20072019.

Gedankenbruchstücke.

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Während meiner Ausbildung – vor, äh, 15 Jahren – mussten wir während eines Seminars Feedback geben ohne wertende Äußerungen zu nutzen. Wörter wie „gut“, „schlecht“ oder ähnliches galt es zu vermeiden.

Das ist recht herausfordernd, denn der Grat zwischen Beobachtung, Feststellung, Meinung und Wertung ist ein sehr schmaler. Wenn jemand diese Übung nicht kennt, ist es ungewohnt und kann erstmal anstrengend sein.

Je nachdem wie wir formulierten, steckten wir Azubis uns damals (absichtlich) in Schubladen, tauschten Meinungen und handfeste Beleidigungen aus oder äußerten Kritik und Feedback.

Wie ich etwas empfinde ist oftmals, fast immer, etwas anderes als das was es vorgibt zu sein.

Wenn ich also „Meinung“ vorschütze, muss ich aufpassen, ob ich nicht vielleicht eher „AbWertung“ oder „Beleidigung“ äußere.

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Immer öfter lese oder höre ich von durchaus intelligenten und lebenstüchtigen Menschen den Satz „Ich bin so dumm“ im Zusammenhang mit Schusseligkeit oder Ungeschicklichkeiten, die halt so im alltäglichen Leben passieren können.

Und jedes Mal wieder frage ich mich, wann es schick geworden ist, sich selbst derart klein zu reden. Fehler oder Unglücklichkeiten können doch jedem passieren, wir sind ja alle Menschen.

Nur, wenn ich mich selbst schon kleiner rede und mache als ich bin, wie klein machen mich dann erst andere weniger wohlmeinende Personen? Ich bin es doch, die mir selbst die größte Achtung entgegen bringen sollte. (Auch das eine herausfordernde Übung.)

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Dumm ist nicht, wer dummes tut. Es beginnt schon bei unterlassenden Handlungen wie Schweigen. Oder bei Äußerungen.

Aus Gründen ist „dumm“ für mich die schlimmste Beleidigung, die ich kenne und die es in meinen Augen gibt. Wenig drückt für mich mehr Verachtung vor einer anderen Person aus. (Sie wissen jetzt also, es ist ernst, wenn ich derart beleidigend werde.)

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Alles wird leichter.

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18072019.

Jetzt im Moment sitze ich auf dem Balkon, neben mir das im Schlaf schmatzende Baby, der Hund zu meinen Füßen, Blumen im Blick und den Duft frischer Wäsche in der Nase.

Außerdem Chips und Schwipschwap. Tagwerk getan.

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Strohwitwe.

17072019.

tl;dr – MuttiContent, Stillen.

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Benötigen das Internet und die Welt noch mehr MuttiContent? Nein. Interessiert es irgendwen? Sicherlich nicht. Schreib ich trotzdem darüber? Natürlich. Weil ist ja mein Tanzbereich hier.

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Heute gelesen, dass Stillen eine „heilige Verbindung“ zwischen Mutter und Kind sei, eine „Verbindung, die alles sei“, in der die Mutter „zu sich finden kann“, so „natürlich“ und dabei „dem Mutterinstinkt zu folgen“ – „immer und überall mit dem Kind verbunden“.

Sagt mal, geht’s noch?! Was eine geschwurbelte K*ckschei*e.

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Ich bin sehr froh darüber, dass mir der Kinderarzt heute nochmal sehr deutlich sagte, dass nicht Vollstillen zu können und nicht genügend Milch zu haben, nicht meine Schuld und ein durchaus natürlicher Vorgang ist. Kommt vor, ja mei.

Wusste ich schon vorher, aber das dauert bis es von Kopf und Verstand hin zu Herz und Gefühl gewandert ist.

Und eine derartige Überhöhung eines biologischen Vorgangs ist dabei nicht hilfreich. Im Gegenteil.

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Ständige Verbundenheit? – Ich denke unaufhörlich an dem Babybjoy herum, und über ihn nach. Ach, und so diffus im Hintergrund simmernde Sorgen habe ich auch ständig. Sind die gurgelnden Geräusche, die da aus dem Beistellbett kommen, normal oder erstickt er gerade an sich selbst? Oh, er ist müde, ah, er schläft nur auf mir ein, äh, wie komme ich denn jetzt zur Toilette? Geht mir weg mit Verbundenheit!

