15022019.

Ich liege in der Dunkelheit.

Ich weiß den Mann im unteren Stockwerk, den Hund bei ihm. Das Kind in mir ruht.

Es ist ein Moment der Stille, ich bin ganz für mich. Niemand ist ein Teil von mir – der Mann nicht, das Kind nicht, die Welt nicht.

Ich bin allein und bin es doch nicht.

Ich bin einsam und bin es doch nicht.

Ich bin einzig.

Ich bin Atlas, die die Weltenkugel auf Schultern trägt.

Nicht die Welt der Menschen, nicht die des Kindes, nicht die des Mannes.

Ich trage mich und meine Welt.

***

Diese Diskrepanz zwischen Alleinsein, Einsamsein und Eingebettetsein in FamilieundFreunde nicht mehr auflösen können. Oder gar wollen.

Weil es ist, wie es ist.

Advertisements

11022019.

Beim blauen Kurznachrichtendienst verlassen derzeit viele, denen ich folge, das sinkende Schiff, oder reduzieren die Nutzung drastisch.

Mich schmerzt das ein bisschen, mehr als ich mir eingestehen vermag, denn es handelt sich dabei um die gemäßigten Stimmen, um diejenigen, die dieser aufmerksamkeitsheischenden Kakophonie noch lesenswerte, interessante, schillernde und überraschende Facetten hinzugefügt haben.

Dabei verstehe ich die Intention, der Aufregung, der alles aufsaugenden Hysterie und dem lauten Geschnatter zu entkommen, so gut.

***
Wie wird man ein gefestigter Mensch? Woher wissen Sie, wer Sie sind? Ich kenne mich kaum.

Bin ich gefestigt, weil ich Haus, Hof, Mann und Hund zur Seite habe? Ist mein Innerstes nicht weiterhin mit Fragen, Suchen, Drängen beschäftigt? Sehnt sich nicht mein Ich nach anderen Abenteuern? Weiß ich, wer ich bin?

Vielleicht gibt es da diesen Kern, der verantwortlich ist, in diesem Leben, dem vorherigen und dem vorvorherigen und all jenen davor, für das was mein Ich ausmacht.

Vielleicht ist alles andere nur Deko, Blingbling und Vergänglichkeit.

Vielleicht kommt es nicht so sehr auf das Ich an, sondern auf die Seele.

***

Vor dem Terrassenfenster stürmt es.

Der Babyquilt ist fertig.

Der neugierige Hund schnarcht.

Die Welt dreht sich.

***

Ich weiß es doch auch nicht.

05022019.

Wie erzählt man, dass man in dieser Geschichte die Anna, die vermeintlich Böse, wäre, dass man diejenige ist, die andere ohne Rücksicht auf Verluste verletzt hat?

***

Vielleicht weist man als erstes darauf hin, dass Gut und Böse von Menschengeist definierte Moralvorstellungen sind, die sich nicht nur im Zeitenwandel ändern, sondern bereits von Mensch zu Mensch.

Vielleicht erwähnt man zu Beginn, dass Schuld und Unschuld selten klar definierte Seiten sind, wie Schwarz und Weiß, sondern ineinander übergehen, wie Tag und Nacht, und aus einem kalten Morgengrauen und einem warmen Abendrot bestehen können.

Vielleicht eröffnet man den Gedankenreigen aber auch damit, dass eine Freundschaft eine Beziehung ist, zu der zwei Menschen ihr Sein und ihr Gefühl beitragen und die von Beiden subjektiv hinsichtlich ihrer Wahrheit interpretiert wird. Der wahre Kern liegt irgendwo zwischen diesen beiden Menschen und ist selten bis nie sichtbar, und wenn dann nicht zur Gänze.

***

Ich habe zwei Frauen bewusst aus meinem Leben gestrichen, beide unabhängig voneinander, beide jedoch zu einem relativ ähnlichen Zeitpunkt.

Es war (aus dem Nachhinein betrachtet) überraschend einfach, mich nicht mehr zu melden, Anrufe und SMS nicht zu beantworten, mich auf „abwesend“ zu schalten. Ich habe nicht die Wohnung, nicht die Stadt, nicht das Land gewechselt. Ich habe weder Arbeits- noch Freizeitgestaltung geändert.

