18092019.

Nur Momentaufnahmen können es sein, die wir miteinander teilen. Zwei Tage später wirkt der innere Wahnsinn von Montag noch nach, als sei es eine Katharsis gewesen. Im Herzen noch ein bisschen wund, die Gefühle noch ein bisschen durcheinander gepuzzelt.

Es bleibt die Erkenntnis, dass es selten das Eine Gefühl ist, das zu schaffen macht – es ist die weite Ebene, die zwischen den guten und schlechten Tagen liegt. Die sich zwischen den großen und kleinen Gefühlen, den wilden und den unaussprechlichen, den zahmen und liebevollen Empfindungen, ausbreitet und sie dabei doch so unausweichlich verbindet, dass die Ambivalenz kaum auszuhalten ist. Es ist das Dämmerlicht, das dafür Sorge trägt, dass der immense Unterschied zwischen Tag und Nacht unsere Seele nicht verstört und unser Sein nicht überfordert.

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Und so sind es in diesem Moment wieder entspannte Zeiten, die wir verleben. Nicht nur der Quietschboy entwickelt sich. Wir schlafen, kuscheln und spielen, machen Quatschkram, bespaßen Le Wuff und sind uns einig, dass die gemeinsame Zeit eine wertvolle und gut verbrachte ist. Auch morgens um kurz nach Vier.

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Ich ahne, dass dies nur kurz anhalten wird. Wie kurz ist relativ. Aus der Heimat erreichen mich Nachrichten, die sich in Vorahnungen verwandeln. Aber bange machen gilt nicht, denn auch das gehört zum Leben dazu. Dazwischen ist nur eine weite Ebene, die wir durchqueren.

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Alles hat seine Zeit.

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16092019.

Die Tage und Nächte bewegen sich in geregelten Bahnen. Wir haben mittlerweile routinierte Abläufe etabliert, die uns auch erlauben bei Unternehmungen oder Vorkommnissen außer der Reihe ruhig zu bleiben. Alles irgendwie entspannt.

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Und doch kann ich kaum in Worte fassen, wie erschöpft und müde ich bin. Nicht auf einer körperlichen Ebene, irgendwo tiefer drinnen. Ich kann kaum formulieren, wie umfassend mir diese Situation, dieser Zustand, dieses Muttersein zuwider ist.

Diese Fremdbestimmung, diese Abhängigkeiten, dieses Nur-noch-für-andere-Existieren, dieses Nicht-mehr-Ich-Sein.

Ich kann aktuell niemandem gerecht werden: nicht dem Kind, dem Hund oder dem Mann. Am wenigsten mir selbst.

Sachen möchte ich an die Wand werfen, möchte wüten und zerstören. Möchte wie die Furien, die Walküren, wie eine Rachegöttin über die Welt hinwegziehen und sie brennen sehen. Und nein, „der süße Bub mit seiner starken Persönlichkeit“ (Zitat meine Mutter) gleicht das nicht aus. Es ist der unbedingte Wille weiterhin Ich zu bleiben, der mich verzweifeln lässt.

Für mich war Mutterschaft nie ein über allem stehendes Ziel. Und jetzt in diesem einen f*cking Moment, in dem ich hier sitze und weine, bereue ich es sehr mich dafür entschieden zu haben.

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Es ist was es ist.

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Hinweis: Ich werde diesen Text nicht diskutieren. Ich werde mir nicht das Wort im Mund herum drehen, mich fehl interpretieren lassen, dass ich mein Kind nicht lieben würde oder ähnliches. Ich werde es einfach aushalten und Sie auch.

02092019.

Die eigene innere Unzufriedenheit. Vielleicht ist sie der Grund, weshalb Menschen die Welt brennen lassen sehen wollen?

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Ich habe wieder losen Kontakt zu Personen aus meiner Hannoveraner Zeit hergestellt. Kontakt, den ich einschlafen ließ, weil ich das Glücklichsein der Anderen nicht ertragen konnte.

