try, fail, try again, fail better.

Ich habe mein Mutigsein verloren, auch meinen Übermut. Entscheidungen werden verschoben, hinausgezögert oder gar nicht erst getätigt. Im Hinterkopf ein ständiges Was-wäre-wenn und Dann-das-auch-noch und Ohje-aber-ach und Man-sollte-könnte-hätte-würde.

Keine Entscheidungen entsprechend für mich. Kein Nägel mit Köpfen. Dabei waren die Ideen, die mir das Herz kurz stocken ließen, im Nachhinein mit die besten.

Ich beginne wieder mir in Erinnerung zu rufen, dass es nicht nur bedenklich-betrübliche Was-wäre-wenns in einer Entscheidung gibt, sondern auch bedenkenswert-vergnügliche. Die, um die ich mich bringe, wenn ich meiner Angst nachgebe.

Beispielsweise das Januarlicht in Helsinki, das ich vor zehn Jahren verpasst hätte.

Oder diesen einen Kuss.

Die beste Freundin in meinem Leben, hätte ich auf ein „man verhält sich nicht so“ gehört.

Das Studium, das erfolgreiche und auch das andere. Der damit einhergegangene Wahnsinn.

Die Umzüge in andere Städte, und die Architektur. Ach, diese Säulen und Muster, die Bilder und die Schatten, diese Formen, die Vergänglichkeit.

Dieser eine spontane Stadionnachmittag in der Wintersonne, als das Verlieren nicht schlimm war.

Und dieser andere Kuss.

Diese Entscheidung, mich selbst besser kennenlernen zu wollen.

Und erwähnte ich schon das Licht in Helsinki? So wenig davon, aber so wunderschön.

Oder die Farben auf Sizilien, dieser ockerrote Boden, das Silber der Olivenbäume, der gleißende Himmel.

So viele Erlebnisse und Erfahrungen, so klein manchmal und dabei riesengroß. So viele Rückschläge. Irgendwo zwischendrin verlor ich mich und mein Übermütigsein. Ich war ein mutiges Mädchen, jetzt wird es Zeit eine mutige Frau zu sein.

 

geträumt. 

Vor einigen Tagen träumte mir von angenähten Rabenfedern zwischen den Zehen des linken Fußes und Drachenschuppen, wie Miesmuscheln gefärbt und ebenso aufklappend, unter der Sohle, an ihr senkrecht befestigt. Eine ungewünschte Modifikation meines Körpers mit Nähten, aus meinem Haar gefertigt, einzeln verarbeitet. Nur mit Mühe konnte ich sie lösen. 

Das Gefühl des Widerstands unter meiner Sohle und eine innere Anspannung, eine Art Krampf in den Muskeln und Nerven meines Beines, aufgrund der unmöglichen Belastbarkeit verfolgen mich bis in die Tagesstunden. 

Die Erinnerung an das Bild des Alptraumes lässt mich nicht schlafen. Und zwischendurch fasse ich immer wieder an meinen Fuß, mich zu überzeugen, dass da wirklich nichts ist. Dass die Fußsohle weich und die Haut unberührt ist. 

Freiheit zur Entscheidung.

„Das Politische ist privat. Und das Private ist politisch.“

Triggerwarnung:
Es geht um Feminismus, Diäten und meine vollkommen persönliche Meinung dazu. Wer das nicht aushalten kann, möge diesen Artikel jetzt und für immer schließen.

***

Diskussionen in sozialen Medien, ein Unding unserer modernen Zeiten. (Die Autokorrektur schlägt mir hier „modernden“ vor, ja mei.)

Person A hat ein Buch geschrieben, Thema „Diät“. Die Personen B, C sowie X und Y finden dies bedenklich, die Personen  L, M, N, O, P folgen den Ratschlägen und sind glücklich, Person T schreibt eine Rezension und zerreißt das Geschriebene und alle restlichen Personen des Alphabets diskutieren heiter mit.

Was auffällt: bei allen oben genannten Personen handelt es sich um Frauen.