Ich habe mich „nur“ selbst aus ihrem Leben herausgeschnitten. Habe Verlinkungen und Markierungen in den social media-Portalen entfernt, digitale Fotos gelöscht, nach und nach, wenn ich gerade daran gedacht habe oder es eben passte, nicht in Form einer To-do-Liste, sondern „ach, da war noch was“, und am Ende folgte der Klick auf „Freundschaft beenden“.

Vorbei.

***

Wenn Sie mich nun fragen, warum und wieso und was genau der Grund…?

Ich könnte Ihnen zu jeder dieser beiden Frauenfreundschaften genau eine spezielle Situation schildern, in der es bei mir „Klick“ gemacht hat und ein Schalter umgelegt wurde. Je eine Situation, die für Sie als Leser*in sehr banal klingen würde, so sehr banal, dass Sie nur den Kopf schütteln würden.

Das Gefühl, das diese Situationen in mir auslösten, war ein „Ich werde nicht gesehen“ – es war ein eklatantes Ungleichgewicht, in das ich mehr und mehr Energie hinein gab und nichts zurück bekam. Es waren Beziehungen, die nur dadurch Bestand hatten, dass eine Hälfte sich oder einen Teil von sich zur Verfügung gestellt hat, so dass die andere Hälfte davon profitieren konnte. Wie eine Batterie, die ein Licht antreibt. Nur dass es sich um eine einseitige Verbindung handelte, in der die Batterie kein Solarpanel hatte, um sich durch das Licht wieder aufladen zu können.

***

Letzten Endes war es Selbstschutz. Ich zog eine Reißleine, weil ich das Gefühl hatte mich selbst retten zu müssen.

Das ist meine Wahrheit der Geschichte. Ich weiß, dass die anderen beiden Beteiligten eine andere Geschichte erzählen, weil sie eine andere Wahrheit erlebt haben.

Mit beiden Frauen hatte ich jeweils noch zufällig Kontakt, wie man sich halt auf Weihnachtsmarkt oder Seefest so über den Weg läuft, und beide Male hatte ich das Gefühl, eine in der Konsequenz richtige Entscheidung getroffen zu haben.

(Die Ausführung, nunja, lässt sich mutiger, eleganter und rückgratvoller gestalten. Gebe ich zu.)

***

Nie rechtfertigen.

***

Frau Donnerhallens Gedanken zu Annas Geschichte.

Kikis Überlegungen zu Annas Geschichte.

Jawls Gedanken zu Annas Geschichte.

Evas Erinnerungen zu Annas Geschichte.

01022019.

Was mich zurzeit in Rage versetzt, beliebige Reihenfolge:

  • Die scheinbare Notwendigkeit mich bereits vor der Geburt um die Betreuung in einem Jahr kümmern zu müssen, wegen extrem früher Anmeldefristen wegen hoffnungsloser Überfüllung gefühlt aller Kita-Plätze, und mir war zwar klar, dass unsere Gesellschaft familienfeindlich ist, aber nicht, dass es derart schlimm ist.
  • Männer, die mich auf der Straße von der Seite anquatschen, mit jovial-besserwisserischen Kommentaren – trotz eindeutiger keine-Kommunikation-gewünscht-Signale (Kopfhörer, Telefonat, kein Augenkontakt, stures auf-den-Boden-blicken, schnelle Gangart). Ein Verhalten, das sich aktuell wiederholt und häuft. (Und ganz ehrlich, ich möchte jedem Einzelnen in die Fresse hauen, bin aber zu gut erzogen. Was erlauben die sich, sich in mein Leben zu drängen?!)
  • Das System, das dafür sorgt, dass die Hilfsmaßnahmen für Migrantinnen, für die ich zurzeit tätig bin, jedes Mal nur für ein Jahr ausgeschrieben und eingekauft werden, max. jedoch für drei Jahre, und dass dabei das günstigste Angebot eingekauft wird, in dem der Personalschlüssel zu eng, die Coaches zu wenige und die Teilnehmerzahl die höchstmögliche ist. Es ist ein Kampf gegen Windmühlen, denn wenn wir weg sind, gibt es wieder eine Person weniger, die ihnen hilft, sich in unserem Land, unserer Gesellschaft und unserer Kultur zurecht zu finden. Es ist menschenunwürdig, wie wir, die wir nicht nur reich an materiellen Werten sind, sondern auch an Wissen und dem Zugang dazu, mit diesen Menschen umgehen.
  • Der Kunde, der sich einen Teilnehmerplatz erschummelt hat, diesen nun besetzt hält, weil er keine Lust auf Sanktionen hat, aber das Geld für sich und seine Familie von den Brüdern im Ausland zugeschustert bekommt und der sagt, wenn er arbeiten würde, hätte er weniger Einkommen zur Verfügung. Was stimmt, denn er hat mehr zur Verfügung als ich netto erhalte, aber halt auch nur wegen der auswärtigen Brüder. (Ich äh, hab zwar noch Schulden, aber auch meinen Stolz. Trotzdem.)
  • Dieses ganze abgefuckte Gesellschaftssystem, das nur noch dadurch zusammen gehalten wird, weil es ein paar wenige Idealistinnen gibt, wie bspw. Sozialpädagoginnen, Flüchtlingshelferinnen, Pflegerinnen, Sozialarbeiterinnen, Pädagoginnen etc., die für einen schlechten Witz an Gehalt dafür sorgen, dass die Alten nicht alleine und unversorgt sterben, dass die Abgehängten nicht eskalieren oder Amok laufen und dass Kinder, Jugendliche, Alleinerziehende, Migrantinnen etc. zumindest ein Mindestmaß an Hilfe erhalten und irgendwie einen Rest Würde bewahren können.

Ich könnte noch weitete beliebige Kleinigkeiten aufzählen, aber dafür hab ich jetzt keine Zeit, weil ich noch Akten anlegen muss für die neuen Kundinnen nächste Woche und weil meine Stelle standardmäßig nicht in der Maßnahme eingeplant ist, aber alles dokumentiert, verwaltet und abgelegt werden will, weil das System es so vorsieht, weswegen meine Stunden vom Betreuungsschlüssel für die Kundinnen abgezogen werden, was weniger Zeit, weniger Betreuung und weniger Hilfe bedeutet.

***

Ich möchte gerade sehr viel zerstören. (Die Schwangerschaft scheint mich zu radikalisieren.)

***

Was wenn wir, die wir alle im sozialen Bereich arbeiten, durchgehend streiken würden?

Wer kümmert sich um eure Kinder und Alten? Wer sorgt dafür, dass ihr euch nicht mit den Kranken, den Obdachlosen, den Verwahrlosten, den Flüchtlingen, den Hilflosen, den Nicht-Gewünschten auseinander setzen müsst?

Wer ermöglicht euch eigentlich euer gutes, euer ignorantes Scheuklappen-Leben?

31012019.

Diese Woche zieht sich so lange wie der Januar sich gezogen hat, länger und länger. Mittwoch früh war ich bereits wochenendreif.

***

Die Schwangerschafshormone machen das alles nicht einfacher, ich bin mürbe, meine Nerven liegen blank. Der Höhenunterschied zwischen Himalaya und Mariannengraben ist nichts gegen dieses Schwanken zwischen Vorfreude und sorgenvoller Spannung.

Die Dunkelheit der letzten Wochen ist dadurch noch stärker geworden. Gestern und Heute bestanden nach der Arbeit aus schlafen und weinen. Erst die Heimkunft des Mannes konnte mich wieder ins Gleichgewicht bringen sowie die damit einhergehende Beruhigung, dass ich nicht alleine bin. Dass da jemand diesen Weg mit mir geht, auch die Holperigkeiten.

***

Wir beschäftigen uns mit Organisatorischem, vornehmlich mit Vorsorge. Patientenverfügungen, Testament, Vollmachten, aber auch ein nachträglicher Ehevertrag, Ausgleichszahlungen für Care-Arbeit und Rentenbeiträge werden hier gerade diskutiert. Nicht das Ob, sondern das Wie.

Der Mann ist Feminist, teilweise stärker als ich, und merkt es nicht einmal.