Natürlicher Mutterinstinkt? – Blablubb laberrhabarber, ist ein Mythos. Ja, frei erfunden. Blödsinn. Bullsh*t. Hier ein Artikel zum Stand der Forschung, hier ein weiterer. Stichwort: soziales Konstrukt. Wir Frauen kommen nicht als gute Mütter mit ominösem Geheimwissen zur Welt. Es wird uns antrainiert – wer bekommt als Kind denn die Puppen in die Hand? Und nach der Geburt trainieren wir weiter, weil die Männer bei der Arbeit sind. Training, alles Training.

Stillen als Selbstfindung? – Seriously?! Yoga und Co sind out, oder wie darf ich das verstehen? Stillen als neuer it-Faktor – wer es nicht kann, ist raus? Stillen als Distinktionsmerkmal. Wie wahrscheinlich ist es, dass Frauen aus prekären Verhältnissen, die schnell wieder in Lohn und Brot stehen müssen, um Geld zu verdienen, länger als unbedingt nötig stillen? Nix da mit „dem Kind jederzeit schenken, was es braucht“ oder Langzeitstillen.

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Für uns hat das Stillen wahrscheinlich bald ein Ende. In den Momenten, in denen es funktioniert hat, war es super. Babyboy selig = Mama selig = Papa und Hund selig = happy family. Aaawww! (scnr)

Aber das hatte jedes Mal seinen Preis: unfassbare Schmerzen wegen Milcheinschuss, entzündeten Brustwarzen, beißendem und kratzendem Baby oder dem berühmten Sack Reis. Nahrungsumstellung hin zu Sachen, die die Milchbildung fördern sollten, von denen mir jedoch kotzübel wurde, weil ich sie einfach nicht mag. Ein hysterisch die Brust anbrüllendes unberuhigbares Baby, wenn es feststellen musste, dass diesmal wieder nicht genug Milch vorhanden ist.

Immer wieder Zufüttern, immer wieder die „Angst vor der Waage“, immer wieder neue Versuche. (Ja, erfahrene Hebamme vorhanden. Ja, Kinderarzt ebenfalls konsultiert. Alle Möglichkeiten ausgelotet.)

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Wenn frau in so einer Situation steckt, dann will sie nicht hören und lesen müssen, dass Vollstillen die alleinig geheiligte Lösung ist. Dann will sie Mitgefühl und Lösungsvorschläge. Das Kind muss schließlich satt werden und wachsen, und das nicht auf Kosten der Mutter.

Der Druck ist eh schon groß genug, will frau da lesen, dass sie implizit (oder gar explizit) Schuld ist, wenn keine Milch fließt? Schließlich muss sie es ja sein, denn ein natürlicher Prozess, eine geheiligte Verbindung kann doch nicht einfach so unterbrochen werden. Wo kämen wir denn dahin, wenn die Natur jeder Frau individuell reagieren würde? Hallo?!

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Schön ist der Satz, den ich gelesen habe, leider weiß ich nicht mehr wo, „es gibt so viele unterschiedliche Lösungen, wie es Familien gibt“. Es gibt kein Allheilmittel.

Und ja, ich beneide die Frauen, die einfach ihre Brüste auspacken können und zack, Baby satt. Es vereinfacht einen nicht unwesentlichen Aspekt des Zusammenlebens mit Kleinkind. Die Frauen haben dann aber andere Herausforderungen, auch das weiß ich.

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Hier geht die Ernährung des Quietschboy nun mit einer lustigen Mischung aus Abpumpen, Zufüttern und minimalStillen weiter.

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Es ist nur eine Phase.

10072019.

Ich habe heute ein Foto eingerahmt und gehängt, das unscharf ist, eine Lichtspiegelung hat wo keine sein sollte und auf dem wir überhaupt recht unvorteilhaft aussehen. Aber…es ist zwei Stunden nach der Geburt entstanden und unser erstes Foto als Familie. Auch wenn man den Quietschboy darauf fast nicht sieht.

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Wir haben Unmengen an Mulltüchern, ständig liegen irgendwelche irgendwo im Weg herum, aber nie ist eines zur Hand, wenn man es braucht. Ich nenne es „das Mulltuch-Paradox“.