Und um Himmels Willen, hat das weibliche Geschlecht keine anderen Sorgen, als ausgerechnet über Diäten zu streiten?! Dabei geht es ja nicht mehr nur um das schlichte Pro und Contra, nein, es geht in der erweiterten Diskussion um body acceptance, um fat acceptance, um das Bild von gesunden oder nicht-gesunden Körpern, um nur wenige Stichworte zu nennen. Es geht um Muster, die uns sozial, patriarchal, medial, wie-auch-immer eingepflanzt wurden und die nun zu diesem oder jenem Diät-Verhalten oder Diät-Nicht-Verhalten geführt haben mögen oder nicht. [¹] Dabei wird gewertet und bewertet, was das Zeug hält: die fette Kuh, die dürre Ziege, es wird hämisch gelästert, Zwinkersmileys zeigen überdeutlich die zweite herablassende Ebene des Geschriebenen und wie viel schlauer frau selbst doch ist.

Und auf die geneigte Betrachterin wirkt es, als seien alle Kapazitäten des weiblichen Geschlechts ausschließlich mit diesem Thema befasst: mit Diäten, mit Fressen, Nicht-Fressen und Gefressen-Werden. Und wir wundern uns, dass wir mit dem Feminismus nicht weiterkommen. Dass es noch immer eine gläserne Decke gibt, dass wir noch immer zu wenige Frauen in der Wirtschaft und in der Politik und in der Wissenschaft haben, und dass diese wenigen nicht weiter kommen. Wie denn auch? Unsere Kapazitäten zur Diskussion werden von Diäten gebunden.

Haben Sie mal einen Mann über eine Diät reden hören? Nein? Ich auch nicht.

Ich wundere mich nicht mehr. Ich rege mich gerade auf.

Meinen Sie ernsthaft, mit derartigen Diskussionen werden wir mit unseren Anliegen ernst genommen? Seriously? Die Herren der Welt lachen sich ins Fäustchen und machen ihr Ding weiter, namentlich derzeit die Weltherrschaft auszuüben. Feminismus? Ha, die Weiber bekämpfen sich auf Nebenschauplätzen. Die Eine zerfleischt die Andere und jede behauptet – explizit oder implizit – im Namen des Feminismus Recht zu haben, wenn sie der Anderen ihre Entscheidung abspricht.

Ganz ehrlich? Soll doch bitte Jede so viel oder so wenig essen, wie sie will. 500 Kalorien oder 5000 am Tag. Fresst oder hungert euch zu Tode, sterben müssen wir eh alle. Wählt bitte die Art und Weise, die euch für euch am passendsten scheint. Ernährt euch ausschließlich von Ananas oder von Blumenkohlsuppe, macht es wie die Steinzeitmenschen oder wie die Franzosen in den 80ern, Friss-Die-Hälfte-Und-Kohlenhydrate-Nur-Nach-20Uhr, seid fett und glücklich, seid dürr und unzufrieden oder auch genau andersherum. ES. IST. MIR. EGAL. Denn: es ist eure Entscheidung. [*]

Nur: respektiert die Entscheidung der Anderen. Bedingungslos.

Darum geht es nämlich im Feminismus: Wir kämpfen für unsere Entscheidungsfreiheit. Wir kämpfen dafür, uns von sozialen, patriarchalen, sonstigen Mustern freizumachen und endlich mal selbst entscheiden zu können, was wir eigentlich wollen. Unabhängig von moralinsauren Kommentaren, gesellschaftlichem Dünkel und pseudosozialen Strukturen. Wir wollen die Gesellschaft ändern. Und das dann gefälligst auch durchziehen.

Darunter diskutiere ich nicht mit Ihnen. Für weniger stehe ich morgens nicht auf, und für weniger kämpfe ich nicht.

Da habe ich keine Zeit für verdammte Diäten, und schon gar nicht dafür, dass mir Person A, B und C sowie X und Y und Z auch noch Gegenwind geben. Es ist anstrengend genug im Alltag feministisch zu leben. Solidarität, meine Damen! [²]

Ich entscheide, ob ich zuhause bleibe. Ich entscheide, ob ich Karriere in Wirtschaft, Wissenschaft oder Politik mache. Ich entscheide, ob ich einen Hund oder ein Kind will. Ich entscheide, ob ich 3 Hunde und 5 Kinder habe. Ich entscheide, ob ich mit einem Mann, einer Frau, beiden oder einem anderen Geschlecht zusammen lebe. Ich entscheide, ob und wie wohl ich mich in meinem Körper fühle. Ich entscheide, was und wie viel ich meinem Körper zuführe. Ich entscheide, welche Gestalt ich meinem Körper gebe. Ich entscheide, wie ich mich kleide, wie ich mich ausdrücke, wer ich bin.