Nicht, weil sie mir etwas getan hatten oder etwas vorgefallen war. Sondern, weil es mir dreckig ging, weil mein Kopf, mein Denken mir einen Streich spielten. Weil das Gras auf der anderen Seite des Zaunes grüner war schien als auf meiner. Weil ich mir selbst nicht genügte.

Nun aber, denke ich, bin ich gewappnet und merke, ich bin es nicht. Es ist noch immer da, dieses Gefühl der Unsicherheit, des Unzureichendseins, der Unzufriedenheit.

Dabei bin ich so reich.

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Also. Wie? Woher? Weshalb? Und wieder stehe ich vor einem inneren Trümmerhaufen, der da vielleicht schon die ganze Zeit lag, und bin nicht bereit, wie früher, alles hinzuschmeißen und alles, alles neu zu machen. Denn ich bin ja nun nicht mehr alleine, und will es auch nicht mehr sein.

Ich lerne, ich muss etwas ändern, wenn ich etwas ändern will. Ich denke an Träume, an die ich mich nicht heranwage, denn dann könnten sie ja scheitern. So wie es ist, werden sie jedoch auch nicht real, natürlich nicht, sondern bleiben schlicht Träume.

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Wie mutig bin ich? Wie mutig will ich sein? Und wem darf ich mein Unzufriedensein noch zumuten?

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Schall und Rauch.

30082019.

Morgens, 09:34 Uhr, zwei große Tassen Kaffee, eine halbe Tafel Schokolade. Ich nenne es Frühstück und freue mich auf mein Bett heute Abend.

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Social Media allgemein, und Twitter im speziellen, finde ich derzeit…schwierig.

Es scheint als erwarten wir, dass wir und andere uns in diesen Netzwerken anders verhalten als wir es im analogen Leben machen. Aber, definiere „anders“. Schließlich sind wir in jedem Medium doch nur ein Abbild des Ganzen, pars pro toto.

Wir sprechen von der eigenen „wohlkuratierten Timeline“, wenn jemand sich mit hässlichen Retweets, noch hässlicheren Diskussionen oder, schlimmer noch, Trollen auseinander zu setzen hat. Als würde diese Jemand sich mit Absicht die Gesprächs“partnerinnen“ aussuchen, die dissen, hassen und trollen.

Wir wundern uns, wenn der nette Kontakt, mit der die letzten Jahre über Schwangerschaft und Kleinkindthemen geschrieben wurde, plötzlich zu einer „Das-wird-man-noch-sagen-dürfen“-Person wird – wie der anstrengende Mensch beim Elternabend.

Wir erwarten in den „sozialen Medien“, dass die Teilnehmerinnen sich sozialer, einfühlsamer, aufmerksamer verhalten, weil es ja „soziale“ Medien sind, höhö. Wir erwarten, dass Menschen über ihre Filterbubble hinaus sich mit Kritikerinnen, Besserwisserinnen und beleidigenden Pöblerinnen auseinander zu setzen haben, schließlich „muss man die Gegenseite hören“.

Wir sind entsetzt, wenn dem nicht so oder gar ganz anders ist und sich herausstellt, dass diese Accounts, die wir doch so gut zu kennen glauben, nur eine Facette der Person dahinter widerspiegeln. Wie, darf das denn sein?! Darf es sein, dass hier jemand nur Momentaufnahmen des eigenen Lebens zeigt?!

Dabei ignorieren wir geflissentlich, dass wir selbst seit der Schulzeit mit denselben fünf Pappnasen dieselben Gespräche über dieselben Themen wieder und wieder führen, und unseren Horizont weder erweitern noch über den eigenen Tellerrand schauen.

Im Gegenteil, wir müssen froh sein, in unserer eigenen undurchsichtigen modernden Brühe von gestern nicht unterzugehen, denn dann könnte die Nachbarin von nebenan bei Auffinden der ersoffenen Leiche ja feststellen, dass wir vor unserer eigenen Haustür nicht gekehrt haben. Und erst recht nicht unterm Sofa.

Wir legen Maßstäbe an Menschen, die wir selbst nicht bereit sind zu erfüllen und erwarten doch, dass andere es tun. Wie im echten Leben.