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Vermutlich hat der eine, von unserer Vorbesitzerin übernommene, Buchsbaum sich den Zünsler eingefangen. Ich hoffe, dass der Befall stark genug ist, um dem Ding den Garaus zu machen. Der Mann hofft das Gegenteil.

Leider zeigt die Erfahrung, dass Dinge, an die der Mann sein Herz verschenkt hat und die ich gerne loswerden würde, sehr lange brauchen, um kaputt zu gehen.

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Am Wochenende kommt die Schwägerin zu Besuch und – ich freu mich drauf. Sie kommt mit nur einem Sohn, das macht das Ganze entspannt, und wir werden einfach Eis essen. Irgendwie ist im Verlauf des letzten Jahres sowohl bei ihr als auch bei mir ein Schalter umgelegt worden, der es uns beiden leichter macht.

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Wir leben recht zeitlos. Auch so ein Paradox: einerseits ist es bereits knapp zwei Monate her seit wir alle zuhause sind und ich frage mich, wie ging das jetzt so schnell? Andererseits kommt es mir vor als dauere der Sommer ewig und alles stünde still.

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Tausend Jahre sind ein Tag.

08072019.

Liebes schwangeres Vergangenheits-Ich,

egal, wie lange die Sodbrennen-Übelkeit-Kotzeritisphase gedauert hat und wie schlimm das zwischendurch gewesen ist, jetzt ist es vorbei. Du hast dich über die Geschichten gewundert, in denen Frauen ihre Männer nachts zum Kiosk oder zur Tankstelle schicken, um Essensgelüste erfüllt zu bekommen. Nun, wundere dich nicht länger: soeben hast du eine halbe Tafel Zartbitterschokolade, zwei Schüsseln Reis, mehrere Pflaumen und einen Teller Gemüsecurry in 20 Minuten verdrückt,und den Mann dabei im Minutentakt in die Küche gejagt, weil der Hibbelmors auf dir schläft. Gleich noch Eis als Nachtisch. Du isst wieder gerne, bist aber mäkelig geworden, aber Steak, Pommes, Pizza und Eis gehen immer. Überhaupt – Eis!

Dein Körper verarbeitet das, sei unbesorgt – du bist noch weicher und wabbeliger als zuvor, du weißt aber jetzt, was dein Körper zu leisten vermag. Dennoch bist du ungeduldig mit dir selbst, willst dich wieder bewegen und sogar Kraft aufbauen. Du merkst, dass ein wachsendes Kind schwer wiegt, selbst wenn es klein ist. Stark willst du werden! Gut für uns.

Überhaupt, stark sein – mental und seelisch balancieren wir wie Asterix und Obelix auf einem unsichtbaren Seil über einem Abgrund voller Krokodile. Es gibt gute und weniger gute Tage. Das unvorhersehbare Verhalten des Hibbelmors lässt dich an deinen Nerven und deinen Fähigkeiten zweifeln. Vielleicht wäre etwas mehr Meditation und weniger Social Media sinnvoll, aber es fällt dir schwer fünf Sätze geradeaus zu denken. Wobei – manchmal schaffst du auch mehr. Seichte Ablenkung FTW!

Was uns immer noch zu schaffen macht, ist dieses Ding mit dem Stillen. Erst Schmerzen, dann mangelnde Sättigung des Babys, nun Zufütterung, und trotzdem kein Wachstum. Also, schon, in die Länge halt, aber das Gewicht stagniert, noch sind die 4 kg nicht geknackt. Konnte ja keine ahnen, dass es Perzentile zu erfüllen gilt. Das zehrt an deinen Nerven, zusätzlich zu dem Kind, das an den Brüsten zerrt und hibbelt und nicht will und alles schmerzt und tut weh, und manche Träne ist schon geflossen.

So richtig Spaß macht das alles nicht und auch die himmelhochjauchzende innigmütterliche Verklärung will sich nicht einstellen. Stattdessen Launenhaftigkeit, Ungnädigkeit und aggressive Wut. Dass es derart wenige amoklaufende Jungmütter gibt und dass die meisten sich noch zu einem zweiten oder dritten Kind überreden lassen, ist ein reines Wunder und wird von der Allgemeinheit gar nicht hoch genug wertgeschätzt.