Ich entscheide. Ich erwarte deine Unterstützung, Schwester!

Ich gebe dir meine schließlich auch.

Wenn wir das alle so akzeptieren, dann können wir ja jetzt wieder über etwas anderes als über Diäten diskutieren.

***

[¹] Ich finde diese Diskussionen grundsätzlich wichtig. Um Muster gleich welcher Natur durchbrechen und ändern zu können, muss man sie zuerst erkennen, außerdem benennen und schließlich noch reflektieren können.

[²] Mir ist durchaus bewusst, dass ich mit diesem Beitrag genauso Gegenwind gebe. Irgendwas ist ja immer. ¯\_(ツ)_/¯

[*] Dies ist keine Aufforderung, eine dieser Methoden auszutesten, sondern es sind extreme Beispiele zur Veranschaulichung. 

zwischendurch.

Es ist ruhig geworden.

Noch immer habe ich einen Tinnitus auf den Ohren, der manchmal lauter und manchmal leiser wird. Er zeigt mir deutlich, dass der Stress, den ich habe, aus meinem Inneren kommt. Dass ich mich selbst unter Druck setze, Erwartungen zu erfüllen, von denen ich glaube, sie müssten von mir bedient werden.

Die andauernden Kopfschmerzen haben nachgelassen. Eine Migräneattacke zog mich vor einiger Zeit allerdings so konsequent aus dem Verkehr, dass ich nicht mehr wusste, wo oben und unten war, was nach innen, was nach außen gehörte. Wortwörtlich.

Seither wird von des Mannes Seite noch penibler auf Wasserzufuhr und ausreichend Schlaf geachtet.

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Ich nähe.

Es ist wie Meditation. Als wüssten meine Hände und Finger genau, was sie machen müssen. Plötzlich sehe ich unter dem Licht der Nähmaschine die Hände meiner Mutter: schmal, sehnig, schaffig (wie man bei uns in der Familie sagt), immer in Bewegung. Sie sind die Essenz meiner Mutter, die ich immer mit ihr in Verbindung bringen werde. Wie sie mit diesen Händen gestikuliert, wie sie mit diesen Händen meine Füße auf einzigartige Weise streichelt, wie sie malt und näht, wie sie damit im Garten arbeitet.

Und zum ersten Mal seit langem denke ich dabei, das könnte ich für immer machen. Es wäre schön, wenn es dabei so leicht bleibt.

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Zudem schreibe ich.

Allerdings – ach, es fehlt die Traute. Selbst, um hier davon zu erzählen. Kurzgeschichten, Erzählungen, so in diese Richtung. Damit einhergehend: körperliche Reaktionen, heißkalt, schweißnass, und eine Art „Woaaaahwasmachichhiereigentlich?“. Verrückt.

Deswegen auch nur selten, öfter Mut dafür haben wäre schön.

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Überhaupt: Mut haben. Mehr Abenteuer erleben.

 

Amüsement.

Sehr amüsiert hat mich heute die Tatsache, dass durch das Gerichtsurteil im Fall türkisches Staatsoberhaupt vs. deutscher Satiriker, die Verbreitung der Bezeichnungen „Schrumpelklöten“ und „Schweinefurz“ zwar untersagt wurde, diese dabei jedoch nichtsdestotrotz stündlich im Radio und in anderen klassischen Medien zitiert wurden, und somit nicht nur meine Internetbubble und die einschlägige Zielgruppe den exakten Wortlaut kennen, sondern beispielsweise nun auch meine alten Eltern. 

Zitat Papa: „Ha, wenn’s doch wahr ist.“

Ob das im Sinne des Klägers war?

es fügt sich.