***

Irgendwann in den letzten sieben Jahren sind wir erwachsen geworden.

***

Und vielleicht geht es ja auch gar nicht darum, glücklich oder zufrieden zu sein, sondern meine inneren Dämonen erst auszuhalten und dann zum Schweigen zu bringen. Während des guten Lebens und mit all den Entscheidungen, die ich so treffe.

Zu akzeptieren, dass uneingeschränktes Glück oder auch Zweifelsfreiheit nicht ohne die Dämonen existieren können. So wie Tag und Nacht ohne einander nicht existieren.

Denn wie sollte ich Glück und Zufriedenheit sonst erkennen?

***

Es wird.

29012019.

Wenn Sie wissen möchten, wie es um meinen Geisteszustand bestellt ist, dann beobachten Sie bitte einfach, was ich in meiner Freizeit oder am Abend auf dem Sofa mache.

Zurzeit habe ich eine Malen-nach-Zahlen-App für mich entdeckt. Ein Feld antippen, mit Farbe befüllen, fertig.

Ich muss nicht darüber nachdenken, welche Farbe ich für welches Feld nehme, denn alles ist vorgegeben.

Ich muss mich nicht über Fehler oder Korrekturen ärgern, denn eine einmal ausgewählte Farbe kann nur im vordefinierten Bereich gemalt werden.

Die Bilderchen sind hübsch und harmonisch, bleiben aber auch nicht im Gedächtnis hängen, belegen also keine Speicherkapazität.

Die Tätigkeiten meinerseits beschränken sich insgesamt auf Antippen und Atmen.

***

Geht gerade noch so.

Mehr aber bitte nicht.

28012019.

Der Monat zieht sich wie ein ausgespuckter Kaugummi, der an den Schuhen kleben bleibt. Er fühlt sich auch so an, zäh, grau und unansehnlich.

Das Mantra dieser Tage: auch das geht vorbei.

***

Im Traum Malaysia (?) in die Luft gejagt, als ich im Auftrag einer schwäbischen Geheimorganisation (?!) ein Päckchen nach Großbritannien schicken sollte, damit es China (?!!) nicht in die Hand fällt.

Die Explosion fand auch nur statt, weil zu meiner Überraschung die Bomben scharf waren – im Gegensatz zu den Spielzeugpistolen, die nur „klickklick“ machten.

Äh, ja.

***

Wir haben das Kinderzimmer fertig gestellt. Das Bett müssen wir noch abholen, aber Wickelkommode, Stillsessel, ein Regal sowie das Beistellbett für die ersten Wochen sind da. Jetzt noch Bilder und Bücher. (Mir herzlich Wurscht, dass das Kind damit noch nichts anfangen kann, gehört für mich dazu.)

Die Familie kauft erste Geschenke, es macht mich irre, denn ich ahne, dass vieles unnützer oder hässlicher Schei* sein wird. Ich gebe zu, ich habe da nicht viel Vertrauen in unsere Verwandtschaft. (Wunschliste existiert, aber das stößt auf aktives Desinteresse bzw stumpfe Ablehnung. Wir werden also einiges an soziale Einrichtungen weitergeben, wenn es so weit ist.)

***

Ich räume auf. Als wir vor 13 Monaten einzogen, haben wir vieles unbesehen einfach wieder in die Regale gepackt, nach dem Motto „passt schon“.

Jetzt hat mich nicht nur der Nestbautrieb gepackt, sondern auch die wahnwitzige Vorstellung „wie viel Vergangenheit schleppe ich mit mir herum, und was davon will (oder kann) ich meinem Nachwuchs später mal davon zumuten, sei es auch nur durch Zufall?“.

Daher wurden alle Tage- und Notizbücher entsorgt, viele Schulmädchenbriefe, Postkarten und ähnliche Schwergewichte, von denen ich nicht möchte, dass sie irgendwann von irgendwem gelesen werden.

Die Deutungshoheit über Details meiner Vergangenheit liegt also bis auf Weiteres bei mir. Und irgendwie ist es schön, das ganze Zeug los zu sein, denn es wirft keine (zusätzlichen) Schatten mehr auf mich.

***

Zeitzeugen müssen andere werden.