Ja, das Baby ist großartig. Selbstverständlich ist es das, schließlich ist es das schönste, schlauste und schnuffigste Baby der Welt. Kein Wunder, bei den Eltern. – Dennoch, allein selig machend ist es nicht, das wusstest du aber schon vorher. Dass du trotzdem so sehr darum kämpfen musst, weiterhin eine eigenständige Frau zu sein bzw dich so zu fühlen und dich nicht nur als Milchbar zu sehen, ist hart und dass es so früh schon „all in“ geht, überrascht dich doch ein wenig. Blauäugig waren wir schon immer, sind einem Kampf aber auch selten ausgewichen.

Die Frage ist also nicht, ob wir gewinnen werden, sondern wie wir am Ende daraus hervor gehen werden. Im Zweifel, hocherhobenen Hauptes.

Sincerely, yours.

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Kopf hoch, wenn der Hals auch dreckig ist.

27062019.

Kontakt halten fällt mir derzeit schwerer als eh schon, offline wie online.

Mein kleiner analoger Freundeskreis beruht schon seit einigen Jahren darauf, dass wir es uns nicht übel nehmen, wenn wir länger nichts voneinander hören. Zu groß ist die Macht, die sich „Bequemlichkeit“ nennt, in uns. Es ist Glück, dass wir leicht aneinander anknüpfen können, wenn wir uns doch treffen – tiefe Zuneigung wiegt schwer.

Online merke ich, wie ich abdrifte, den Anschluss verliere – meine Schwerpunkte haben sich verschoben. Was ich nicht sein will, ist die Jungmutter, die nur über ihr Baby und dessen Niedlichkeitsfaktor schreibt. Jedoch – zu mehr bin ich momentan nicht in der Lage. Also schweige ich.

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Ich hoffe darauf, noch jemanden anzutreffen, wenn ich wieder aus meinem Loch hervorgekrochen komme.

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Reden ist Schweigen und Gold ist Silber.

25062019.

Wie erwartet, habe ich anlässlich Papas Geburtstag ungefähr fünf Sätze mit ihm und anschließend die doppelte Menge davon mit Mama gewechselt. Entgegen meines Hinweises, dass es nichts zu erzählen gibt, ich seinetwegen anrufe und es allen gut geht. – Auffallend ist ihr veränderter Tonfall seit ich Mutter geworden bin, süßlich-vertraulich.

Wir haben uns trotz des insgesamt recht kurzen Telefonats in die Wolle bekommen – sie wirft mir vor mit Fotos des Sohnes zu geizen, er sei schließlich ihr Enkel. Das war dann wieder die bekannte Tonart. Ich halte dagegen, dass er halt aussieht wie ein Baby und wir grundsätzlich wenig bis gar keine Bilder machen. (Der Mann und ich lassen uns beide nicht gerne fotografieren und haben eine Abneigung gegen die Herumreichung von Enkelbildern im Freundeskreis unserer Eltern. Das wirkt sich aus.)

Zudem bin ich der Meinung, dass sie kein Anrecht auf Teilhabe hat, nur aufgrund von Blutsverwandschaft – nicht bei mir, erst recht nicht beim Kind. Das ist allerdings ein argumentatives Fass, das ich in der Herkunftsfamilie nicht zu öffnen gedenke. (Blutsverwandschaft ist Zufall. Ich habe durchaus die Pflicht für mein Kind Sorge zu tragen und es hat ein Recht auf diese Versorgung, schließlich ist es nicht freiwillig, sondern aufgrund meiner Entscheidungen auf dieser Welt. Entsprechend sind die Schuldigkeiten m.M.n. verteilt. – Seien Sie doch so nett und erinnern mich zu gegebenem Zeitpunkt daran. Ja, es ist nicht leicht mit mir.)

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Anlässlich von Geburt, Tod und Hochzeit über die Kulturtechnik des Kartenschreibens sinniert und wie schwierig es ist, Worte zu finden, die über die üblichen Plattitüden hinaus gehen, dabei nicht schwülstig oder anbiedernd wirken und zudem sowohl der Schreibenden als auch der Lesenden gerecht werden. Gar nicht zu sprechen von der Auswahl der Karte und ihrer Gestaltung.

Es ist nicht nur eine Technik, sondern auch eine Kunst und zwar eine aussterbende.

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Was bleibt?