Herzlichen Glückwunsch, wir erfüllen alle Kriterien für die Kategorie „Messen mit zweierlei Maß“.

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Ich habe mir meine Timeline schön kuratiert, die digitale ebenso wie die analoge.

Manche Menschen ignoriere ich, denen höre ich nicht mal zu, wenn sie vor mir stehen würden. Anderen lausche ich nur bei bestimmten Themen, Situationen oder Diskussionen. Die wenigsten dürfen ungefiltert zu mir durchdringen.

Und wer bin ich, zu erwarten oder gar zu fordern, dass andere das (mit mir) anders handhaben?

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Es ist heutzutage ein Rauschen im Äther, wirr, undeutlich und überbordend. Es ist massiv, es ist belastend, es ist – auf allen Ebenen – zu viel und bereits der Gedanke alles aufnehmen zu müssen, überfordert mich.

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Bleibt alles anders.

29082019.

Morgens um vier Uhr bei offenem Fenster dem Regen lauschen. Und dem Atem von Hund, Kind und Lieblingsmensch.

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Es bleibt der Wunsch, dass Regen alles Leiden, alle Wut und Frust wegspülen, reinigen, hinfort tragen möge. Auf der Erde, im Menschen, sintflutartig. Aber ach, es bleibt nur ein Wunsch.

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In zwei Stunden wird die Sonne wieder aufgehen und nichts, alles wird sich geändert haben.

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So tröstlich, so verwunderlich.

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Demut würde der Menschheit gut zu Gesicht stehen.

28082019.

Weniger als vier Monate bis Weihnachten. Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.

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Die aktuelle Hitze hat uns alle hier in der Mittagspause gerade für zwei Stunden ausgeschaltet. Nur der Mann muss arbeiten.

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Was mich derzeit besonders berührt:

die pastellfarbenen Sonnenaufgänge, überhaupt all das Licht und seine Spielarten, die Hand, die sich in mein Oberteil krallt, wenn ich das zugehörige Baby halte, die Hundeschnauze, die sich in meine Seite drückt, um bekuschelt zu werden.

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Ich habe nachwievor mit dem Sein zu kämpfen, das ist nichts neues mehr. Allerdings versuche ich Muster abzulegen, neue Wege zu finden, leichtere, einfachere. Nichts im großen Stil, nur Kleinigkeiten.

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Kleinvieh macht auch Mist.

16082019.

Der erste Kaffee des Tages ist prompt kalt geworden.

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Ich habe noch acht Stunden Zeit, um für den 24-Stunden-Aufenthalt bei den Schwiegereltern zu packen. Man darf gespannt sein, wie viel ich in dieser Zeit schaffen werde. Gefühlt handelt es sich um die Packmenge für den Auszug aus Ägypten.

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Der Sohn hat, wie es scheint, seine nächtlichen Schlafzeiten umgestellt und es ist nur eine Phase. Es ist nur eine Phase. (Nicht wirklich schlimm, aber etwas wilder als zuvor was die Dauer der einzelnen Schlafabschnitte angeht.)

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Nachdem der Mann mir gestern nun detaillierter erzählt hat, was er eigentlich in dem neuen Arbeitsprojekt machen wird, musste ich ihm leider ein Redeverbot für das im Oktober anstehende Große Familientreffen (künftig nur noch #GFT) in meiner Heimat erteilen. Aus Gründen, wie es so schön heißt.

Das wird übrigens sehr „interessant“ werden, denn wir werden nicht nur bei meiner Mutter übernachten (im Kinderzimmer, mit nur einem 90cm-Bett, „im Nebenzimmer steht auch noch eins“ – aha), sondern auch Verwandtschaft treffen, die ich locker 20 Jahre nicht mehr gesehen habe und die in freikirchlich-christlichen Sekten Organisationen aktiv sind. (Ich gebe zu, dass ich zudem eine Art Hinterwäldler-Vorurteil habe, denn es handelt sich um die Sippe aus dem tiefsten Schwarzwald.)

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Es bleibt spannend.