziniert. Und bei vielen entdecke ich erst nach Jahren, wie sie geknüpft wurden, was sie auslösen und was ich da eigentlich mit mir herumtrage. Ein gelesenes Fragment wie „Unser täglich Brot gib uns heute“, das ich stante pede in Gedanken mit „und vergib uns unsere Schuld“ ergänze. Es fällt wie ein Puzzleteil in eine Reihe anderer Versatzstücke wie „nicht geschimpft ist genug gelobt“, die mich wütend machen, die mich aufwühlen, die mir die Frage stellen, wie zum Teufel ich eigentlich erzogen wurde? „Uns hat das auch nie geschadet.“ Doch, hat es. Es mag an der Zeit gelegen haben, in der meine Eltern (Jahrgänge 1938 und 1941) aufgezogen wurden, an der Zeit, in der ich selbst (Jahrgang 1984) aufgewachsen bin. Es kommt viel durch von Überlebenmüssen, Pragmatismus, gesellschaftlicher Anpassung – „damals war das so“. „Das hat man halt so gemacht.“ Was geht in einer Gesellschaft vor sich, die ihren Kinder beibringt, dass sie von vornherein schuldbehaftet sind? Was waren sind das für Generationen, die nicht in der Lage waren sind, positive Gefühle zu artikulieren und stattdessen lieber schweigen? Wer sind wir, das wir das noch immer übernehmen und weitergeben?