Am vergangenen Freitag schrieb ich meine Kündigung. Zeitgleich kam der Mann nach Hause und brachte die Arbeitgeberkündigung. Immerhin sind wir uns einig. Etwas verstimmt bin ich ist mein Stolz allerdings doch: ich wäre dem Arbeitgeber gerne zuvorgekommen. Dennoch überwiegt das Gefühl der Erleichterung.

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Heute dann erneuter Arztbesuch und eine Krankschreibung für die nächsten vier Wochen erhalten. Die Hausärztin, die letzte Woche im Urlaub weilte, war erschrocken, wie sehr ich mich verausgabt hatte und dass ich schon beim erzählen in Tränen ausbrach. Sie verschrieb mir viel Ruhe und jeden Tag ein schönes Erlebnis.

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Meine Gedanken kreisen in den letzten Tagen viel um meine Mutter und meine Schwester, deren Halbtagstätigkeit von mir in jüngeren Jahren überwiegend als Schwäche ausgelegt wurde. Jetzt wechselt die Perspektive und ich sehe, wie sie dadurch auch für sich selbst und ihre Familien Sorge getragen haben – trotz aller Belastung. Und dabei meine ich nicht, dass sie ja mehr Zeit für Hausarbeit und Kinderversorgung hatten, nein, die beiden haben damit auch für ihr persönliches Wohlbefinden gesorgt. Seelenbetüddelung sozusagen, die eigenen Interessen verfolgt, die Hobbies und Bekanntschaften gepflegt, sich um sich selbst gekümmert. Ich glaube, hätte ich das nicht miterlebt, wie die beiden sich um ihre Seele gekümmert haben, wäre ich nicht in der Lage meine Gesundheit über mein Verantwortlichkeitsgefühl zu stellen bzw. es wäre mir noch schwerer gefallen als eh schon.

Und es fällt mir schwer. Allein der Gedanke, dass ich mal wieder erzählen muss, dass ich schon wieder keinen Job habe, dass ich aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr weitermachen kann, dass es so unbestimmte Krankheiten sind, dass ich mir die nicht einbilde, dass ich mich nicht noch mehr zusammenreißen kann und dass ich noch nicht weiß, wie es weitergeht und blablablablubbblubbblubb.

Überhaupt: reiß dich zusammen, leg dir ein dickes Fell zu, stell dich nicht so an. So lange du nicht tot bist, ist es nicht schlimm. Doch, es ist schlimm. Es ist so schlimm, dass ich abends Bauchschmerzen wegen des nächsten Tages habe, dass meine Dauerkopfschmerzen noch nicht vollständig abgeklungen sind, dass ich immer noch Ohrengeräusche höre. Kennt ihr diese Radiowerbung von grip.po.stad, in der sich gefühlt die halbe Welt auf diese eine komplett kranke Mutter verlässt? Und am Ende macht sie dank der Medizin und auf Druck der Gesellschaft um sie herum weiter ihren Job und „übersteht auch diesen Tag“. Really? Seriously? Are you f*cking kidding me?! Wir brauchen uns nicht mehr zu wundern, wenn wir unter diesem Druck zusammenbrechen. Dass wir stolz darauf sind, ist die Krux unserer Zeit. Und sorry, unter Druck entstehen nicht nur Diamanten. Viel öfter entstehen unter Druck viele kleine Brösel.

Ich bin nicht gewillt, zu einem Brösel zu werden.

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Hannah Arendt sagt „Keiner hat das Recht zu gehorchen.“

vom Handwerken.

Der Mann beneidet mich um meine Nähfertigkeiten. Mit der Begründung „Du erschaffst aus fast nichts etwas Neues. Ich zerstöre nur.“ saß er neben mir und beobachtete wie ich und die Nähmaschine vor uns hin ratterten. 

Dass er aus dem „Zerstörten“ wiederum neue Regale oder andere Möbel gestaltet, war ihm dabei gar nicht bewusst. Also ein „aus Alt mach Neu“-Handwerker. 

Für uns beide gibt es dabei wenig Befriedigenderes als zu sehen, wie sich vor uns etwas Handfestes aus unserer Hände Arbeit manifestiert. 

Hauptberuflich sind wir übrigens beide studierte Kopfarbeiter.